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Frauen ergreifen die Macht am Staatsschauspiel

Die Dresdner Inszenierung von Shakespeares Tragödie „König Lear“ wird aus weiblicher Perspektive erzählt – und foltert mit Wasser.

Gonerlil, gespielt von Agnes Mann (mit blauem Mantel) will als „Eiserne Lady“ an die Macht – koste es, was es wolle.  Foto: Sebastian Hoppe
Gonerlil, gespielt von Agnes Mann (mit blauem Mantel) will als „Eiserne Lady“ an die Macht – koste es, was es wolle. Foto: Sebastian Hoppe © Sebastian Hoppe

Einmal König, immer König, denkt der britannische Herrscher Lear. Er hat den Kanal voll vom Regieren, will aber alle Privilegien behalten und den Ruhestand genießen. Also verschenkt er kurzerhand sein Reich an die Töchter. Selbstverliebt und lobverwöhnt, fragt er: „Welche von euch liebt uns am meisten?“ Goneril und Regan schmieren ihm kräftig Honig ums Maul, nur Cordelia, die Jüngste, heuchelt nicht mit: „Das Herz passt mir nicht in den Mund.“ Lear fährt aus der Haut, verflucht die Lieblingstochter. Gerade noch wollte er ihr das größte Stück vom Kuchen zuschieben, jetzt enterbt er sie. Nennt sie Schädling, „besser du wärest nicht geboren“. Die älteren Schwestern reiben sich die Hände und geraten sofort aneinander im Streit um das Erbe.

Lear hat seine Töchter schon als Kinder missbraucht

Mit drei Premieren startete das Staatsschauspiel Dresden am Wochenende in die neue Spielzeit. Coronabedingt leider immer noch mit weniger Publikum und strenger Einlasskontrolle. Shakespeares Meisterwerk „König Lear“, im Jahr 1506 uraufgeführt, wird von einem Frauenteam in Szene gesetzt. Die englische Regisseurin Lily Sykes erzählt die Geschichte radikal aus der Perspektive der Töchter. Ihre Ehemänner bleiben draußen, kein Cornwall, kein Albany, auch kein König von Frankreich auf der Bühne. Und Graf Gloster, der Verbündete von Lear, wird mit der Schauspielerin Hannelore Koch besetzt.Lears Töchter Goneril und Regan, vom tyrannischen und machtbewussten Vater geprägt, wollen den Staat verändern, die verkrusteten Strukturen aufbrechen. Am Ende scheitern sie, weil sie jene Instrumente der Macht übernehmen, die sie von Lear kennen: Egoismus, Folter, Personenkult, Unterdrückung Andersdenkender. Regan stellt fest: „Wir sind nicht die Ersten, die das Beste wollten und im Schlimmsten enden.“

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Hannelore Koch gibt Graf Gloster
Hannelore Koch gibt Graf Gloster © Sebastian Hoppe

Gespielt wird auf der weiten, mit Silberpapier drapierten Bühne von Jelena Nagorni. Die Wände werden später hochgefahren, lassen Windmaschine und Lichtkreis erkennen. Meist wird „König Lear“ als Tragödie eines greisen Mannes gezeigt, der bettelarm im Wahnsinn endet. Die Schwestern, die dem Vater Wohnrecht und Gefolge verweigern, gelten gemeinhin als Hexen. Cordelia und der Narr (beide von Kriemhild Hamann verkörpert), Höfling Kent und Graf Gloster gelten als humane Gegenspieler. Das sind sie auch in dieser Aufführung, aber differenzierter als üblich. Lear ist ein unsympathischer Zeitgenosse, noch gut im Saft, kein alter Mann. Torsten Ranft spielt ihn als lauten, lüsternen, unberechenbaren Kerl, der mit seinen Knappen säuft, frisst und hurt, ständig herumbrüllt und weinerlich um seine Rechte bettelt. Er geht den Töchtern an die Wäsche, hat sie schon als Kinder missbraucht. Erst als er entmachtet, frierend mit Babymütze und ohne Hosen im Wahn durch die Heide irrt, erkennt er vage sein Versagen, wird Kreatur unter Kreaturen. Seine Weisheit wird eher behauptet, und Mitleid mit ihm will sich kaum einstellen.

100 urinierte Klodeckel, 35 Pornos und 100 Blondinenwitze

Die interessante Figur des Abends ist nicht der Titelheld, sondern Edmund, der uneheliche Sohn Glosters. Er wird vom verzärtelten rechtmäßigen Bruder Edgar (stärker als verrückter Tom: Marin Blülle) verächtlich Bastard gerufen und angepinkelt. Edmund ist intelligenter, leidenschaftlicher, kräftiger und anmutiger als Edgar. Matthias Reichwald spielt ihn entschlossen und freudvoll, macht die Zuschauer zu Verbündeten, weiht sie in seine intriganten Pläne ein. Ich bin doch der Bessere als dieses Weichei, suggeriert er. Er wickelt Gloster mit einem gefälschten Brief um den Finger, jagt den Bruder vom Hof und nimmt dessen Stelle ein. Quasi nebenbei wird er zum Liebhaber beider Schwestern. Reichwald macht das großartig, ist mal devotes Hündchen, mal knallharter Aufsteiger, wie es gerade gebraucht wird.

Torsten Ranft spielt König Lear
Torsten Ranft spielt König Lear © Sebastian Hoppe

Miroslava Svolikova holt in ihrer Übersetzung aus dem Englischen viel Umgangssprachliches in den Text, spottet über politische Korrektheit. „Bastard“ sei nicht mehr zeitgemäß, lässt sie den Höfling Kent sagen (Philipp Lux als biegsamer und königstreuer Diener). Als sich Regan über das hundertköpfige Rittergefolge von Lear aufregt, hält sie ihm vor, was das täglich bedeutet: Unmengen von Fleisch und Flüssigem, 100 urinierte Klodeckel, 35 Pornos und 100 Blondinenwitze. Ja, es gibt Humor in dieser Inszenierung, die auch mal zu Räuberpistole und Klassiker-Parodie neigt. In Erinnerung bleiben eindringliche Bilder. Goneril, als kalt kalkulierende „eiserne“ Lady von Agnes Mann gespielt, foltert mit einem Wasserschlauch den gepeinigten Kent, Anspielung auf das berüchtigte Waterboarding der US-Geheimdienste. Regan, als moralisierende Tochter mit schlechtem Gewissen gespielt von Karin Plachetka, blendet den hilflos schreienden Gloster, kann selber kaum hinsehen. Der Schlauch wird immer häufiger gebraucht, die Bühne zum Wasserbecken mit Damen- und Herren-Schlamm-Scharmützel. Ein Witzbold nannte die Aufführung beim Hinausgehen „Gummistiefel-Inszenierung“.

Nein, Goneril und Regan sind in der Sicht von Regisseurin Lily Sykes keine Hexen, aber auch keine besseren Menschen. Sie fragt, hätten Lears Töchter die Möglichkeit gehabt, es besser zu machen? Und sie zieht eine Parallele zur Gegenwart. Sie habe das Gefühl, „wir stagnieren in einem Krieg aus Worten“. Lily Sykes will herausfinden, warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Der knapp dreistündige Abend versucht eine Antwort. Sie könnte überzeugender sein.

König Lear, wieder am: 25. 9., 10. und 23.10. im Schauspielhaus. Kartentelefon: 0351/4913555

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