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Der Landschaftsmaler des Königs

Der Romantiker Johann Theodor Goldstein starb vor 150 Jahren. Sein Schaffen geriet lange Zeit in Vergessenheit - bis jetzt.

Diese „Ansicht von Palermo“ malte Johann Theodor Goldstein 1833. Im Hintergrund der Monte Pellegrino, das, wie Goethe meinte, „schönste aller Vorgebirge der Welt“. Die Ölstudie befindet sich im Dresdner Kupferstich-Kabinett.
Diese „Ansicht von Palermo“ malte Johann Theodor Goldstein 1833. Im Hintergrund der Monte Pellegrino, das, wie Goethe meinte, „schönste aller Vorgebirge der Welt“. Die Ölstudie befindet sich im Dresdner Kupferstich-Kabinett. © Kupferstich-Kabinett Dresden

Von Andreas Dehmer und Götz Bergmann

Caspar David Friedrich, der um 1800 die Landschaftsmalerei revolutionierte, schrieb: „Ein Bild muss nicht erfunden, sondern empfunden sein.“ Seinem Ruf waren unzählige junge Künstler nach Dresden gefolgt und machten diese Stadt vor 200 Jahren zu einem europäischen Zentrum der Romantik. Viele von ihnen sind heute, oft zu Unrecht, vergessen. Zu ihnen gehört auch Johann Theodor Goldstein.

Seine Kindheit und Jugend liegen noch weitestgehend im Verborgenen. Goldstein wurde am 12. März 1798 in Warschau geboren und ging 1816 nach Berlin, um Malerei zu studieren. Unter dem Einfluss Karl Friedrich Schinkels galt sein erstes Interesse der historischen Baukunst. Mit einer eigenständigen Version des Gemäldes „Gotischer Dom am Wasser“ erweckte der junge Maler 1822 erstmals Aufmerksamkeit.

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Tief beeindruckt von einem Besuch im Meißner Dom malte er diesen im selben Jahr in mehreren Ansichten und „ergänzte“, ganz im Sinne seines Lehrers, spielerisch die seit 1547 zerstörten Westtürme. Die Vollendungsidee gotischer Kathedralen als Symbol „wahrer deutscher Baukunst“ nach den Jahren Napoleonischer Fremdherrschaft übertrug Goldstein somit erstmals auch auf Meißen. Mehr als 80 Jahre später wurde sie, wenn auch in veränderter Form, tatsächlich Realität.

1822 malte Goldstein den „Dom zu Meißen mit Porzellanmanufaktur“. Das Gemälde gehört heute dem Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte.
1822 malte Goldstein den „Dom zu Meißen mit Porzellanmanufaktur“. Das Gemälde gehört heute dem Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. © SKD

Goldstein zog es 1821 nach Dresden, um seine Studien bei Johan Christian Dahl zu vervollkommnen. Der aus Norwegen stammende Landschaftsmaler lebte und lehrte im selben Haus „An der Elbe“ (heute Terrassenufer) wie sein Freund Caspar David Friedrich, wo der junge Goldstein nun ein- und ausging. Seine Bilder wurden seit dieser Zeit regelmäßig in den Ausstellungen der Kunstakademien in Dresden und Berlin gezeigt und zeugen von einer genauen Beobachtungsgabe und enormer Schaffenskraft. Bis heute zählt Goldstein neben Max Hauschild zu den bedeutendsten Dresdner Architekturmalern seiner Zeit.

Gefördert durch den sächsischen Prinzen und späteren König Friedrich August sowie den Dresdner Gelehrten und Kunstmäzen Johann Gottlob von Quandt, unternahm Goldstein seit den 1820er-Jahren wiederholt Reisen durch Italien. Sie führten ihn bis nach Sizilien.

Im Sommer 1833 traf ihn der Dresdner Maler Carl Robert Kummer in Palermo an, als er „für den König von Sachsen Skizzen zu Bildern suchte“. Dieser nannte mehrere Italienansichten sein Eigen, nachdem er selbst in jungen Jahren das „Land, wo die Zitronen blüh’n“ – nicht nur in der Tradition der Grand Tour, sondern auch nach der Lektüre von Goethes „Italienischer Reise“ – erkundet und ebenso bei Künstlern und Künstlerinnen vor Ort Landschaftsgemälde bestellt hatte, wie zum Beispiel bei Evelina Stading 1827 in Rom. Sein Faible für solche Bilder teilte Friedrich August mit vielen Adeligen seiner Zeit, vor allem aber mit dem bayerischen Regenten Ludwig I.

Todestag war lange unbekannt

Im Juli 1833 schuf Goldstein eine solche „Skizze“: einen weiten Blick auf die Bucht von Palermo, der motivisch bemerkenswert vergleichbar ist mit einer Vedute von Carl Rottmann, die jener 1828 für den bayerischen König ausgeführt hatte und der zudem eine Beschreibung Goethes zu verbildlichen scheint. In seiner atmosphärisch stimmungsvollen Farbgebung jedoch ist Goldsteins Abendstück ein unvergleichlich schönes Beispiel seiner Landschaftsmalerei – „voll Wärme und milden Sonnenlichtes“. So beschreibt es Nagler’s Künstler-Lexicon im Jahr 1837.

Lange war Johann Theodor Goldsteins Todestag unbekannt. Erst kürzlich gelang es, ihn zu konkretisieren. Nie verheiratet, verstarb der Maler, einst als „Landschaftsmaler des Königs von Sachsen“ gepriesen, vereinsamt und altersmüde am 8. April 1871 in Dresden.

Ein weiteres Italienbild von Goldstein, ein Blick auf die Insel Capri aus dem Bestand des Dresdner Albertinums, wird in der Ausstellung „Träume von Freiheit. Romantik in Russland und Deutschland“ gezeigt, die am 22. April in der Moskauer Tretjakow-Galerie und danach im Albertinum zu sehen ist.

Der Kunsthistoriker Andreas Dehmer arbeitet am Dresdner Albertinum und kuratierte dort u. a. 2017 die Ausstellung „Unter italischen Himmeln“.

Götz Bergmann ist Musiker und Domführer in Meißen. Er forscht zum Meißner Dom zur Zeit der Romantik.

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