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Ich bin immer fürs Kämpfen

Lena Gorelik erzählt, wie ein russisches Mädchen in Deutschland heimisch zu werden versucht. Es ist ihre eigene Geschichte.

Fremdsein, Scham und doppelte Pubertät beschreibt Lena Gorelik in ihrem autobiografischen Roman.
Fremdsein, Scham und doppelte Pubertät beschreibt Lena Gorelik in ihrem autobiografischen Roman. © SZ Photo/Alessandra Schellnegger

Ihr Deutsch beschränkte sich auf „Hände hoch“, das zweite Wort hieß: leider. Lena Gorelik war elf, als sie 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie aus Sankt Petersburg nach Deutschland übersiedelte. Sie studierte Kommunikationswissenschaften und besuchte die Deutsche Journalistenschule, lebt jetzt in München und gehört mit neun Romanen, Kinderbüchern, Sachbüchern und mit Theaterstücken in die erste Reihe deutschsprachiger Gegenwartsautorinnen. Aus ihrem neuen Roman „Wer wir sind“ las die 40-Jährige unlängst in Dresden. Sie habe länger gebraucht, dieses Buch nicht zu schreiben, sagt sie, als es zu schreiben.

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Ihre Eltern haben Russland wegen des wachsenden Antisemitismus verlassen. Warum gingen sie ausgerechnet nach Deutschland?

Das war eine schwere Entscheidung. Die USA stellte sprachliche und berufliche Anforderungen, die meine Eltern nicht mitbrachten. Nach Israel konnten sie nicht wegen der Hitze, weil mein Vater herzkrank ist. Nach Deutschland wollte er nicht, weil sein Vater im Zweiten Weltkrieg gestorben war. Doch nach einem antisemitischen Angriff in der Metro sagte er: Schlimmer kann es nicht werden.

Wussten Ihre Eltern, dass Sie anderthalb Jahre lang im Aufnahmelager in einer Holzbaracke leben würden, umgeben von Stacheldrahtzaun?

Wir hatten überhaupt keine Ahnung, worauf wir uns einlassen würden. Es gab keinen Informationsbrief, wie alles ablaufen würde. Man durfte im Ausreiseantrag ein Bundesland angeben, in das man am liebsten möchte. Mein Vater hat meinen Schulatlas gewälzt und gesehen, dass in Baden-Württemberg Wein angebaut wird. Das gefiel ihm. Per Losverfahren wurden wir nach Ludwigsburg geschickt. Meine Eltern lebten mit meiner Großmutter, meinem älteren Bruder und mir auf zwölf Quadratmetern. Dusche und Küche teilten wir uns mit 17 anderen russischen Familien.

Bedrückt Sie die Erinnerung noch?

Das Wohnheim schleppt man immer mit sich herum. Das merkt man an Kleinigkeiten. Zum Beispiel gab es dort blau-weiß karierte Bettwäsche für alle, und die ertrage ich bis heute nicht. Ich spüre sofort: Da werde ich nicht schlafen können, obwohl ich sonst immer und überall schlafen kann und nicht wählerisch bin. Vor allem ist mit dem Heim das Schamgefühl verbunden. Es ist die Scham, anders auszusehen, falsch angezogen zu sein, mit Akzent zu sprechen, nicht zu wissen, wie ein Teebeutel funktioniert. Dieses Schamgefühl überfällt mich in Situationen, in denen ich überhaupt nicht damit rechne. Ich weiß zwar, woher es kommt, kann es analysieren – trotzdem bin ich wieder das Kind von damals, das sich schämt.

Wann zum Beispiel überfällt Sie dieses Gefühl?

Als meine beiden Söhne zum Schulfest russischen Kuchen mitnehmen wollten, bin ich leicht in Panik geraten. Ich musste sofort daran denken, wie ich mit meinem russischen Kuchen ausgelacht wurde, weil er anders aussah als schwäbischer. Dabei muss es für meine Eltern ein riesiger Aufwand gewesen sein, solchen Kuchen zu organisieren, denn einen Backofen gab es im Heim nicht. Meine Kinder finden es cool, wenn sie was Russisches mitnehmen in die Schule. Ich muss mich zusammenreißen, um sie machen zu lassen.

Haben Sie die Scham als familientypisch erlebt oder ist sie immer mit Migration verbunden?

Scham ist ein Teil der Migration. Man fällt auf, ohne dass man sich das ausgesucht hätte, wie man sich etwa einen verrückten Hut aufsetzen würde. Der Hut wäre eine Entscheidung. Aber man entscheidet sich nicht dafür, als fremd wahrgenommen zu werden. Das machen die anderen mit einem. Dem ist man ausgeliefert. Man hat als Neuankömmling nicht das Selbstbewusstsein, zu sagen: Hej, probiert doch mal den Kuchen, vielleicht schmecken auch Dinge, die nicht aus Schwaben kommen.

Ihre Familie kam aus Sankt Petersburg. Warum fühlte sie sich in der schwäbischen Kleinstadt nicht überlegen?

Weil die Leute Petersburg nicht kannten. Sie kannten Russland, und Russland verbanden sie mit Wodka. Wie oft ich blöde Wodka-Witze gehört habe! Petersburg als Weltstadt oder die große russische Literatur, das stand alles nicht zu Debatte. Wenn meine Eltern aufs Amt gingen, haben sie alles Weltstädtische sofort verloren.

