merken
PLUS Feuilleton

Josef K. wird der Prozess gemacht

Oper nach Kafka – das ist anspruchsvolle Unterhaltung für alle, denen Mitdenken Vergnügen bereitet.

Pascal Herington brilliert sängerisch und spielerisch als Josef K..
Pascal Herington brilliert sängerisch und spielerisch als Josef K.. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Jens Daniel Schubert

Das kann doch nicht wahr sein! Da wird einem Mann plötzlich aus heiterem Himmel der Prozess gemacht. Die Vorwürfe, die Methoden, die Hintergründe sind nur vage, völlig verdreht, aber eine reale Bedrohung. Franz Kafkas Geschichte „Der Process“ hat seit ihrer Veröffentlichung 1925 schon manche Interpretation erfahren. Gottfried von Einem schuf Anfang der 1950er-Jahre eine Oper, diese hatte am Sonnabend an den Landesbühnen ihre gefeierte Premiere.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Kafka hatte seinen Roman in wesentlichen Zügen vor dem ersten Weltkrieg geschrieben, aber nie vollendet. Die Bedrohung des Erzählers durch eine anonyme Macht, die in sein Leben eindringt, es mehr und mehr beherrscht und unbarmherzig konsequent auf seine Vernichtung hinausläuft, wurde und wird vielfach politisch interpretiert. Sebastian Ritschel, scheidender Operndirektor an den Landesbühnen Sachsen, hat mit seiner letzten Produktion hier einen etwas anderen Weg beschritten, auch wenn die gesellschaftliche Dimension der Geschichte präsent bleibt.

Die Bühne wird zum Hamsterrad

Ritschel, der sein eigener Ausstatter ist, setzt seinen Protagonisten Josef K. im weißen Anzug auf einen weißen Sessel. Die beiden Wände im Hintergrund haben ein abstraktes Muster, ein wenig an Mauersteine erinnernd. Und alle Männer, die ihm im Folgenden entgegentreten, haben dieses Muster in ihren Kostümen. Sie treten quasi aus den Wänden. Die Frauen tragen signalrote, aufreizende Outfits: die personifizierte Verführung.

Die Bühne dreht sich. Drei Räume, alle identisch aufgebaut, aber mit unterschiedlich gestalteten Rückwänden, werden zum Spielort. Die Bank, wo Herr K. arbeitet. Sein Zuhause. Die Straße. Josef K. kann aus diesem sich drehenden Hamsterrad nicht ausbrechen. Er begegnet Bekannten und Unbekannten. Er versucht, mit ihnen und an ihnen das Geheimnis des Prozesses, in dem er sich befindet, zu ergründen. Er erfährt Zuneigung und Ablehnung. Aber die Menschen sind nicht greifbar. Die Distanz ist nicht zu überwinden. Das Unerklärliche wird immer absurder, die Gefahr immer größer.

Doch während Roman und Oper in einem Steinbruch enden, zwei Unbekannte ihn „abstechen wie einen Hund“, landet Josef K. an den Landesbühnen wieder in seinem Sessel vom Anfang. Alles könnte von vorne beginnen. Es sind die schlechten Gedanken, es sind die Vorstellungen von eigenem Versagen, unbewältigte Lebenssituationen, unlautere Träume, verpasste Chancen. Sie quälen ihn, klagen ihn an. Sie sind nicht fassbar, aber unausweichlich da. Ob dieser Schluss tröstlicher ist als das fatal-brutale Ende bei Kafka, mag der Zuschauer selbst entscheiden.

Gottfried von Einems Musik ist der laufende Motor der Aufführung. Er treibt die Geschichte an, er gibt den oftmals im Sprechgesang vorgetragenen Texten Struktur. Die Klänge sind modern, aber selten schrill abstoßend. Die Melodien tragen Emotionen mehr, als dass sie sie auslösen. Die Elbland Philharmonie und dreizehn Solisten singen und musizieren unter der umsichtigen Leitung von Hans-Peter Preu. Coronabedingt erklingt erstmalig eine autorisierte Orchesterreduktion von Tobias Leppert, die das ursprünglich sehr groß instrumentierte Werk auch für andere kleine Häuser spielbar macht.

Starkes Ensemble, starker Solist

Während die meisten Sänger mehrere Figuren darstellen, punktuell, oft in sich wiederholenden, surrealen Bewegungsabläufen auftreten, gibt Ritschel den Frauen eine besondere Aura. Hier sind Verführung, Konventionen und Grenzüberschreitungen deutlich, innere Konflikte direkt nachvollziehbar. Es ist eine geschlossene Ensembleleistung mit herausragenden Einzelleistungen. Sie wird durch den Darsteller des Josef K. gekrönt. Pascal Herington ist immerzu auf der Bühne, die spielerische Vielfalt überzeugend und die sängerische Leistung zwischen lyrisch und heldisch, zwischen Charakterfach und Spieltenor faszinierend ausgewogen. Konzeptionsbedingt ist er ständig in Bewegung, ohne voranzukommen oder sich zu entwickeln.

Gottfried von Einems Oper ist keine leichte Kost. Die neue Inszenierung ist anspruchsvolle Unterhaltung für alle, denen Mitdenken Vergnügen ist. Musiktheater auf hohem Niveau. Großer Applaus!

Wieder: 17., 22., 24. und 31. 10. sowie 13.11.; Kartentel. 0351 8954214

Mehr zum Thema Feuilleton