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Warum es im Mittelalter keine Babys gab

Die Dresdner Bestsellerautorin Sabine Ebert beendet ihre fünfteilige Barbarossa-Saga. Wir verlosen Karten.

Nach zehn Bänden und 7.000 Seiten Mittelalter setzt Sabine Ebert einen Schlusspunkt unter das 12. Jahrhundert. Ihr nächster Historienroman soll vor allem in Dresden spielen, wo die Autorin mit Blick auf die Frauenkirche lebt.
Nach zehn Bänden und 7.000 Seiten Mittelalter setzt Sabine Ebert einen Schlusspunkt unter das 12. Jahrhundert. Ihr nächster Historienroman soll vor allem in Dresden spielen, wo die Autorin mit Blick auf die Frauenkirche lebt. © Ronald Bonß

Keine andere Autorin in Sachsen verkauft so viele Bücher wie Sabine Ebert. Ihr Erstling „Das Geheimnis der Hebamme“ von 2006 erschien soeben in 30. Auflage. Der Band wurde für die ARD verfilmt und in einer Theaterfassung in Rathen uraufgeführt. An diesen mehrteiligen Zyklus knüpft die Serie „Schwert und Krone“ an. Wieder geht es ins 12. Jahrhundert zu Kaiser Barbarossa. Im Personenregister stehen gut sechzig historische Figuren und etliche erfundene – die Hebamme Marthe tritt in einer Nebenrolle auf. Im fünften und letzten Band werden alle Handlungsstränge fein verknotet. Nach der Buchpremiere in Meißen am 5. November gibt es für SZ-Leser am 6. November in Dresden eine Veranstaltung mit Sabine Ebert.

Sie erzählen von Welfen, Wettinern, Staufern – und vor allem von den Herrscher-Frauen. Warum das, Frau Ebert?

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Mich fasziniert der Widerspruch: Einerseits führten Gelehrte im Mittelalter Dispute darüber, ob die Frau oberhalb oder unterhalb der Kellerassel einzuordnen sei. Frauen, hieß es, seien nicht in der Lage, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Sie durften deshalb auch nicht vor Gericht sprechen. Andererseits waren adlige Frauen Ansprechpartner für Bittsteller, waren zuständig für Vorratshaltung und die Bewirtung der Gäste. Vorräte zu berechnen gehörte zu ihrer Ausbildung. Wenn der Herrscher im Krieg war oder auf einem Pilgerzug für Ruhm, Ehre und Beute, kümmerte sich seine Frau um alle Belange der Burg. War er zu Hause, zog sie sich wieder zurück. Und wehe, wenn sie im Beisein der Vasallen Widerspruch wagte. Deshalb nimmt Hedwig in Meißen ihren Markgraf Otto heimlich beiseite, wenn sie ihn ermahnen will.

Wieso erlauben Sie dieser Frau eigentlich einen Seitensprung?

Das ist meiner Fantasie geschuldet. Ich dachte, ich gönne der armen Hedwig mal etwas Zärtlichkeit.

Ist die erfundene Liebe zwischen Hedwig und ihrem Schwager ein Zugeständnis an die Leser?

Eine Liebesgeschichte gehört zum Historienroman dazu. Die Schwierigkeit ist nur: Eine solche Geschichte kann ich am Hof nicht ansiedeln. Denn es wurde nicht aus Liebe geheiratet, sondern aus dynastischen Gründen. Eine Ehe sollte die Macht absichern und erweitern. Wenn die Partner einander achteten, war es schon viel. Liebe wurde selten daraus. Ich denke, dass Albrecht der Bär seine Sophia wirklich geliebt hat. Er ließ sogar Münzen mit ihrem Bildnis prägen, eine Rarität. Sie gebar ihm 13 Kinder. Das mag man sich gar nicht vorstellen, wie die Fürstenfrauen mit dem Hofstaat das ganze Jahr lang von Burg zu Burg zogen, bei Wind und Wetter im Sattel und meistens schwanger. Da möchte ich nicht mal Kaiserin sein.

Dabei darf die Kaiserin in Ihrem Roman den Kaiser sogar anschreien und einen Pokal nach ihm werfen.

Diese Szene habe ich erfunden. Der Hintergrund: Nach zwanzig Jahren Streit musste sich Friedrich Barbarossa dem Papst doch noch unterwerfen. Das hat ihn maßlos geärgert. Kein Wunder, dass er mit schlechter Laune nach Hause kam. Außerdem forderte der Papst, Barbarossas Ehefrau Beatrix als Kaiserin zu krönen – womit ihre frühere Krönung für ungültig erklärt wurde. Darüber soll sie sich sehr echauffiert haben. Da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, es zwischen ihnen richtig krachen zu lassen.

Empfinden Sie mit den Frauen der Fürsten mehr Mitleid oder vielleicht doch eher Zorn?

Beides. Aber es macht mich schon sehr zornig, wenn ich an die Mädchen denke, die mit zwölf Jahren verheiratet wurden und den Männern ausgeliefert waren in einer Weise, die einfach nur gruslig ist. Es galt als das gute Recht eines Mannes, seine Frau zu schlagen. Ich schildere das auch deshalb so drastisch, um klarzumachen: Das wollen wir nie wieder! Frauenrechte und Ächtung von Gewalt in der Ehe sind hart erkämpft. Behütet das!

Meinen Sie, dass sich Geschichte wiederholen kann?

Dafür ist Geschichte viel zu komplex. Aber es gibt wiederkehrende Muster.

An welche denken Sie?

