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"Es ist unfassbar, mit welchen Etiketten man belegt wird"

Kabarettist Dieter Nuhr wird 60, aber er wird längst nicht nur gefeiert. Im Interview äußert er sich zu Greta und Skandalisierung als Normalzustand.

Für Dieter Nuhr ist Skandalisierung inzwischen Normalzustand: "Wenn ich einen Grünen kritisiere, bin ich ein Klimaleugner. Wenn ich die AfD kritisiere, bin ich ein Volksverräter."
Für Dieter Nuhr ist Skandalisierung inzwischen Normalzustand: "Wenn ich einen Grünen kritisiere, bin ich ein Klimaleugner. Wenn ich die AfD kritisiere, bin ich ein Volksverräter." © dpa/Marcel Kusch

Er ist Kabarettist, Comedian, Bestseller-Autor und erfolgreicher Fotograf. Dieter Nuhr hat in Essen Kunst und Geschichte auf Lehramt studiert. Sein erstes Soloprogramm „Nuhr am Nörgeln“ brachte er 1994 auf die Bühne. Er hat den Deutschen Kleinkunstpreis und fünf Mal den Deutschen Comedypreis gewonnen. 

In der ARD läuft seine Satire-Sendung „Nuhr im Ersten“. Für die Neue Zürcher Zeitung ist er „Deutschlands erfolgreichster wie meistgehasster Kabarettist“. Am Donnerstag wird er 60. Im dpa-Interview spricht er über Boykottkultur, die Skandalisierung als Normalzustand der Auseinandersetzung.

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Herr Nuhr, wie feiern Sie Ihren 60.?

Normalerweise sind wir an meinem Geburtstag immer irgendwo in der Welt auf Reisen. Diesmal werden wir wohl in Italien sein. Feiern kann man ja nicht.

Vor zehn Jahren haben Sie sich über Leute beklagt, die ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Ist es seither schlimmer geworden?

Es ist flächendeckender geworden. Es gibt kaum noch ein Thema, bei dem nicht Leute fordern, dass man den Mund hält und dass einem die Sendung weggenommen wird. Für mich ist das aber kein so großes Problem. Ich kann mich wehren.

Werden Sie auch körperlich bedroht?

Nein, der Shitstorm ist ja die humane Variante des Mundtotmachens. Es geht um Berufsverbote, um das Nichtengagieren von Künstlern, um Mobbing. Für mich ist das zentrale Problem der Cancel Culture, dass es nicht um das Gesagte geht, sondern darum, Personen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Bei meiner Arbeit geht es im Wesentlichen um Spaß. Seit einiger Zeit wird aber von ihr gesprochen, als sei ich ein politischer Kämpfer, der besonders polarisierende Dinge von sich gibt. Sehr viel von dem, was ich sage, sind Selbstverständlichkeiten für eine große Mehrheit.

Aus welchem Spektrum kommt Kritik?

Es ist unfassbar, mit welchen Etiketten man belegt wird. Ich bin weder Wissenschafts-, noch Corona- oder Klimaleugner, ich bin ja kein Idiot. Es geht mir um eine differenzierte Sicht auf die Dinge. Sind die Maßnahmen gegen den Klimawandel die richtigen, wie ist die Kosten-Nutzen-Statistik? Lustig mache ich mich über Fetische und ineffiziente Dinge. So wird man schnell zum Feind.

Geärgert hat viele Ihre rhetorische Frage, was Greta Thunberg im Winter macht. Heizen könne es ja nicht sein.

Ich bewundere sehr, wie Greta sich einsetzt, mit welchem Idealismus und mit welcher Härte gegen sich selbst. Aber Heizen ist tatsächlich ein Problem. Die globale Wirtschaftsweise zu ändern, ist wahnsinnig schwierig, ohne wahnsinnig viel Leid zu erzeugen. Nur Abstellen, Aufhören, Stoppen führt zu großen Opfern. Wir sehen ja bei Corona, wie viele Millionen Menschen in Armut fallen, wenn wir nur sechs Wochen die Weltwirtschaft abstellen. Aber es wird nur darüber diskutiert, ob ich einen Witz über Greta machen darf, die damals mächtigste und wichtigste Frau der Welt.

