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Ein besserer Lehrer - dank Alkohol

Das provokante Kinodrama „Der Rausch“ mit Mads Mikkelsen räumt einen Filmpreis nach dem anderen ab. Zu Recht.

Pauker Martin (Mads Mikkelsen) erreicht seine Klasse nicht mehr und ist auch privat völlig desillusioniert. Bis er zum Pegeltrinker wird ...
Pauker Martin (Mads Mikkelsen) erreicht seine Klasse nicht mehr und ist auch privat völlig desillusioniert. Bis er zum Pegeltrinker wird ... © Weltkino

Von Andreas Körner

Die Schiedsrichter dürfen nicht mittrinken und wer sich synchron übergibt, bekommt eine Minute von der Laufzeit abgezogen. So sind nun mal die Regeln. Dänische Schülerinnen und Schüler zelebrieren ihr Bier-Spiel. Mit einer vollen Kiste rennen sie los, nach Umrundung des Sees sollte sie leer getrunken sein, der Gewinner bekommt das Pfandgeld. And the winner is? Ja, wer wohl!

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Der Kultursommer in Meißen geht weiter und hat vom 13. bis 15. August wieder viel Spiel, Spaß und Unterhaltung für Groß und Klein zu bieten.

Wild gewordene Jugendliche rahmen Thomas Vinterbergs „Der Rausch“. Am Beginn scheint es nur der pure Freizeitspaß zu sein, gekoppelt an übliche Verfehlungen in der S-Bahn, am Schluss des Films gibt es einen Anlass. Die Prüfungen sind geschafft. Selbst Sebastian, ein Junge der eher verstörten Art, hat sie gepackt – mit einem kräftigen Schluck aus der Pulle intus, heimlich dargereicht vom prüfenden Lehrer. Er ist einer von vier Freunden, die an einem Gymnasium arbeiten, Geschichte, Sport, Dänisch, Musik unterrichten und sich, zunächst aus einer Laune, bald aber auch einem tieferen Sinn heraus, an einem Alkoholexperiment mit wechselnden Pegelständen versuchen.

Wenn die Moralpolizei auf Streife geht

Bevor sich die Moralpolizei auf Streife begibt, sei zu verkünden, dass „Der Rausch“ allerbeste Gründe liefert, den Dienst zu quittieren. Denn Thomas Vinterberg nimmt sich Entscheidendes heraus, die Provokation genauso wie den Genuss, das mutige Risiko der Ambivalenz genauso wie den Anspruch, auf hinterhältig vergnügliche Weise zu unterhalten und sich nicht mit dem Druck eines halbseidenen Botschafters ach so wichtiger Erkenntnisse zu belasten. Vinterberg ist Kunstschaffender im richtigen Beruf, kein Soziologieprofessor, Psychiater oder Drogenberater. „Der Rausch“ ist eine klare Ansage ans mündige Kinopublikum und das nächste Großereignis für die Leinwand.

Man muss sie nur ansehen, wenn sie einander begegnen: Martin (Mads Mikkelsen) erreicht seine Klasse längst nicht mehr. Sogar die Abschlüsse in Geschichte seien gefährdet, meinen Schüler und eilends herbeizitierte Eltern. Auch daheim ist es für Martin bestenfalls noch erträglich. Werden seine beiden Jungs größer, ohne dass er Entscheidendes dazu beitragen könnte, flüchtet sich Ehefrau Anika (Maria Bonnevie) in Nachtschichten und friedliche Koexistenz. Das, was man „Mitte des Lebens“ nennt, hat seine Mitte verloren.

Werden wir mit 0,5 Promille zu wenig im Blut geboren?

So ist der nächste 40. Geburtstag unter Kumpels nur ein Termin. Nikolaj (Magnus Millang) hat ins Restaurant geladen, neben Martin gehören noch Tommy (Thomas Bo Larsen) und Peter (Lars Ranthe) zur Runde. Zwei Familienväter und zwei Singles, bei denen es mit festen Frauen nicht passt oder passen will. Man feiert zu viert, auch das ist ein Zeichen. Wasser, Champagner, Bier, Wein, Kaviar, dann Wodka. Zwischendurch Nikolajs Einwurf einer These des norwegischen Psychiaters Finn Skárderud, den es wirklich gibt und der gesagt haben soll, Menschen würden mit 0,5 Promille zu wenig im Blut geboren. Der zudem Verfechter der Theorie ist, es sei völlig okay, auf konstantem Level zu trinken. Man wäre auf diese Weise „anwesender, musikalischer, offener, einfach mutiger“.

Just in dieser Sekunde wäre sehr genau in Mads Mikkelsens Gesicht zu schauen. Mit unglaublicher Präzision spielt er zunächst Martins dauermüden Zustand und dann den Funken Hoffnung, der für ihn in Nikolajs salopp hingeworfenen Sätzen liegen mag.

Geniales Drehbuch genial verfilmt

Überhaupt, die Präzision. Nicht nur in Spiel und Inszenierung, denn Thomas Vinterberg und Tobias Lindholm haben ein geniales Drehbuch verfasst, das sich nach diesem so entscheidenden Geburtstag zu einem mit allem Furor zelebrierten Fest männlicher Protagonisten steigert. Präzision meint zudem die Details der Zwischentöne, den Stich in alle wunden Punkte, das Drama und die Heiterkeit, das peinliche Dilemma und die lustvolle Befreiung des Moments. Vinterberg hat schon famose Werke abgeliefert, besonders „Die Kommune“ und „Die Jagd“ waren bestes dänisches Kino, aber erst „Der Rausch“ schließt einen echten Bogen zu seinem „Das Fest“ von 1998. Denn es kommt im Film natürlich, wie es im Leben kommen könnte und endet, wie es nicht immer endet.

Martin dockt mit 0,5 Promille plus X wieder an seine Klasse an, wird, nach anfänglichen „verbalmotorischen Herausforderungen“, witzig und einnehmend, sieht seine Liebsten zu Hause verschwommen klarer, paddelt, säuft, schlägt sich den Kopf ein, nüchtert aus. Und wird als ehemaliger Jazztänzer zum Finale einen dänischen Alexis Sorbas aufs Hafenpflaster legen, der unvergessen bleibt. „Der Rausch“ ist wirklich durch die Welt gerauscht, räumte an Preisen alles ab, was es abzuräumen galt, griff sich dort, wo er schon im Alltag zu sehen war, ein angefixtes Publikum. Warum, bitteschön, soll es ausgerechnet hier im Lande anders sein?

„Rausch“ läuft in Dresden im Programmkino Ost, Rund- kino, Thalia, Zentralkino und in der Schauburg.

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