Das Grundthema der Romanreihe „Schwert und Krone“ ist: Wer an die Macht will, muss sie wirklich wollen – um jeden Preis. Ist das heute sehr anders? Zu den Mustern gehört auch, dass stets die sogenannten kleinen Leute die Zeche zahlen, wenn sich die Großen bekriegen. Damals wie heute gab es Liebe und Hass, Mut und Feigheit, Ehrlichkeit und Verrat. So sind die Menschen. Und vor allem in schlimmen Zeiten, in Kriegen, ist es die Barmherzigkeit, die uns unsere Menschlichkeit bewahrt.

Häufiger beschreiben Sie Brutalität und Gewalt. Weil das normal war oder weil es die Dramatik im Roman steigert?

Ja, der Krieg war Normalität. Wer nicht mitmachte und nicht mit harten Bandagen kämpfte, ging unter. Jeder versuchte, auf Kosten der Rivalen seinen Besitz zu vergrößern. Kaiser Barbarossa zog nach Italien mit dem Anspruch: Das steht mir zu. Die Städte waren reich und weit entwickelt. Da war viel Geld zu holen. Gerade in Italien wütete Barbarossa mit großer Grausamkeit. Die Gegenseite aber auch. Sie haben sich nichts geschenkt. Das will ich nicht verharmlosen. Es ist nicht mein Anliegen, Barbarossa ein Denkmal zu setzen. Das hat das 19. Jahrhundert mit der ausufernden Kaiserverehrung zur Genüge getan.

Autoren historischer Romane behaupten oft, dass sie in die Vergangenheit gehen, um etwas über die Gegenwart zu erfahren. Was haben Sie erfahren?

Mein Ansatz ist ein anderer. Ich will den Ereignissen im 12. Jahrhundert nicht unsere Probleme aufpfropfen und suche nicht nach vordergründigen Parallelen. Ich gehe in die Vergangenheit, um unsere Geschichte zu erzählen, sie zum Teil erst wieder auszugraben. Sobald man gräbt, stößt man auf Unbekanntes und Unerwartetes, auf überraschende Querverbindungen.

Der Blick zurück ist wichtig, um sich in der Geschichte zu verankern. Man kann die riesigen Kirchenbauten, die Kunstwerke und Erfindungen umso mehr bestaunen und würdigen, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen unsere Vorfahren das vollbracht haben, wie mühsam sie ihren Alltag bewältigten. Und man kann jene Dinge mehr wertschätzen, die uns heute selbstverständlich sind: dass warmes Wasser aus der Wand kommt oder dass niemand an einer Blinddarmentzündung sterben muss.

Gleich auf den ersten Seiten Ihres Romans sterben die Menschen wie die Fliegen an einer Seuche. Als Sie das schrieben, war von Corona nichts zu ahnen. Sind Sie hellsichtig?

Da bin ich der Geschichte machtlos ausgeliefert. Diese Seuche gab es wirklich. Ich schildere sie schon am Ende des vierten Bandes, den ich voriges Jahr schrieb. An genau der Stelle setzt Band fünf ein. Es ist überliefert, dass Barbarossa im Lager vor Rom zum Aufbruch rief, doch in den Zelten lagen die meisten seiner Leute tot, gestorben binnen weniger Stunden. Es tut mir leid für die Leser, die gern mal ein anderes Thema hätten und als Erstes mit dem Übel konfrontiert werden.

Was für eine Seuche war das?

Man vermutet wegen der blutigen Exkremente, dass es eine extreme Form von Roter Ruhr war. Es könnte einen Zusammenhang gegeben haben mit den Insektenschwärmen, die nach Unwettern aus den Sümpfen stiegen.

Sie schreiben in einer heutigen Sprache, verwenden aber Begriffe wie Essdorn, Schapel oder Bruche – ist das mehr als historisches Kolorit?

Ich verwende diese Begriffe, weil es keine anderen dafür gibt. Wenn ich die Mittelalterwelt glaubhaft erfassen will, kann ich zum Beispiel nicht mit Gabeln essen lassen. Stattdessen gab es den Essdorn, einen kleinen Spieß. Das Schapel war der Reif, mit dem der Schleier befestigt wurde. Die Bruche war eine Art Unterhose. Es gab mal eine lange akademische Diskussion, ob die Kettenbeinlinge an der Bruche befestigt waren oder nicht.

Der Streit erübrigt sich, wenn man es ausprobiert. Das Metall ist viel zu schwer, es zieht die Hose herunter. Deshalb mussten die Beinlinge mit einem extra Gürtel gehalten werden. Mir sind solche Details wichtig. Ich benutze auch keine Anglizismen. Im Mittelalter gab es keine Babys, sondern Säuglinge. Ritter gingen nicht trainieren, sondern üben. Besonders tückisch sind Farben. Orange gab es wohl, aber das Wort dafür nicht, weil Orangen hier noch nicht bekannt waren. Ich muss dann vom kräftigen Rotgelb der untergehenden Sonne schreiben.

Das Gespräch führte Karin Großmann.

Das Buch: Sabine Ebert, „Preis der Macht“, Knaur, 521 Seiten, 19,99 Euro

Sabine Ebert und zwei ihrer Fachberater diskutieren über das Schreiben von Geschichte am 6. November, 19 Uhr, in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (Slub) in Dresden. Wir verlosen dafür 25-mal zwei Karten. Interessenten melden sich bitte mit dem Kennwort „Sabine Ebert“ bei [email protected]. Einsendeschluss ist der 31. Oktober. Die Gewinner werden am 1. November benachrichtigt.

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