Sie werden auch angefeindet, weil Sie gegen gendergerechte Sprache sind.

Der grammatikalische Artikel hat im Deutschen mit dem Geschlecht des Bezeichneten nichts zu tun. Daraus abzuleiten, ich hätte nichts übrig für die Gleichberechtigung und die Freiheit aller Lebensentwürfe, das kann nur böswillig gemeint sein. Bestimmte Gruppen beanspruchen für sich die Hoheit über die Zeichen und die Herrschaft über die Sprache. Diese Leute glauben, man müsse die Sprache ändern, damit sich die Realität ändert. Dieser Glaube ist ohne jeden Beleg und ein Zeichen für ideologischen Kontrollwahn.

Dieter Nuhr beobachtet bei vielen Zeitungen einen "Kulturverfall".
Dieter Nuhr beobachtet bei vielen Zeitungen einen "Kulturverfall". © dpa/Marcel Kusch

Seit wann weht Ihnen der Wind so ins Gesicht?

Irgendwann wurde entdeckt, dass ich das kabarettistische Klischee verlassen habe. Natürlich ist jeder gegen den Klimawandel. Aber wenn man darüber nachdenkt, was man dagegen tun kann, verlässt man die gemeinsame Basis und wird vom Freund zum Feind. Wenn ich einen Grünen kritisiere, bin ich ein Klimaleugner. Wenn ich die AfD kritisiere, bin ich ein Volksverräter. Drunter macht es keiner mehr. Skandalisierung ist der Normalzustand unserer Auseinandersetzung. 

Dass ich da mitten drin bin, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich ideologisch nicht leicht verortbar bin. Ich halte stete Veränderung für einen wesentlichen Motor meines Handelns und bin weit weniger konservativ als die meisten, die mir Konservatismus vorwerfen. Ich glaube, es gibt nichts Konservativeres als Teile der Linken, die mit Methoden des 19. das 21. Jahrhundert gestalten möchten.

Ist die neue Hysterie ein Social-Media-Phänomen?

Ja, denn jeder hat jetzt eine Art Flüstertüte, mit der er sich bemerkbar machen kann. Viele Medien, die man früher als Alternative hatte, sind nun Verstärker dieses Wutbürgertums, indem sie morgens die Twitter-Trends checken. Was da getrendet hat, landet in der Zeitung. Leider machen sich die alten Medien damit überflüssig.

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Ermüdet Sie diese Hysterie?

Oft. Ich kann es aber nicht ändern. Ich halte den Dauershitstorm für ein schlimmes Symptom, weil er zeigt, wie sehr sich die Bereitschaft verringert hat, andere Denkansätze als bereichernd zu empfinden.

Schon mal daran gedacht, nur noch zu fotografieren?

Nein, im Gegenteil. Ich halte es für wichtiger denn je, nicht klein bei zu geben. Je größer die Lautstärke, umso wichtiger sind nachdenkliche Stimmen. Ich halte mich für eine nachdenkliche Stimme, auch wenn in der Zeitung steht: „Nuhr wütet wieder“. Das ist gelogen. Ich wüte nie. Ich spreche in der Regel ruhig und bedacht. So geht heute skandalisierender Journalismus.

Leider muss man in vielen Tageszeitungen einen Kulturverfall diagnostizieren. Viele Menschen sehen sich dort mit ihrer Haltung zum Leben nicht mehr repräsentiert. Für die bin ich ein wesentlicher Faktor. Ich versuche, mit Freude an der Auseinandersetzung auf lustige Art Nachdenklichkeit zu erzeugen. Ich glaube, dass deshalb so viele meine Sendung gucken.

Interview: Frank Christiansen

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