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Ein Jahrhundertzeuge schaut zurück

Hans Joachim Neidhardt hat die Romantiker in der DDR aus der Schmuddelecke geholt. Nun legt er seine Memoiren vor.

Hans Joachim Neidhardt kurz vor seinem 80. Geburtstag. Auf ein aktuelles Foto des 96-Jährigen verzichten wir pandemiebedingt.
Hans Joachim Neidhardt kurz vor seinem 80. Geburtstag. Auf ein aktuelles Foto des 96-Jährigen verzichten wir pandemiebedingt. © Foto: Archiv Ronald Bonß

Von Michael Kunze

Der 1925 in Leipzig-Gohlis geborene, in Dresden heimische und über Sachsen hinaus angesehene Kunsthistoriker Hans Joachim Neidhardt hat seine Erinnerungen vorlegt. Die in Anlehnung an ein Gemälde Caspar David Friedrichs „Über dem Nebelmeer“ betitelten rund 250 Seiten geben Auskunft über ein Leben, das seit der Kindheit in der Weimarer Republik zwischen den so vielfältigen Entbehrungen wie Freuden des 20. Jahrhunderts hin- und hergeht.

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Der Vater starb früh. Der „braune[n] Verführung“, dass eine militante Erziehung richtig sei, glaubte er „als Junge blind“, schreibt Neidhardt, der im Juli 1943 achtzehnjährig in den Krieg musste. Auf dem Balkan, wo sich die Wehrmacht mit Titos Partisanen erbitterte Gefechte lieferte, wurde er schwer verwundet. Eine „Stunde null“ gab es nach kurzer Gefangenschaft für ihn nicht. Um zu überleben, musste er bei Bauern um Nahrungsmittel betteln – und „bezahlte“ diese auch mit selbst geschaffenen kleinen Kunstwerken, die er etwa von Bauernhöfen anfertigte.

Eine 1947 diagnostizierte Lungentuberkulose verhinderte die Fortsetzung seiner während des Krieges begonnenen Studien. Er ging durch zehn schwere Jahre. Stets wenn Hoffnung keimte, endlich stabilisiert zu sein, folgte der Rückfall in mehrfach lebensbedrohliche Krankheitsphasen und mündete in Spital- und Kuraufenthalte. Erst 1959 konnte er in Leipzig sein Studium der Kunstgeschichte abschließen.

Die heile Welt war nicht von Dauer

Das Gros der Ausführungen widmet er den DDR-Jahren – vielfach humorvoll, aber auch plastisch bedrückend. Die Gemäldegalerie Neue Meister mit der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, für die Neidhardt als Kustos wirket, war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in Schloss Pillnitz untergebracht. Die Sammlung bot nur wenige Nischen. Auch im Kunstbetrieb hatte die Staatspartei das Sagen, abgesichert durch Stasizuträger. Dennoch schildert Neidhardt gerade die Pillnitzer Jahre als Idylle. Im Bergpalais der einstigen Wettiner-Sommerresidenz bezog er – wegen drastischen Wohnungsmangels in Dresden – mit seiner Frau einige Zimmer. Wiederaufbau und Neustrukturierung der Sammlung sind auch sein Werk. Er erlebte die aufsehenerregende Heimführung der Dresdner Schätze aus der Sowjetunion.

„Mit der Präsentation der Sammlung Neuer Meister in beiden Palais des Schlosses“, schreibt er, „konnte sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einem überschaubaren räumlichen Zusammenhang gezeigt werden.“ Obwohl Museumsneuling, wurde Neidhardt im Wasserpalais mit der Hängung der großen Impressionisten Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt betraut. Die Familie lebte bürgerlich. Zwei Kinder wurden geboren. Mit Eleonore von Hofmann, Witwe des bedeutenden Jugendstilmalers und Akademieprofessors Ludwig von Hofmann, die in Pillnitz in der Brockhaus’schen Villa lebte, verband die Familie eine gute Bekanntschaft. Die heile Welt, so Neidhardt, war jedoch nicht von Dauer. Die marxistische Umgestaltung des Museumswesens sollte vorangetrieben, Museen sollten „sozialistische Bildungsstätten des Volkes“ werden. Den Eintritt in die SED, der ihm nahegelegt wurde, lehnte er aufgrund seiner christlichen Überzeugung ab: „Erwartet wurde nicht nur politisches Bekenntnis, sondern Unterwerfung.“ Durch seine Ablehnung, schildert Neidhardt, habe er Generaldirektor Seydewitz als Unperson gegolten.

Maßgebliche Mitarbeit am Frauenkirchen-Wiederaufbau

Dennoch verschaffte er sich Reputation, auch im Ausland. Er gestaltete herausragende Kunstausstellungen, war international als Fachmann gefragt. Die Meister der Romantik, die in den frühen DDR-Jahren ein Schattendasein fristeten, deren Schaffen als gefühlsduselig und reaktionär galt, erlebten bald ungekannte Aufmerksamkeit, vor allem dank der Werke Caspar David Friedrichs. Später wurde der auf dem Neuen Katholischen Friedhof in Dresden beigesetzte Ludwig Richter wiederentdeckt. An der Elbe stand am Anfang aber der Friedrich-Schüler Carl Gustav Carus im Fokus, den die Dresdner zum 100. Todestag 1969 im Albertinum mit einer Ausstellung ehrten. Der anhaltende Zuspruch zur Kunst der Romantik ist mit Neidhardts federführenden Beiträgen zu wichtigen Ausstellungen der 1970er-Jahre in London, Hamburg/Dresden, Paris, Tokio/Kyoto und 1980 in Oslo mitbegründet und untermauert worden.

Mit der Wiedervereinigung und Neidhardts Eintritt in den Ruhestand begann ein neues Kapitel seines Wirkens, dem das Ehrenmitglied des Dresdner Geschichtsvereins, den er mitbegründet hat, den letzten Teil seiner bis ins Jahr 2000 reichenden Erinnerungen widmet: die maßgebliche Mitarbeit am Frauenkirchen-Wiederaufbau. Zahlreiche Kritiker des Vorhabens verstummten spätestens bei Fertigstellung des völkerverbindenden Projekts, für das neben manch anderem Neidhardt Verantwortung übernahm.

Hans Joachim Neidhardt: Über dem Nebelmeer. Lebenserinnerungen, Sandstein Verlag, 256 S., 24 Euro.

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