Die Ämter haben die Ingenieur-Diplome Ihrer Eltern nicht anerkannt. Ihr Vater wurde von einer Zeitarbeitsfirma von Fabrik zu Fabrik geschickt, Ihre Mutter arbeitete teilweise als Putzfrau. Haben sie ihren Schritt je bereut?

Das glaube ich nicht. Aber manchmal fehlt ihnen etwas. In meinem Buch nehme ich Rücksicht auf sie. Ich beschütze meine Eltern.

Aber Sie schreiben auch: Die Großmutter wurde nach Deutschland gezerrt. Ein Vorwurf?

Meine Großmutter wollte nie weg aus Russland. Sie hatte ihr Leben gelebt, und das, woran sie noch hing, waren die Gräber und die Verwandten. Meine Mutter aber wäre ohne sie nie gegangen. So geriet sie in diesen unmenschlichen Zwiespalt – sich für ihre Mutter oder für ihre Kinder zu entscheiden. Das ist keine Situation, aus der sich ein Vorwurf machen ließe.

Ihre Eltern haben unendlich viel aufgegeben für Sie. Damit waren auch Erwartungen verbunden. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe es manchmal als Bürde empfunden, glücklich sein zu müssen. Doch ich hatte meine eigenen Vorstellungen von Glück und habe sicher nie das Leben gelebt, das meine Eltern sich gewünscht hätten. Ich bin in eine Welt gezogen, die sie nicht kannten, die ihnen Angst machte. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit allen Scheren loszuschneiden. Sonst hätte ich nicht ich bleiben können. Vielleicht haben sie das als rabiat empfunden. Es hat gedauert, bis ich sie in mein Leben hineingenommen habe. Das musste ich erst lernen. Wir müssen durch eine doppelte Pubertät, sagte neulich bei einer Lesung eine Frau aus dem Iran: Wir müssen uns von den Eltern losreißen wie jeder Halbwüchsige, und wir müssen uns an dem abarbeiten, was sie uns beigebracht haben an Kultur, an Werten.

Zu dieser Kultur gehört in Ihrer Familie das Judentum. Welche Rolle spielt es für Sie?

An manchen Tagen spielt es gar keine Rolle, an anderen eine unglaubliche. Im Zusammenhang mit 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gab es viele Interviews und Veranstaltungen. An solchen Tagen fühle ich das Jüdische sehr.

Feiern Sie Weihnachten, Chanukka oder Nowy God?

Alles, ich nehme alles mit, was irgendwie geht. Ich lebe nicht religiös.

Laut einer Umfrage erwägen 44 Prozent der jüdischen Bürger in Deutschland, auszuwandern.

Ich nicht! Es ist eine prinzipielle Entscheidung, ob man geht oder kämpft. Ich bin immer fürs Kämpfen. Ich weiß, warum andere weggehen wollen, und ich würde das nicht abtun mit: Bitte stellt euch nicht so an. Ich sehe ja selbst, dass der Antisemitismus zunimmt, wie im Übrigen auch der Antifeminismus und der Rassismus. Mir ist es wichtig, dagegen zu kämpfen.

Warum nehmen diese Bewegungen zu?

Es begann mit der sogenannten Geflüchtetenkrise. Plötzlich waren rassistische und antisemitische Äußerungen möglich, die, wenn sie enttabuisiert werden, in Gewalt übergehen können. Dem haben wir nicht schnell genug Einhalt geboten. Wir wollten Menschen mitnehmen, die gar nicht mitgenommen werden wollten. Ich habe den Eindruck, dass wir nur reagieren, aber nicht agieren. Wir treffen uns auf einen Wein, bestätigen uns unseres guten Weltbildes und wie böse die anderen sind. Dann geht jeder nach Hause, während die anderen Tausende auf die Straße bringen. Es entsteht eine Art Alltagsfeindlichkeit in alle Richtungen.

Können Sie erklären, warum Spätaussiedler aus den ehemaligen Sowjetstaaten besonders mit der AfD sympathisieren?

Da könnte ich mit dem Kopf an die Wand schlagen vor Verzweiflung. Ich sehe zwei Gründe für diese Sympathie. Zum einen kommen diese Menschen aus Ländern, in denen es normal war, Rassistisches von sich zu geben, ohne darüber nachzudenken. Wenn jemand sagte: Juden haben lange Nasen, Zigeuner klauen …, dann wurde das nicht kritisiert. Mein Problem, dass Minderheiten damit diskriminiert werden, würden sie gar nicht verstehen. Da fehlt einfach ein Stück Bildung. Zum anderen finden es viele Spätaussiedler gut, dass die AfD gegen Geflüchtete ist. Etwas Ähnliches erlebt man bei Kindern. Wenn ein Kind ein kleineres ausgrenzt, dann grenzt dieses ein noch kleineres aus. Man tritt nach unten, wenn man nach oben nicht kämpfen kann. Und Syrer stehen noch weiter unten als Spätaussiedler.

Merken Sie einen Unterschied zwischen Ost und West bei Ihren Lesungen?

Bei der Lesung in Dresden wurde mir bewusst, dass das Russische hier einen ganz anderen Klang hat. Und es kamen erstaunlich wenige Fragen. Vielleicht denkt man im Osten: kenn ich schon.

Tatsächlich beschreiben Sie Ihre Ankunft im Westen so, wie sie mancher Ostdeutsche erlebte. Dieses Staunen über Käsescheiben, die einzeln in einer Hülle stecken, die mit einem roten Streifen zu öffnen ist …

Das habe ich mir gedacht, dass das ein Wiedererkennungseffekt ist!

Lena Goreliks Roman „Wer wir sind“ erschien bei Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 22 Euro.

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