SZ + Feuilleton
Merken

Ist Facebook schuld an Pegida, Trump und Spaltung?

Die jüngsten Vorwürfe gegen das Netzwerk von Mark Zuckerberg sind populär. Doch sie sind ein Märchen.

 4 Min.
Teilen
Folgen
Profit oder Gemeinwohl? Die gesellschaftliche Rolle von Facebook bleibt umstritten.
Profit oder Gemeinwohl? Die gesellschaftliche Rolle von Facebook bleibt umstritten. © imago images

Von Michael Bittner

Die Weltmedien sind derzeit voll mit sensationellen Meldungen über das soziale Netzwerk Facebook. Doch diese vermeintlichen Enthüllungen wirken wie der Versuch, einen nackten Mann noch einmal auszuziehen. Denn es ist ja nicht so, als wäre der Ruf von Facebook bislang glänzend gewesen. Das Unternehmen und sein Chef Mark Zuckerberg mussten sich schon vielfach rechtfertigen, für den Verkauf und das Verschlampen von privaten Nutzerdaten und für das Verbreiten von Falschnachrichten und Propaganda aller Art.

2018 behauptete die Politreklamefirma Cambridge Analytica, sie habe mit Hilfe von Facebook bei den amerikanischen Wahlen zwei Jahre zuvor Donald Trump zur Macht verholfen. Viele glaubten dieser Eigenwerbung. Seitdem unternimmt Facebook mehr, um die Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr nur vor Bildern von nackten Brüsten, sondern auch vor Hassrede und Lügen zu schützen – was dem sozialen Netzwerk nun aber zusätzlich noch den Vorwurf eingetragen hat, es beschränke eigenmächtig die Redefreiheit.

Die frühere Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen erhebt schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen.
Die frühere Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen erhebt schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen. © Matt Dunham/AP/dpa

Für die neuesten Diskussionen verantwortlich ist Frances Haugen, eine ehemalige Angestellte von Facebook, die schwere Vorwürfe gegen ihren früheren Chef Zuckerberg erhebt und diese mit internen Dokumenten belegen will. Facebook sei wesentlich verantwortlich für die politische Polarisierung und Radikalisierung auf der Welt. Denn das soziale Netzwerk ermögliche es Menschen, sich in Blasen vom Rest der Gesellschaft zu isolieren, einander dort ungestört Verschwörungsgeschichten zu erzählen und wechselseitig bis zur Gewaltbereitschaft anzufeuern.

Ist da nicht etwas dran? Spielten nicht zum Beispiel Facebook-Gruppen eine große Rolle bei der Organisation der Dresdner Pegida-Demonstrationen und von anderen, gewalttätigen Protesten in ganz Deutschland? Tatsächlich ermöglichen es Facebook und andere virtuelle Netzwerke manchen Leuten, die sich lange für alleinstehende Außenseiter hielten, einander zu finden und in Gruppenstärke aufzumarschieren. Das gilt allerdings unabhängig von der politischen Gesinnung. Transgender-Aktivistinnen können sich ebenso vernetzen wie Ausländerfeinde oder Kannibalen.

Vergessen wir auch nicht: Ein großer Teil gerade der älteren Anhänger von Pegida bekannte damals, soziale Medien überhaupt nicht zu nutzen. Massenhaften Zulauf erhielt die Bewegung erst, als die etablierten Massenmedien sie ins Licht rückten. Ebenso verdankt Donald Trump seine Bekanntheit nicht zuerst dem Internet, sondern eben den sensationslüsternen Mainstream-Medien, mit denen er sich heute im Krieg befindet.

Deutsche Harmoniesucht

Es ist ein Märchen, das besonders in wohlsituierten, liberalen Kreisen gerne erzählt wird: Für die noch nie dagewesene Spaltung der Gesellschaft seien die sozialen Medien verantwortlich. An dieser Erzählung ist gleich zweierlei falsch: Wir sind gar nicht sonderlich gespalten, nicht mehr jedenfalls als in den Neunzigern, im Jahr 1968 oder im Kalten Krieg – von noch früheren Epochen ganz zu schweigen.

Man könnte sogar behaupten, dass gerade die deutsche Gesellschaft eher unter einer krankhaften Harmoniesucht leidet und die politischen Parteien so nahe beieinander und zum Verwechseln ähnlich sind wie nie zuvor. Für die Aggressionen, die es dennoch gibt, sind auch nicht zuerst die sozialen Medien verantwortlich. Seit Jahrzehnten wachsen die Unterschiede zwischen Arm und Reich, die materielle Unsicherheit und der berufliche Stress.

Da nutzt es auch nichts, wenn der Wohlstand im Ganzen nicht abnimmt: Wut, Angst und Frust machen sich dennoch breit, bei den Besitzenden wie den Besitzlosen, und der Zorn sucht sich Ziele in Andersaussehenden und Andersdenkenden. Facebook zeigt uns den Hass nur besonders hässlich – verständlicherweise, denn Erregung und Streit klicken nun einmal mehr Gewinn zusammen als Kätzchenfotos.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg beteuert immer wieder, ihm gehe es vor allem um das Gemeinwohl.
Facebook-Chef Mark Zuckerberg beteuert immer wieder, ihm gehe es vor allem um das Gemeinwohl. © Mark Lennihan/AP/dpa

Facebook, so die Kritikerin Frances Haugen, stelle die Profitabilität über die globale Verantwortung, arbeite für die Interessen der Aktionäre, nicht für das Gemeinwohl. Ein Konzern, dem der Profit wichtiger als alles andere ist! So etwas hat die Welt ja noch nie gesehen! Vor Facebook fürchten muss sich dennoch niemand mehr. Von den jungen Nutzerinnen und Nutzern längst verlassen, von Trollen übervölkert und von Pannen geplagt, wird sich dieses Netzwerk bald in die Gruft neben den Vorgänger MySpace betten. Aber natürlich werden danach neue soziale Medien mit ähnlichen Problemen an die Stelle treten.

Es gibt einen Internetdienst, in dem Hass und Lügen kaum eine Rolle spielen: Wikipedia. Das Internetlexikon ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das von Spenden und ehrenamtlicher Mitarbeit lebt. Dennoch leistet es sich eine vergleichsweise strenge Qualitätskontrolle. Wenn wir also wollen, dass in einer Institution, die für das Zusammenleben wichtig ist, nicht die Gier alles regiert, dann müssen wir diese Institution der Kontrolle des Kapitals entziehen. Warum sollte es nicht ein wahrhaft soziales, also vergesellschaftetes Netzwerk geben können? Wenn wir dazu nicht bereit sind, sollten wir damit aufhören, vergeblich zu jammern.