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Der Heiland fliegt ins Kabarett

Der siebte Dresdner Satire-Preis geht nach Bayern. Der Biss kommt erst nach der Pause.

Kathi Wolf überzeugte als draufgängerische „Ludmilla“.
Kathi Wolf überzeugte als draufgängerische „Ludmilla“. © Elisaweta Schuch-Wiens

Im dritten Anlauf hat es endlich geklappt. Am Sonnabend wurde der coronabedingt verschobene Dresdner Satire-Preis im Friedrichstatt Palast Dresden zum siebten Male vergeben. Er geht an Kabarettisten, die sich mit Texten aus eigener Feder an Missständen in Politik und Gesellschaft reiben und die Lust am Denken wecken. Bewerben können sich Anfänger, Quereinsteiger und Spätberufene, die bereits einige Jahre Bühnenerfahrung haben. Die Kabarettisten Thomas Schuch und Manfred Breschke riefen den Preis 2014 ins Leben: „Das politische Klima in Dresden fordert eine satirische Aufarbeitung heraus.“

Zwei Damen und vier Herren schafften es nach der Vorauswahl ins Finale. 15 Minuten lang zeigten sie Ausschnitte aus aktuellen Programmen. Keine Minute länger, sonst ging das Licht aus. Zur Pause überraschte Gesichter. Die ersten Kandidaten ließen scharfe politische Satire vermissen. Anna Magdalena Bössen aus Hamburg entpuppte sich als muntere Streiterin für Poesie, ließ das Publikum die Vornamen von Goethe und Schiller erraten und zitierte, leicht angeschrägt, die Ballade vom „Erlkönig“ und den Beginn von Schillers „Glocke“. Gedichte können „ungeheuer unterhaltsam sein“, sagt sie und animiert zum Lesen. Robby Mörre aus Weimar, einziger Ostler in der Runde, blies ähnlich ins Horn. Er befürchtet eine Verflachung und Versimpelung der deutschen Sprache, verballhornte als warnendes Beispiel „Das Lied von der Glocke“ und stampfte es auf 15 Sekunden Länge ein.

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Hoffnung für Abgehängte

Durch den dreistündigen Abend führten unterhaltsam Thomas Schuch und Jazztrompeter Micha Winkler, die Geschäftsführer des Friedrichstatt Palastes. Musikclown und Tausendsassa Daniel Vedres ließ die eigens komponierte Preis-Fanfare erklingen. Nach der Pause gewann der Wettstreit an Fahrt. Das berückende Duo Valter Rado und Tim Schaller parodierte die biblische Weihnachtsgeschichte und zeigte ein urkomisches Krippenspiel mit Kaffeekannen. Ebenso heiter ihr pantomimischer Tanz um einen Möchtegern-Skiflieger. Komik ohne Worte ganz groß. Das Paar hätte den mit 500 Euro dotierten Publikumspreis verdient. Den schnappte sich der Brachialcomedian C. Heiland aus Castrop-Rauxel. Der 54-Jährige versprach ironisch „Inhalt, Inhalt, Inhalt“ und riss Blondinen-, Chinesen- und sonstige Flachwitze, „weil Sie es so wollen“. Er schäkerte und sang mit den Zuschauern, bewegte sich locker, erntete viele Lacher. Und verkaufte sein hoffnungsarmes Programm als „Hoffnung für Abgehängte“.

Als man schon alle Erwartung auf bissiges, scharfzüngiges politisches Kabarett aufgegeben hatte, trat als Letzte Kathi Wolf auf die Bühne. Eine junge Frau von 34 Jahren aus Bayern, studierte Psychologin und gefragte TV-Schauspielerin. Sie hatte sich bereits 2017 als Finalistin um den Dresdner Satire-Preis beworben, war aber leer ausgegangen. In ihrem jüngsten Programm „Psychisch korrekt, politisch defekt“ geißelt sie allzu menschliche Schwächen, politischen Stillstand und grassierende Fremdenfeindlichkeit. Zupackend streitet die sympathische „Wahl-Schwäbin“ für Frauenrechte und bangt mit den Armen der Ärmsten. Sie hält es mit Brecht: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.“

Die fünfköpfige Jury mit SZ-Autor Michael Bittner konnte gar nicht anders, als Kathi Wolf mit dem Hauptpreis (1.000 Euro) zu ehren. In der Rolle als draufgängerische „rrrussische Ludmilla“ gibt sie den begeisterten Zuschauern eine „Lebensregel“ mit auf den Heimweg: „Alles ist vergänglich, nur der Durst bleibt lebenslänglich.“

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