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Ein bisschen Provokation muss schon sein

Für einen historisch langen Zeitraum leitete Frank Castorf die Berliner Volksbühne. Der Stückezertrümmerer, der bald erstmals in Dresden inszeniert, wird jetzt 70.

Auch mit 70 Jahren alles andere als ein Leisetreter: Frank Castorf wird 2022 „Wallenstein“ in Dresden inszenieren.
Auch mit 70 Jahren alles andere als ein Leisetreter: Frank Castorf wird 2022 „Wallenstein“ in Dresden inszenieren. © imago

Von Julia Kilian

Kunstblut und Kartoffelsalat. Wenn beides zusammentrifft, landet man in der Theaterszene schnell bei seinem Namen. Frank Castorf, der frühere Leiter der Berliner Volksbühne, wird am Samstag 70 Jahre alt. Die Theatergeschichte hat er maßgeblich geprägt. Aber was genau macht die Faszination aus? Und warum, um Himmels willen, sind Castorfs Aufführungen immer so lang?

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Die New York Times hat seinen Stil gerade beschrieben. Als Theatergast wisse man, was man bei Castorf zu erwarten habe. Castorf nimmt Klassiker auseinander und mischt sie mit anderen Texten, lässt seine Schauspieler gewaltige Passagen in den Zuschauerraum brüllen. Er bietet eine Performance in Marathonlänge. Die Inszenierungen können gut fünf, sechs Stunden sein. Oder länger. Somit ist Frank Castorf auch der aufregendste Name auf der Gästeliste des Dresdner Staatsschauspiels für die kommende Saison. Er führt dann seit 1989 erstmals wieder Regie an einem ostdeutschen Theater außerhalb Berlins und bearbeitet Schillers „Wallenstein“, Premiere hat das Ganze im April.


Als Publikum kann man sich Castorfs Inszenierungen wie im Rausch hingeben. Man wird konfrontiert mit einer großen Überforderung, die spätestens ab Stunde drei etwas in einem auslöst. Dass Castorf die Texte verfremdet und mit anderen Werken mischt, brachte ihm den Ruf des „Stückezertrümmerers“ ein. Und auch mal Ärger mit einem Verlag.Castorf ist ein fast unauffälliger Typ mit grauen Haaren. In Bayreuth provozierte er mal lange Buh-Rufe, mal viel Zustimmung. In einem Youtube-Video bekommt man einen Einblick in seine Arbeitsweise. Es zeigt Teile eines Konzeptionsgesprächs zu „Der haarige Affe“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Castorf redet über Poeten und Theatergeschichte, über die Wohlgefälligkeit der Gesellschaft und King Kong, über authentisches Weinen und forcierte Theatralik. „Wenn es noch peinlicher als peinlich ist, dann entsteht Kunst“, sagt er. „Dit muss man bloß aushalten.“

Videos als Sensation

Geboren wurde Castorf 1951 in Ost-Berlin. Nach seinem Studium der Theaterwissenschaften arbeitete er zum Beispiel in Senftenberg und Anklam. Später inszenierte er auch in Westdeutschland. 1992 wurde er dann zum Intendanten der Berliner Volksbühne und sein Haus schon kurz darauf zum Theater des Jahres gekürt.Als einer der ersten arbeitete er mit Videokameras. Damals eine ziemliche Sensation. Die Videotechnik konnte Zuschauer in versteckte Winkel des Szenenbilds mitnehmen. Bis heute macht Castorf das. Man schaffe damit eine andere Art von Nähe für den Zuschauer, sagt er.

Schreien, spucken, toben auf offener Bühne

Castorf leitete die Volksbühne 25 Jahre lang. Als sein Nachfolger für das Theater bestimmt wurde, führte das bei Teilen des Publikums zu großem Protest. Der neue Intendant Chris Dercon gab nach nicht mal einem Jahr auf. Es gab eine Interimsleitung, die sich ebenfalls auflöste. Zur neuen Spielzeit übernimmt nun René Pollesch das Theater, ein Regisseur also, der noch zu Castorfs Zeiten dort gearbeitet hat. Castorf hat sich mittlerweile an anderen Häusern ausgetobt. Er inszenierte zum Beispiel am Berliner Ensemble. Erst vor Kurzem wurde dort die Premiere von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ begangen. Auf der Bühne wird geschrien, gespuckt, Klavier gespielt. Und die Hand einer Frau landet im Fleischwolf. Viele von Castorfs Markenzeichen seien in der Inszenierung zu finden, befand die New York Times. Aber sie fühlten sich an „wie ein alter Hut“. Provoziert die Provokation also nicht mehr?

In Castorfs Fassung von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ am Berliner Ensemble landet die Hand einer Frau im Fleischwolf.
In Castorfs Fassung von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ am Berliner Ensemble landet die Hand einer Frau im Fleischwolf. © PR

Der Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, setzt dem eine andere Sicht entgegen. Er habe nach der Premiere mit Zuschauern gesprochen, die in ihrem Leben noch nicht so viele Inszenierungen von Castorf gesehen hätten. „Das Ergebnis war ganz anders als die gelegentliche Feuilleton-Debatte, ob der Altmeister von der jungen Generation nicht längst vom Sockel gestoßen sei.“ Beschrieben worden sei ein enorm vitales, hoch musikalisches Schauspielertheater, das gerade nach den überstandenen Epidemiewellen die ganze Kraft der Live-Performance erlebbar mache „und dabei schlicht überwältigt“. Das lässt zweifellos auch für Castorfs anstehende Inszenierung in Dresden hoffen. (SZ/dpa)

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