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Irgendeiner muss ja den Anfang machen

Tim Bendzko sang einst, dass er die Welt retten wolle. Sein neuer Song wirkt abgeklärter. Doch sein Anliegen bleibt.

Der Sänger Tim Bendzko ist 36 und seit Ende 2020 Vater eines Sohnes.
Der Sänger Tim Bendzko ist 36 und seit Ende 2020 Vater eines Sohnes. © Christian Charisius/dpa

Tim Bendzko, inzwischen 36 und vor nicht allzu langer Zeit von Berlin nach Potsdam rausgezogen, feiert das zehnjährige Jubiläum seines Superhits „Nur noch kurz die Welt retten“ mit der neuen, augenzwinkernd sarkastischen Single „Kein Problem“. Im Interview spricht Bendzko jedoch nicht nur über den neuen Song, sondern auch über sein Leben als Vater, seine Erfahrungen als Corona-Versuchskaninchen und seinen persönlichen Beitrag zum Erhalt unseres Planeten.

Herr Bendzko, einst wollten Sie noch kurz die Welt retten, jetzt singen Sie „Kein Problem, wenn die Welt untergeht, weil ich in meiner eigenen leb’“. Steht das für: Ihr könnt mich alle mal?

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Na ja, der ganze Song ist schon deutlich freundlicher gemeint. Frei nach Herbert Grönemeyer: „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht.“ In vielen Lebenssituationen hilft es tatsächlich, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen und sich nicht mehr Stress zu machen als notwendig. Konkret stellt sich der Protagonist in dem Lied die Frage, ob er sich noch anpasst oder bereits verbiegt.

„Kann jemand mal mein Glas halten, während ich aus dem Fenster spring?“, singen Sie in dem Stück. Ist das bisschen Smalltalk auf Partys wirklich so schlimm für Sie?

Die Zeilen sind natürlich sehr zugespitzt. Ich bin nicht ständig in solchen Situationen, in denen ich einfach nur irgendwo verschwinden möchte. Doch gerade am Anfang meiner Karriere, mit der fehlenden Erfahrung und dem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein, war es schwierig, sich bei gesellschaftlichen Anlässen einigermaßen gut zu präsentieren. Ich habe mich dabei oft nicht wohlgefühlt und immer wieder versucht, mich vor solchen Situationen zu drücken oder wenigstens schnell wieder rauszukommen.

Hat man gar nicht gemerkt. Sie sind ja eigentlich immer recht forsch und fröhlich um die Ecke gekommen.

Fremd- und Selbstwahrnehmung sind eben nicht immer identisch. Ich bin zwar Berliner, aber am Rand der Stadt, in Köpenick, aufgewachsen. Ich war diesen Trubel aus meiner Jugend nicht gewohnt. Im kalten Wasser musste ich lernen zu schwimmen.

Köpenick ist halt nicht das Soho House, der ach so hippe Privatclub in Berlin-Mitte.

Ein sehr guter Vergleich. „Kein Problem“ beschreibt alles, was im Soho House so passieren kann. Sehen und gesehen werden. Vielleicht gibt es ja zum Beispiel ein paar Menschen, die da zum Sportmachen hingehen, weil sie das Fitnessstudio so toll finden. Aber die meisten trainieren dort, weil sie sich irgendeinen Vorteil davon versprechen. Ich habe nichts dagegen, aber das ist einfach überhaupt nicht meine Welt. Ich gehe lieber im Wald spazieren.

Trotz seines etwas sarkastischen Inhalts kommt der Song schön fröhlich und sommerhitmäßig daher.

Ja, das ist auch der Grund, warum wir ihn relativ spontan veröffentlicht haben, ohne dass ein Album schon fertig wäre. Das Lied geht kritisch mit dem Thema Oberflächlichkeit um, aber es schleicht sich so ein bisschen an. Ich mag es sowieso nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern lege ihn lieber humorvoll in die Wunde.

Ist es tatsächlich einer Ihrer Partytricks, so zu tun, als ob Sie Ahnung von Wein hätten?

Nein. Von Wein habe ich wirklich gar keine Ahnung. Aber es gibt andere Bereiche, über die ich was gehört oder gelesen habe und dann denke, ein Experte zu sein.

Welche Bereiche sind das?

Das Naheliegendste ist gerade Corona. Wir alle sind Corona-Experten, wissen über jeden Impfstoff Bescheid, wussten schon vor einem Jahr, wie die Pandemie verlaufen wird, manche kennen sogar die Inzidenz von jedem einzelnen Kreis. Spektakulär finde ich auch, dass ganz neue Begriffe entstanden sind. Ich sage nur „Außengastronomie“. Vor anderthalb Jahren kannte niemand dieses Wort. Da setzte man sich noch rein oder raus, je nachdem, wie das Wetter gerade war. Inzwischen ist das Wort Alltagssprache geworden.

