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Frauen auf der Rückseite des Sozialismus

Politisch, poetisch, renitent: Das 33. Filmfest Dresden widmet sich dem Schaffen von Regisseurinnen in der DDR.

Über ihre Erfahrungen im Frauenknast Hoheneck konnte Gabriele Stötzer nicht offen reden. 1985 drehte sie selbst eine Film-Performance darüber.
Über ihre Erfahrungen im Frauenknast Hoheneck konnte Gabriele Stötzer nicht offen reden. 1985 drehte sie selbst eine Film-Performance darüber. © Screenshot: SZ

Die Frau macht sich nackig. Körperlich und seelisch. Zunächst bemalt sie sich mit weißer Farbe, Rippen auf den Brustkorb, Knochen an den Armen. Dann kommt Rot hinzu, bald sieht das Gesicht aus wie eine überreife Frucht. Und immer wieder stellt sie aus dem Off die Frage: „Hab‘ ich euch nicht glänzend amüsiert?“ So stellt sich die Künstlerin Gabriele Stötzer in einem Super8-Video dar und aus, verletzt und wütend zugleich. So „erzählt“ sie von ihrer Haft im DDR-Frauenknast Hoheneck. Mit Weiß für die verlorene Unschuld. Mit Rot für Rache und die ausbleibende Regel; die Haft war Psychofolter und Dauerstress mit unmittelbaren körperlichen Folgen.

Das konnte Stötzer 1985 nicht öffentlich schildern, nur als Kunst verpackt. Zu sehen bekamen den Film nur wenige Leute in geschlossenen Zirkeln, in Wohnzimmern, in Hinterhöfen. Es blieb im Subversiven. „Die Super8-Technik mit ihren einfachen Kameras hat es erst ermöglicht, dass Menschen in der DDR sich das Medium Film zu eigen machen und Inhalte formulieren konnten, für die es sonst kein Forum gab“, sagt Cornelia Klauß. Die 58-Jährige hat zu Ostzeiten in Babelsberg Filmwissenschaften studiert, war selbst an der Kamera aktiv, wurde später Kuratorin und arbeitet seit 2017 als Referentin für Film- und Medienkunst an der Berliner Akademie der Künste. Beim Filmfest Dresden präsentiert sie nun ihre zweiteilige Retrospektive „Politisch. Poetisch. Renitent. Regisseurinnen in der DDR.“

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Einige Defa-Regisseurinnen wollten andere Geschichten erzählen und setzten dabei nicht auf "Ikonen eines besseren Sozialismus" wie Angelica Domröse. Denn Frauen wie "Paula" durften Utopien leben, litten aber nicht an ganz normalen Alltagsproblemen. Genau
Einige Defa-Regisseurinnen wollten andere Geschichten erzählen und setzten dabei nicht auf "Ikonen eines besseren Sozialismus" wie Angelica Domröse. Denn Frauen wie "Paula" durften Utopien leben, litten aber nicht an ganz normalen Alltagsproblemen. Genau © MDR/Progress

Frauen träumten von Utopien, Männer blieben realistisch

Der Zeitraum, den Cornelia Klauß' Programm umfasst, spannt sich so weit auf wie dessen Inhalt: von 1948 bis 1990, von Defa-Propagandastreifen bis zu gefilmten Performances. Anders gesagt: Es beinhaltet sowohl das staatlich organisierte und kontrollierte Defa-Schaffen wie das der Avantgarde. Nur – gab es überhaupt einen typisch weiblichen Blick im Filmschaffen der DDR? Und falls ja: Worin bestand der?

Cornelia Klauß spricht da weniger von Merkmalen als von Indizien. „Das offizielle Filmschaffen lang ganz in den Händen der Defa, und deren Regisseure und Regisseurinnen unterlagen alle den Vorgaben der Zensur. Aber Frauen haben trotzdem ihre eigenen Wege gefunden“, sagt sie. So hätten Regisseurinnen bewusst andere Schauspielerinnen gewählt als Jutta Hoffmann & Co., „diese Ikone eines besseren Sozialismus“. Frauen seien als Heldinnen reizvoller gewesen, „weil man sie politisch ohnehin weniger für voll genommen hat“. Deshalb durften sie zweifeln wie „Karla“, in Utopien leben wie „Paula“ oder selbstbestimmt renitent sein wie „Sunni“. Während die Männer wie „Paul“ doch auf dem Boden des Sozialismus bleiben mussten.

Cornelia Klauß stellte das Filmfest-Programm zusammen. Sie hat in der DDR Filmwissenschaft studiert, selber Filme gedreht, ist Kuratorin und Buchautorin und Referentin an der Berliner Akademie der Künste.
Cornelia Klauß stellte das Filmfest-Programm zusammen. Sie hat in der DDR Filmwissenschaft studiert, selber Filme gedreht, ist Kuratorin und Buchautorin und Referentin an der Berliner Akademie der Künste. © Foto: Moving History Festival

Weibliche Sehnsucht nach anderen Kulturen und Ländern.

Die Heldinnen in Filmen von Regisseurinnen wie Iris Gusner und Evelyn Schmidt hingegen hatten nicht nur – wie es sich in der DDR gehörte und in der Bundesrepublik die große Ausnahme war – Arbeit und Kinder. Sie zeigten auch die Probleme von Frauen im ganz realen gesellschaftlichen Alltag auf, mit dem Beruf, mit den Männern, mit ihren vielfältigen Benachteiligungen trotz aller formaler Gleichberechtigung. „Mit dieser starken Verankerung von sozialen Themen illustrierten die Frauenfiguren der Regisseurinnen die Rückseite des Sozialismus“, sagt Kuratorin Klauß.

