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Erzähl niemandem, dass du lesbisch bist

Wie hält es die Kunst mit Diversität? Was tut sie gegen Diskriminierung, wie diskriminiert sie auch selbst? Eine neue SZ-Serie.

Karin Hanczewski alias Dresdner "Tatort"-Kommissarin Karin Gorniak (l.) gehört zu den 185 Unterzeichnerinnen von #actout. Denn auch sie ist nicht heterosexuell und wird deswegen diskriminiert.
Karin Hanczewski alias Dresdner "Tatort"-Kommissarin Karin Gorniak (l.) gehört zu den 185 Unterzeichnerinnen von #actout. Denn auch sie ist nicht heterosexuell und wird deswegen diskriminiert. © MDR/HA Kommunikation

So etwas hatte es noch nie gegeben: Im Februar bekannten sich 185 Filmschauspielerinnen und Akteure im Magazin der Süddeutschen Zeitung gemeinsam öffentlich dazu, dass sie nicht heterosexuell sind. Darunter die Darstellerin der Dresdner „Tatort“-Kommissarin, Karin Hanczewski, ihr Berliner Kollege Marc Waschke, Mavie Hörbiger, Ulrich Matthes ...Anderthalb Jahre zuvor hatten sie die Gruppe #actout gegründet und den Paukenschlag vorbereitet. Die Reaktionen reichten von Zustimmung über Ablehnung inklusive Hassbotschaften und Gewaltandrohungen bis hin zu Mir-doch-egal. „Na und? Ist doch heute normal“, lautet ein vermeintlich toleranter Tenor der Desinteressierten. „Soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich sein, er muss mir damit aber nicht auf die Nerven gehen.“

Wie „normal“ das ist, kann jede und jeder selbst testen und spaßeshalber mal mit einem gleichgeschlechtlichen Freund oder einer Freundin händchenhaltend und vielleicht auch ein Küsschen austauschend durch irgendeine Fußgängerzone spazieren. So geht auch den Akteurinnen und Akteuren von #actout etwas Gravierenderes auf die Nerven. Nämlich wie sie selbst in der Branche behandelt und wie nichtheterosexuelle fiktive Figuren in Film und Fernsehen oft dargestellt werden: klischeehaft, vorurteilsbeladen.

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Marc Waschke protestiert ebenfalls gegen die Diskriminierung von Nicht-heterosexuellen Schauspielerinnen und Schauspielern wie ihm.
Marc Waschke protestiert ebenfalls gegen die Diskriminierung von Nicht-heterosexuellen Schauspielerinnen und Schauspielern wie ihm. ©  PR

Sei möglichst "normal", sonst droht Nichtbeschäftigung

Im Interview sagte etwa Karin Hanczewski, sie sei nach ihrem Outing „aus dem Pool der für Männer begehrenswerten Frauen oder Frauenrollen raus. Und exakt das ist die große Angst für lesbische Schauspielerinnen: dass es da keine Fantasie mehr zu ihnen gibt und sie nicht mehr besetzt werden.“ Andere Mitglieder von #actout berichteten ebenfalls von Zurücksetzungen, Verletzungen und Ausbremsungen. Man erwarte von ihnen das Geheimhalten ihres Schwul- oder Lesbischseins. Sonst drohe Nichtbeschäftigung, weil sie für die Zuschauer in heterosexuellen Rollen nicht mehr glaubwürdig seien.

Die Sexualität ist nur ein Merkmal, das zu Ungleichbehandlung und Ausgrenzung führt. Bei einer Umfrage zu „Vielfalt im Film“, durchgeführt 2020 von der Initiative Citizens for Europe, gaben über 1.600 der Befragten an, sie hätten Diskriminierung selber erlebt. Wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität, Hautfarbe oder Alter. Acht von zehn Frauen berichteten zudem von sexuellen Belästigungen im Arbeitsumfeld. Und über drei Viertel der Befragten finden, gerade arabische, muslimische und schwarze Menschen werden überwiegend stereotyp dargestellt und dann meistens – negativ.

"Blackfacing": Noch bis vor wenigen Jahren war es üblich, Rollen von Schwarzen im Theater mit Weißen zu besetzen, deren Gesicht schwarz angemalt wurde. Wie hier dem Schauspieler Alexander Scheer 2004 in der Stuttgarter Inszenierung von "Othello".
"Blackfacing": Noch bis vor wenigen Jahren war es üblich, Rollen von Schwarzen im Theater mit Weißen zu besetzen, deren Gesicht schwarz angemalt wurde. Wie hier dem Schauspieler Alexander Scheer 2004 in der Stuttgarter Inszenierung von "Othello". ©  Archiv/dpa

Vielfalt ist vorhanden, sie bildet sich aber kaum ab

Zwar ist die Vielfalt längst da, in der Gesellschaft wie unter Schauspielerinnen, Schauspielern, im künstlerischen Bereich überhaupt. Doch sie bildet sich kaum ab, weder im Film noch auf den Bühnen noch in der Bildenden Kunst. Dabei soll Kultur, soll Kunst die Gesellschaft doch in all ihren Facetten repräsentieren und sichtbar machen. Schließlich wird gerade sie mit Freiheit und Kreativität assoziiert. Gleichzeitig ist aber auch die Kultur „von prekären Arbeitsbedingungen und Diskriminierung geprägt“, so Citizens for Europe.

