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Debütroman von Lisa Eckhart: Früher war alles besser

„Omama“ von Lisa Eckhart ist ein gefundenes Fressen für die humorfreien Kunst-Jakobiner. Eine Rezension.

Die in Leipzig lebende Österreicherin Lisa Eckhart setzt nicht nur bei ihren Live-Auftritten wie zuletzt in der Dresdner „Jungen Garde“, sondern auch in ihrem Romandebüt „Omama“ auf unkorrekte Scharfzüngigkeit.
Die in Leipzig lebende Österreicherin Lisa Eckhart setzt nicht nur bei ihren Live-Auftritten wie zuletzt in der Dresdner „Jungen Garde“, sondern auch in ihrem Romandebüt „Omama“ auf unkorrekte Scharfzüngigkeit. © Matthias Rietschel

Von Bettina Ruczynski

Wo Lisa Eckhart draufsteht, ist Lisa Eckhart drin. Das ist gut. Die polarisierende Ausnahme-Kabarettistin, morbid-elegante Kunstfigur, Herrscherin über einen grandiosen Wortschatz samt Tabus konsequent ignorierendem Witz, hat ihren ersten Roman veröffentlicht. Und der ist so intelligent, scharfzüngig und böse, wie es die Bühnenauftritte der in Leipzig lebenden Österreicherin vermuten lassen.

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Ihre Omama ist Helga, ein Mädchen aus der Steiermark. Wie Lisa Lasselsberger (Eckharts bürgerlicher Name), geboren 1992 in Leoben, selbst eins ist. Diese Großmutter ist lebensklug, clever und so ziemlich mit allen Wassern gewaschen. Sie verkauft dem smarten, berühmten Bauernfänger in Jeans und teurem Trachtenjanker erfolgreich etliches aus ihrem Sortiment. Zum Beispiel den Kräutertrunk (39 Kräuter, fünf mal Melisse), dazu zehn Exemplare Drachenbalsam und fünf Hühneraugencremes. Dass die Oma dabei vorgibt, den Namen ihres prominenten Kunden nicht zu kennen, macht jenen traurig bis wütend; im Gegensatz zum Rumpelstilzchen im Märchen. Überhaupt finden viele Märchen statt in Eckharts Roman. Ruckediguh müssen Linsen sortiert werden, und das Ballkleid fürs Aschenputtel aus der Steiermark ist eine Gabe halbmächtiger Mächte.

Voller Blut, Schweiß und Tränen

Als die Großmutter dem Jörg Haider ihre Salben anpreist, kommt in ihrem Wortschwall ein „Jud“ vor. Ein „Neger“ auch. Dies nur als Hilfestellung für jene humorfreien Kunst-Jakobiner, die eifrig nach Gründen fahnden, Lisa Eckhart („Provozieren ist meine Arbeit“) mal wieder wo auszuladen. Oder mit Fäkalien zu bewerfen.

Apropos Fäkalien: Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an Omama. Allerdings eine von Körpersäften, grotesken Geschichten und menschlichen Ausdünstungen getränkte. Eine voller Blut, Schweiß, Tränen. Und allem anderen, was der Mensch so von sich gibt. Von Poesie bis Kacke.

Ja, Lisa Eckhart zelebriert in ihrem Roman eine unzimperliche Affinität zum Körper und dessen Ausscheidungen. Sie spielt lustvoll mit dem Ekel und den Grenzen des guten Geschmacks – ohnehin eine eher subjektive Angelegenheit und kein Kriterium für Kunst.

Männer kommen nicht gut weg

Das Buch beginnt bereits mit dem Unwillen der neugeborenen Ich-Erzählerin, das oben Eingeflößte unten gen Windel wieder herzugeben. Die List der Oma, bei der ein handlich geschnitztes Stückchen Seife zum Einsatz kommt, wirkt. Die Leserschaft ist erleichtert. Die Neugeborene auch. Doch leichter wird es nicht. Im Gegenteil.

„Früher war nicht alles besser, weil heute alles schlechter ist. Früher war alles besser, weil man wusste, wie schlecht alles war. Heute ist alles schlechter, weil man glaubt, dass alles gut sei.“ Man begleitet Helga und deren hübsche, aber dumme Schwester Inge auf ihrem Weg im Nachkriegs-Österreich, taucht ein in eine deftig-dörfliche Welt mit spezieller Personage: „Die Dorfmatratze ist nur eine jener vier sakralen Säulen jeder dörflichen Gemeinschaft. Schönling, Matratze, Depp und Trinker.“ Helga heiratet den Rudi, der ein Schönling ist.

Platz für Idylle ist hier nicht; für Leidenschaften schon. Männer kommen in diesem Buch nicht gut weg. Frauen sind die Macher, die den Laden schmeißen. „Jede Mutter ist alleinerziehend. Insbesondere die mit Mann.“

Ist das Literatur?

Lisa Eckhart gibt vor, ihre Spielfiguren nicht zu lieben. Ihre Leser auch nicht. Sie tut so, als sei ihrem bösen Humor und ihrer gnadenlosen Beobachtungsgabe alles wurscht. Dass das nicht stimmt, macht einen nicht geringen Reiz der Lektüre aus. Jeder kriegt sein Fett weg, die Oma, die Enkelin, die Österreicher, die Deutschen, Junge, Alte – alle. „Mir is völlig wuascht, wer g’winnt. Hauptsache, die Deitschen net.“ Und: „Der Österreicher verachtet den Deutschen (…) seit Anbeginn der Zeit.“

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Literaturpapst Reich-Ranicki hätte vielleicht auf seine grimmige Art behauptet, dass dieser Roman keine Literatur sei. Rein akademisch betrachtet, stimmt das vielleicht. „Omama“ ist vor allem eine Riesen-Performance der scharfsinnigsten Wortkünstlerin, die der deutsche Sprachraum zur Zeit zu bieten hat. Und so hat man denn beim Lesen immer auch Eckharts unverwechselbare Sprachmelodie samt vermeintlich sanftem österreichischen Dialekt im Ohr. Dass sie das Hörbuch ihres Romans höchst selbst eingelesen hat, war unabdingbar.

Lisa Eckhart: Omama. Zsolnay, 382 Seiten, 24 Euro

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