Im Dokumentarfilm wandten sich auffällig viele Frauen kulturellen Themen zu. Wie Marion Keller, die 1948 in „Botschafter des Friedens“ Auftritte des russischen Alexandrow-Ensembles dokumentiert, etwa in den Trümmern von Dresden. Ihre Hoffnung galt der Sowjetarmee, die sie als Befreier feiert. In „Lieder machen Leute“ über die „Singebewegung“ der SED transportiert Gitta Nickel vor über einem halben Jahrhundert das 68er-Gefühl, das ebenso aus Prag wie Paris herüberschwingt. Und Heike Misselwitz vermittelt in ihrem kunstvollen und erzählerisch famosen Film-Essay „Tangotraum“ nicht nur die Geschichte und Bedeutung jenes Tanzes. Vielmehr wird zudem ihre Sehnsucht spürbar nach einer anderen Kultur und einem anderen Land.

In "Botschafter des Friedens" dokumentierte Marion Keller 1948 Auftritte des russischen Alexandrow-Ensembles in den Trümmern von Dresden, hier im Ostra-Gehege. Ihre Hoffnung galt der Sowjetarmee, die sie als Befreier feiert.
In "Botschafter des Friedens" dokumentierte Marion Keller 1948 Auftritte des russischen Alexandrow-Ensembles in den Trümmern von Dresden, hier im Ostra-Gehege. Ihre Hoffnung galt der Sowjetarmee, die sie als Befreier feiert. ©  Screenshot: SZ

Dresden als Schmalfilm-Mekka Ost

Dass Dresden in der Filmgeschichte Ost keine Nebenrolle spielte, zeigt sich auch beim Thema „Regisseurinnen in der DDR“. Bildlich durch „Dresden Oktober 1989“ von Róza Berger-Fiedler, die in jenen Wochen Geschehnisse an der Elbe jenseits der Standards üblicher Berichterstattung hinterfragte. Und etwa dokumentierte, wie der Politiker Hans Modrow einer aufgebrachten Menge begegnet, sich ein Jugendpfarrer auch Sorgen um junge Rekruten macht und drei Vertreter der oppositionellen „Gruppe der 20“ von ihrer Angst berichten.

Eben hier fand an der Kunsthochschule viermal ein Super8-Festival statt. „Zum ersten Mal konnten dieses subversiven Filme einer größeren Öffentlichkeit gezeigt werden“, sagt Cornelia Klauß. „Das war so ungewöhnlich, dass extra dafür aus der ganzen Republik Zuschauerinnen und Zuschauer gekommen sind.“

Der Super8-Film war für "missliebige" Künstlerinnen ohne Ausstellungserlaubnis wie Christine Schlegel oft das einzige Medium, auf dem sie ihre Kunst festhalten durften. Viele gingen deshalb wie sie in den Achtzigern in den Westen.
Der Super8-Film war für "missliebige" Künstlerinnen ohne Ausstellungserlaubnis wie Christine Schlegel oft das einzige Medium, auf dem sie ihre Kunst festhalten durften. Viele gingen deshalb wie sie in den Achtzigern in den Westen. © Foto: Christine Schlegel

Viele Künstlerinnen verließen die DDR

Überhaupt waren es Künstlerinnen und Künstler wie Gabriele Stötzer, die das Medium Super8 als verbleibende Chance nutzten. „Viele von ihnen durften wegen ihrer kritischen und deshalb missliebigen Kunst nicht mehr offiziell ausstellen“, erzählt Kuratorin Klauß. „Gerade für Performerinnen war der Film oft die einzige Möglichkeit, ihre Arbeit überhaupt festzuhalten und zu dokumentieren.“ Wie Christine Schlegel, die in „Abendmahl“ den Messias und andere Heilsbringer aufeinandertreffen lässt und sie entlarvt. Es war ein Abgesang nicht nur auf Utopien: Kurz darauf verließ Schlegel ebenso wie Cornelia Schleime und andere Künstler die DDR.

„Hätte es hier damals schon nicht nur Super8 gegeben“, sinniert Cornelia Klauß, „sondern wie im Westen auch die Videotechnik, die man mühelos kopieren und verbreiten konnte – vielleicht wäre es dann mit der DDR noch ein wenig schneller zu Ende gegangen.“

„Regisseurinnen der DDR Teil 1“: Dienstag 20 Uhr und Donnerstag 17.30 Uhr im Thalia. Teil 2: Mittwoch und Samstag jeweils 17.30 Uhr im Thalia.

Die SZ ist Medienpartner des Filmfests Dresden

Vom 13. bis 18. Juli laufen in den Wettbewerben sowie Sonderprogrammen insgesamt 368 Kurzfilme aus 64 Ländern.

Haupt-Spielstätten sind das Filmtheater Schauburg, das Thalia Kino und Programmkino Ost sowie die Open-Air-Spielstätten auf dem Neumarkt und bei den Filmnächten am Elbufer.

Mit 70.500 Euro bleibt das Filmfest Dresden das höchstdotierte seiner Art. Neun „Goldenen Reiter“ und sieben Sonderpreise werden verliehen.

Hygienemaßnahmen sind weiterhin zu beachten: Mund-Nasen-Schutz in allen Innenräumen, Mindestabstand von 1,50 m, der im Kinosaal unterschritten werden kann, Kontaktverfolgung entfällt.

Tickets zum Preis von 7,50 Euro pro Programm gibt es bei: Saxticket, Konzertkasse Kreuzkirche, Konzertkasse Florentinum, Dresden Information an der Frauenkirche, ReserviX-Vorverkaufsstellen.

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