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Ein Liebesbrief an den Brief

SZ-Mitarbeiterin Hannah Küppers macht sich zum Welttag des Briefes Gedanken über einen guten alten, aber lange vernachlässigten Freund.

Was waren das noch für Zeiten, als man und frau Muße brauchte und hatte, einen Brief zu schreiben wie hier auf dem Gemälde von Ernst Anders. Andererseits: Es war nicht alles schön.
Was waren das noch für Zeiten, als man und frau Muße brauchte und hatte, einen Brief zu schreiben wie hier auf dem Gemälde von Ernst Anders. Andererseits: Es war nicht alles schön. © Foto: dpa

Lieber Brief,

verzeih mir, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe. Es klingt nach einer schlechten Ausrede, aber es gab wieder viel zu tun. Alle brauchten schnelle Antworten von mir und ich von ihnen. Sei nicht eifersüchtig, aber da ist mir mein Handy dann doch oft die schnellere und praktischere Alternative. In wenigen Sekunden die Nachricht getippt, in Windeseile bei meiner Freundin angekommen. Ich muss es Dir einfach mal sagen, da kannst Du wirklich nicht mithalten.

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Erst gerade ist es mir wieder passiert: ich war auf der Suche nach schönem Briefpapier und fand nur noch kitschige Blumen-Klappkarten. Passende Umschläge sind sowieso Mangelware in den Schubladen meines Schreibtisches. Dann wollte ich anfangen zu schreiben, und die Patrone in meinem Tintenfüller war leer. Da war mir die Lust fast schon wieder vergangen. Dabei bin ich erst auf der Hälfte des Weges angekommen. Ich weiß jetzt schon, morgen wird es mich meine halbe Mittagspause kosten, zur Post zu laufen, eine Briefmarke zu kaufen, den Brief einzuwerfen.

Da fällt mir ein: Ich könnte eigentlich ein ganzes Briefmarken-Set kaufen und es zu Hause lagern. Und am besten auch noch Umschläge und Briefpapier – ein guter Vorsatz für den morgigen Tag! Nun, ich will nicht länger auf Dich schimpfen, ich wollte Dir doch einige nette Zeilen hinterlassen. Denn während ich so schreibe, beruhigt sich mein eben noch aufgebrachtes Gemüt, meine Gedanken sortieren sich.

Diesen Blick von meinem Schreibtisch auf die große Rotbuche habe ich schon lange nicht mehr genossen. Ich versuche mich endlich wieder an meiner immer so hoch gelobten Schönschrift und an passenden Worten, um Dir auszudrücken, was ich Dir auf anderem Wege gar nicht sagen würde. Ich glaube, Du kommst aus einer Zeit, in der alles noch etwas langsamer war. Wenn ich mich Dir widme, dann gelingt es mir, mich für einen kurzen Moment in diese Zeit hineinzuversetzen.

Eigentlich eine schöne Abwechslung zur Schnelligkeit, die jeden Tag im Büro meine Aufmerksamkeit erfordert und meine Nerven strapaziert. Wenn ich mir Zeit für Dich nehme, hilft mir keine stupide Kosten-Nutzen-Rechnung weiter. Klar wäre eine SMS schneller. Aber ich denke an Dich, wie Du Dich erfreuen wirst, wenn Du den Briefkasten öffnest und meinen handbeschriebenen Umschlag findest. Setzt Du Dich dann in Deinen grünen Sessel und liest meine Zeilen? Ich werde natürlich meine Adresse auf der linken Ecke des Umschlags hinterlassen, vielleicht antwortest Du mir ja. Danke, dass Du mir immer noch ein treuer Freund bist, auch wenn ich Dich so oft vergesse. Ich melde mich bald wieder, versprochen!

Liebe Grüße,

Deine unzuverlässige Briefeschreiberin Hannah Küppers

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