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Die drei von der Späti-Tanke

Das Dresdner Kabarett Herkuleskeule zündet im neuen Programm nicht nur im Kühlschrank ein Licht an.

Sophie Lüpfert, Detlef Nier Beate Laaß
Sophie Lüpfert, Detlef Nier Beate Laaß © © Robert Jentzsch | www.rjphoto

Von Rainer Kasselt

Dreimal wurde die Premiere verschoben. Corona funkte dazwischen. Nun endlich Vorhang auf in der Herkuleskeule. Das Stück „Im Kühlschrank brennt noch Licht“ spielt in Dresden vor einem Spätshop mit Theke. Im Hintergrund toben Demos und Gegendemos mit eingespielten Originalszenen. Drei Figuren im Zentrum: Herta, die berlinernde Späti-Betreiberin, kennt das Leben und hofft auf regen Bierverkauf. Britta, die sächselnde Aushilfe mit Baby, träumt von einer Karriere als Kabarettistin. Professor Frommelt, der schlauchende Stammgast, weiß alles besser und schäkert gern mit Damen. Ausgedacht haben sich das Ganze Keule-Chef Philipp Schaller und der Berliner Michael Frowin, der es mit tollen Einfällen in Szene setzte. Beide Autoren arbeiten seit über zehn Jahren zusammen, jüngst im Programm „Hüttenkäse“.

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Sophie Lüpfert ist neu an der Keule

Die Interpreten schlüpfen in mehrere Rollen, singen und tanzen, was das Zeug hält. Allen voran Detlef Nier, nach langer Krankheit wieder auf der Bühne. Der geborene Kabarettist macht aus jeder Nummer einen Hit. Ob als Revolutionstourist („Hauptsache, du leistest Widerstand, egal wogegen“) oder als bauwütiger Egomane, der sich in seinem Bunker „Wolfsschanze“ vor Revoluzzern und deutschen Geheimdiensten schützen will. Hinreißend Niers Auftritt als „böser, böser Günther“, der mit Plastiktüte vom Einkauf kommt. Sophie Lüpfert, lange erfolgreich an den Landesbühnen Sachsen, stürzt sich mit Verve ins andere Genre. So als feministische Aushilfe Britta, wilde Flaggenverkäuferin und glitzernde Influencerin.

Die Dresdner Komödiantin Beate Laaß gibt die Chefin Herta und überzeugt als Rentnerin, die weiß, wo billig beerdigt wird, und als Staatssekretärin, die von Schule ohne Lehrer schwärmt. Umwerfend das Duett der Schauspielerinnen als Sandy und Mandy – ein starker Text gegen Fremdenfeindlichkeit –, inspiriert von den „Pussy-Terroristinnen“ Larissa und Rebecca aus der Carolin-Kebekus-Show. Am schönsten agiert das Ensemble als fitte Rentner-Rocker-Band. Sie lässt es an ihren Krücken richtig krachen. Als wär’s eine Fortsetzung des Kultprogramms „Leise flehen meine Glieder“. Thomas Wand begleitet die drei von der Späti-Tanke an Klavier und Keyboard. Sie nennen ihn zärtlich spottend Mozart. Wand macht sich einen Spaß daraus, schlurft mit hängenden Schultern gelangweilt über die Bretter – im Gegensatz zum feurigen „Amadeus“ im Film.

Wolfgang Stumph ist begeistert

„Im Kühlschrank brennt noch Licht“ ist ein Abend voller Biss und Witz, mit galligen, manchmal ausufernden Texten, schwarzen Pointen und Nonsens-Sketchen mit doppeltem Boden. Das Stück spiegelt den Riss, der die Gesellschaft spaltet, ohne simple Schwarz-Weiß-Klischees. Der lange Einstieg etwas hämmernd, kluge Argumente, aber zu gehäuft. Die Lieder über Anarchie, Wellnesswahn oder hochbegabte Kinder sind spitze. Es nimmt einem fast die Luft, wenn das Schicksal von Flüchtlingen als fröhlicher Lampedusa-Schlager verträllert wird: „Sieht man am Horizont im Wasser Menschen winken/Ist wohl wieder mal ein Kutter am Versinken.“

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Im Stück geht es um ideologische Gräben zwischen Klimaleugnern und Klimaaktivisten, Impfgegnern und Impfwilligen. Um Ängste und Armut in der Gesellschaft, um Lehrermangel, Pflegenotstand und Mietenwucher. Der Abend will das Publikum nicht nur mit dem Lied von Konstantin Wecker zu eigenem Tun ermuntern: „Was keiner denkt, das wagt zu denken.“ Attackiert wird rechtsextremes Handeln. Neonazis und AfD-Spitzenfunktionäre werden beim demagogischen Wort genommen, ihre Demokratie zerstörenden Absichten bloßgestellt. Lasst euch nicht verführen, lautet unausgesprochen die Mahnung. Wie sagte Premierengast Wolfgang Stumph beim Hinausgehen? „Bestes politisches Theater.“

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