Aber die Zustände sind in Bewegung geraten. Inzwischen setzen sich viele Initiativen für mehr Diversität in der Kultur ein und gegen Benachteiligung von Minderheiten. Anders gesagt: Für die Verwirklichung des Grundgesetzes auch in diesen Belangen. Dazu gehört logischerweise die Darstellung des „Anderen“ und „Fremden“ in der Kunst, im Film, auf den Bühnen und in der Literatur. Das dringt vor bis in die elementarsten Bereiche kultureller Repräsentation.

Der Schriftsteller Karl May hat die "Indianer" verehrt und sie als "edle Wilde" bezeichnet. Heute wissen wir, dass auch die Bezeichnung "Wilde" für die Ureinwohner Nordamerikas diskriminierend ist.
Der Schriftsteller Karl May hat die "Indianer" verehrt und sie als "edle Wilde" bezeichnet. Heute wissen wir, dass auch die Bezeichnung "Wilde" für die Ureinwohner Nordamerikas diskriminierend ist. ©  Foto: dpa

Was tun mit dem "Mohr" im Grünen Gewölbe?

Dort stellen sich Hänschen- und Gretchenfragen. Sollte man nach Jahrhunderten der Darstellungstradition von Shakespeares „Othello“ durch weiße Schauspieler mit schwarz gefärbten Gesichtern nun davon Abstand nehmen? Wo wir doch schließlich gelernt haben und wissen, dass viele von Rassismus betroffene Menschen das eben als rassistisch und diskriminierend empfinden und damit endlich auch in Deutschland eine Stimme haben und Gehör und Respekt finden? Unter welchen Umständen ließe sich der „Mohr mit Smaragden“ weiterhin in Dresdens Grünem Gewölbe ausstellen, da längst unbestritten ist, dass die künstlerisch kostbare Skulptur rassistische Stereotype aus der Kolonialzeit abbildet, sie damit verbreitet und verfestigt? Außerdem – die Bücher. Wie umgehen mit älterer Literatur, in der zum Beispiel das N-Wort noch wie selbstverständlich benutzt wurde? Und was tun mit Karl May und seinen „Indianern“, diesen „edlen Wilden“?

Auf eine Kernfrage gebracht: Was davon kann so belassen werden – weil es nun mal zum kulturellen Erbe gehört und ein Zeitzeugnis ist –, was muss kontextualisiert und erklärt werden, was sollte weg? Diese Debatten sind seit Jahren in vollem Gang. Darum geht es auch in der neuen Serie der Sächsischen Zeitung und von saechsische.de. In den kommenden Tagen werden wir einige dieser Fragen stellen und zu beantworten versuchen, mit Expertinnen und Experten aus den verschiedenen Bereichen der Kultur, nicht nur in und aus Sachsen.

Die amerikanische Poetin Amanda Gorman wurde weltberühmt, weil sie zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden ein Gedicht vortragen durfte. Als ihre Texte auf Niederländisch und Deutsch erscheinen sollten, kam die Die Frage, auf, ob das Poem ei
Die amerikanische Poetin Amanda Gorman wurde weltberühmt, weil sie zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden ein Gedicht vortragen durfte. Als ihre Texte auf Niederländisch und Deutsch erscheinen sollten, kam die Die Frage, auf, ob das Poem ei © Getty Images

Wenn das Bemühen um Vielfalt nach hinten losgeht

„Diversität“ verstehen wir dabei als einen Wert, der vor allem auf kulturellem Wissen basiert, nicht allein auf moralischen Forderungen. Kulturelle Diversität ist auch mitnichten nur über das „Andere“ oder „Fremde“ zu finden. Vielmehr über gemeinsame Traditionen und gemeinsame neue Ideen. Einige Debatten zeigen indes, dass sich eine Verständigung über die „richtige“ praktische Umsetzung von Vielfalt und Respekt manchmal nur schwer erreichen lässt. Gerade dann, wenn die Diskussion scheinbar ins Absurde abdriftet. Wie bei der Frage um die Übersetzungen der Gedichte von Amanda Gorman, von denen die junge Poetin eines – „The Hill we Climb“ – bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden vorgetragen hat und damit weltberühmt wurde.

Gorman selbst hatte die Nachricht begrüßt, dass Marieke Lucas Rijneveld ihren Gedichtband ins Niederländische übertragen werde. Doch nachdem sich einige radikale Aktivistinnen und Aktivisten lautstark darüber beschwert hatten, dass eine Weiße ohne Rassismuserfahrung das Werk einer Schwarzen mit Rassismuserfahrung übersetzen soll, gab Rijneveld den Auftrag, eingeschüchtert und entnervt, wieder zurück. Solcherart „gewarnt“, wollte der deutsche Verlag Hoffmann & Campe auf Nummer sicher gehen. Er stellte der Übersetzerin Uda Strätling (ohne Diskriminierungserfahrung) die Aktivistin und Autorin Kübra Gümüşay zur Seite sowie die Migrations- und Rassismus-Expertin Hadija Haruna-Oelker.

Also alles richtig gemacht? Eher nicht. Tenor der Literaturkritik: Projekt eher misslungen. Gedicht übrigens auch.

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