Sie selbst haben Corona wissenschaftlich begleitet mit einem experimentellen Konzert im vergangenen Jahr.

Das stimmt, aber das war tatsächlich kein Konzert, sondern eine wissenschaftliche Studie, in der wir immer wieder für 15 Minuten ein Konzert simuliert haben. Das hat alles unter sehr sterilen Bedingungen stattgefunden. Ich fand es wichtig und spektakulär, Teil von so einer Sache zu sein. Die Ergebnisse dieser Studie waren auch Mut machend, kamen aber genau in der Phase, als die zweite Welle Fahrt aufnahm. Die Politik konnte schlecht sagen: „Alles andere verbieten wir mal, aber Konzerte können stattfinden, da gibt es tolle und sichere Konzepte.“ Gleichzeitig war es einmal mehr total bitter für die Veranstaltungsbranche, die richtig Geld ausgegeben hat für diese Konzepte – und am Ende ging doch nichts.

Sie wollten ursprünglich in diesem Jahr komplett pausieren. Fiel Ihnen die Decke auf den Kopf? Oder wie ist „Kein Problem“ entstanden?

Grundsätzlich ist es ja totaler Luxus, als Selbstständiger sagen zu können, man arbeitet jetzt mal nicht. Ein paar Monate lang habe ich das auch durchgehalten – bis ich die Anfrage bekam, für ein spezielles Projekt einen Song zu schreiben. Das war dann nicht so einfach, ich hatte den Kopf auch voll mit dem Baby und bin trotz einiger Nachtschichten nicht rechtzeitig für das Projekt fertig geworden. Jetzt denke ich „Kein Problem“ klingt wie die Antwort auf „Nur noch kurz die Welt retten“, der vor genau zehn Jahren rausgekommen ist.

Sie sind Ende 2020 Vater geworden. Wie macht sich der Sohn denn so?

Prächtig. Man macht sich vorher unendlich viele Gedanken, wie das Vatersein wohl wird, und dann ist es genauso, wie man es sich vorgestellt hat. Und auch wieder nicht. Denn Gefühle kann man sich ja nicht vorstellen, die muss man erleben. Also kurzum: Ich finde es super, Vater zu sein, auch wenn es anstrengend ist.

Wollten Sie immer Kinder, und ist dafür Mitte 30 das richtige Alter?

Ich hatte keinen Lebensplan, wann ich dieses und jenes erreicht haben wollte. Aber vorstellen konnte ich mir das immer gut. Der Moment fühlte sich richtig an.

Wer sich entscheidet, ein Kind zu bekommen, glaubt ja grundsätzlich an die Zukunft der Menschheit. Geht der Planet nun doch nicht unter?

Seit ich denken kann, habe ich das Gefühl, dass wir fast jedes Jahr irgendeine Krise haben. Medial gesehen sind gute Nachrichten auch einfach nicht so populär wie schlechte. Mir ist klar, dass diese Krisen real sind, an Corona sind jeden Tag Menschen gestorben und sterben noch immer, aber es passieren eben auch gute Sachen, die man aus meiner Sicht nicht oft genug würdigt.

Was zum Beispiel?

Allein schon, wie schnell wir die Pandemie mit Impfstoffen weitgehend in den Griff bekommen. Wenn ich sehe, wie meine Familie vor 20 Jahren gelebt hat, und wie meine Eltern jetzt leben, ohne dass sich ihre berufliche Situation verändert hätte, dann fällt mir auf, wie stark der Lebensstandard gestiegen ist. Wir nehmen einfach nicht richtig wahr, wie vieles sich verbessert hat. Anhand der Nachrichten könnte man den Eindruck haben, die Welt sei nicht zu retten. Aber viele Sachen entwickeln sich wirklich in eine gute Richtung.

Ist es demnach gar nicht mehr nötig, die Welt zu retten?

Doch, natürlich. Nur wird es den einen, alles überragenden Weltretter, der die Dinge für uns regelt, nicht geben. Jeder Einzelne von uns muss diese Arbeit übernehmen und einen Beitrag leisten.

Was ist Ihr Beitrag?

Ich fahre seit vier Jahren rein elektrisch, auch wenn die Technik damals noch nicht ausgereift und ein bisschen unwirtschaftlich war. Ich hatte mich ganz bewusst entschieden, nicht zu warten, bis sich die E-Mobilität irgendwann durchsetzt. Irgendeiner muss ja auch den Anfang machen.

Das Interview führte Steffen Rüth.

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