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Goldoni-Stück wird zum Ritt auf der Nudel

Die Dresdner Inszenierung der "Trilogie der Sommerfrische" setzt auf Italo-Pop, Landlust und falsche Gefühle.

Schwimmnudeln werden zum Hauptmotiv des Stücks.
Schwimmnudeln werden zum Hauptmotiv des Stücks. © Sebastian Hoppe

Liebeswahn und Liebesleid, Eifersucht und Eitelkeiten: Darum dreht sich Carlo Goldonis Komödie „Trilogie der Sommerfrische“ von 1761. Alle Figuren haben Lust aufs Land, wollen raus aus der Stadt. Ihre Probleme und Problemchen nehmen sie mit. Wer hat das schickste Kleid, den besten Wein, das schönste Anwesen? Jeder will vor seinem Nachbarn protzen. Auch wenn sich die Schulden häufen. Gesicht wahren ist alles.

Freitagabend im Dresdner Schauspielhaus. Premierenfieber! Acht Monate nach Rainald Grebes toller Theaterfantasie „Einmeterfünfzig“ öffnet sich der Vorhang hier endlich wieder für eine Premiere. Leider noch mit Maske und Platz für nur 220 Zuschauer. Aber man gelangt ohne Test ins Haus. Goldonis Geschichte wird ins Italien der 60er-Jahre verlegt, Sehnsuchtsort der frühen Bundesrepublik. Herz-Schmerz-Schlager der Marke Italo-Pop werden vom elfköpfigen Ensemble mit schräger Inbrunst und radebrechend interpretiert. Selbst Roland Kaisers Hit „Warum hast du nicht nein gesagt“ wird italienisch geschluchzt. Die typisierten Figuren machen sich was vor, geben sich ihren eingetrichterten Gefühlen hin.

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Nudeln als Paddelhilfe, Sexpuppe und Peitsche

Gastregisseur Rafael Sanchez vom Kölner Theater hat sich in seiner Konzeption offenbar von der quietschbunten Münchner Inszenierung Herbert Fritschs aus dem Jahr 2014 inspirieren lassen, die auch beim Dresden-Gastspiel gefeiert wurde. Er verwendet die Übersetzung und Bearbeitung der Komödie von Sabrina Zwach, Fritschs Dramaturgin. Die urlaubenden deutschen Männer zeigen in kurzen Hosen und Dreiviertelsocken viel Bein. Die Damen träumen von Amore und führen ihre glitzernden Klamotten aus. Je farbiger, desto länger. Die gut zweistündige Aufführung ist kein müder Abklatsch des Münchner Originals. Sie legt Wert auf kultur- und konsumkritische Akzente, so die Vermarktung der romantischen Liebe.

Die fahrbare Bühne von Simeon Meier überrascht mit ihrer Zwillingsausstattung. Kaminzimmer und Ferienhäuser verdoppeln sich und lassen Menschen quasi durch die Wände gehen. Die Inszenierung geizt nicht mit Zitaten aus Oper, Kunst und Film. Manchmal quillt die Aufführung vor Einfällen über, mehrfach kommt sie schwer vom Fleck.

Originell der massive Einsatz von pinkfarbenen Schwimm-Nudeln, griffigen Gummisäulen. Sie gaukeln eine rosarote Welt vor, in der sich die Figuren allzu gern tummeln. Mal hängt der Himmel voller Nudeln, mal sind sie Paddelhilfe, Sexpuppe oder Prügelpeitsche. Eine persiflierte Modenschau, ekstatische Tanzeinlagen und heimliche erotische Treffs bringen das anfangs zurückhaltende Publikum in Fahrt. Kostüme im Retro-Look schneidern eine Brücke ins Heute. Slapsticks und Running Gags stammen aus der Klischeekiste, wieder mal knallen Köpfe und Türen ohne Unterlass aneinander. Wortspiele wie „Pasta und Basta“ oder „ruinieren und urinieren“ taugen für flache Lacher. Man amüsiert sich in Intervallen.

Die frivole Prise Verruchtheit

Die eigentliche Handlung ist rasch erzählt. Zwei Männer lieben dieselbe Frau und einer geht leer aus. Die Damen verlieren darüber manche Träne und fügen sich in das finanziell notwendige Übel. Eine reiche alte Tante, männlich besetzt, verknallt sich in einen jüngeren Galgenstrick, der Liebe heuchelt und nach Moneten hechelt. Philipp Lux verleiht dem Langhaar-Hippie eine saftige fiese Note. Thomas Eisens klammer Lebemann Leonardo haut mächtig auf den Putz. Er scheucht seinen Diener hin und her, lässt ihn gefühlte zehn Mal die Reisesachen einpacken und wieder auspacken. Er will seinem Rivalen, dem wohlhabenden Langweiler Guglielmo (Raiko Küster), nicht begegnen. Beide buhlen um Giacintas Gunst.

Christine Hoppe tanzt als umworbene Braut auf zwei Hochzeiten. Als selbstbewusste Frau setzt sie locker ihren Willen durch. Die Urlaubsliebe zu Guglielmo trifft sie ins Mark. Dennoch hält sie ihr Heiratsversprechen, das sie Leonardo gegeben hat. Ehrenwort bleibt Ehrenwort: „Die Leidenschaft muss besiegt werden.“ Blitzplatz verkuppelt sie ihre Schwägerin Vittoria mit dem abservierten Liebhaber. Anna Katharina Muck ist darüber nicht böse und würzt ihre Figur mit einer frivolen Prise Verruchtheit. Ahmad Mesgarhas eleganter strippenziehender Anwalt wickelt jeden um den Finger und vertritt vor allem seine eigenen Interessen.

Wie stets bei Goldoni kommen die Diener groß raus, sind die wahren Sieger der Geschichte. Henriette Hölzels hinreißende Zofe ist der Clou des Abends. Ihr Körperspiel, kerzengrad und biegsam, drückt Widerspenstigkeit und pure Lebenslust aus. Das schmachtende Liebesduett mit Jannik Hinschs patentem Paolo wird zum Ohrwurm des Abends. Ob am Akkordeon, beim Radeln oder dem Ritt auf der Riesennudel ist die junge Schauspielerin ein echter Hingucker. Unterm Strich: eine unterhaltsame, gut gespielte Inszenierung, die bei Straffung das Zeug zum Renner hat.

Wieder am 17. und 18. Juni, jeweils 19.30 Uhr, Kartentel. 0351 4913555

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