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Können wir das unseren Bürgern zumuten?

Vor 75 Jahren wird die Defa gegründet. Trotz oft geringer Budgets und strenger Polit-Vorgaben entstehen in Babelsberg viele herausragende Filme.

Das ist doch ...? Richtig: Gojko Mitic als Kosmonaut in „Signale“ von 1970, einem der wenigen Science-Fiction-Filme der DDR.
Das ist doch ...? Richtig: Gojko Mitic als Kosmonaut in „Signale“ von 1970, einem der wenigen Science-Fiction-Filme der DDR. © rbb/ARD

Im Oktober 1946 wird „Die Mörder sind unter uns“ im sowjetischen Sektor uraufgeführt. Der erste deutsche Nachkriegsfilm steht ganz im Zeichen von Vergangenheitsaufarbeitung, Entnazifizierung, politischer Umerziehung und Hauptdarstellerin Hildegard Knef. Zu den „Fans“ des Werkes von Regisseur Wolfgang Staudte zählt auch dessen Regiekollege Kurt Maetzig. Der hat schon die Entstehung von „Die Mörder sind unter uns“ gebannt verfolgt, denn Maetzigs neues Projekt war ähnlich aufklärerisch angelegt. Ein Jahr später kam „Ehe im Schatten“ in die Kinos – ebenfalls ein Meisterwerk. Doch im Vor- und Nachspann flimmerte nicht mehr der alte Ufa-Schriftzug über die Leinwand. Sondern: „Defa“. Das stand für „Deutsche Film AG“, eine deutsch-sowjetische Aktiengesellschaft, die neue Herrin der Babelsberger Filmstudios, gegründet am 17. Mai vor 75 Jahren.

Von Anfang an versteht sich die Defa als politischer Gegenentwurf zur Ufa. Dabei bleibt es, auch nach Entstehung der DDR 1949. Nun wehen die Filme im Wind einer entgegengesetzten Ideologie, wachsam beäugt von den Machthabern, oft zensiert, gelegentlich verboten, später ständig beobachtet von der Staatssicherheit. Schonungslos werden die Schrecken von Krieg und KZ bebildert, ganz im Geist des Antifaschismus und der neuen Brüderlichkeit mit der Sowjetunion. Auch Großproduktionen entstehen, wie Kurt Maetzigs „Thälmann“-Epen, dem dieser „Stalinismus-Kram“ später allerdings selber „eher unangenehm“ sein wird.

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In Konrad Wolfs autobiografischem Kriegsfilm "Ich war 19" spielt Jaecki Schwarz einen jungen Deutschen, der in den Reihen der Roten Armee gegen seine ehemaligen Kameraden kämpft.
In Konrad Wolfs autobiografischem Kriegsfilm "Ich war 19" spielt Jaecki Schwarz einen jungen Deutschen, der in den Reihen der Roten Armee gegen seine ehemaligen Kameraden kämpft. © Foto: Defa-Stiftung

Im Osten Ideologie - im Westen Verdrängung

Zu den berühmtesten Defa-Filmen zählen bis heute „Nackt unter Wölfen“ von Frank Beyer (1963) und Konrad Wolfs „Ich war Neunzehn“ (1967). Es sind zugleich äußerst kunstvolle wie ideologische Antikriegs-Werke: Beyer stellt kommunistische Buchenwald-Häftlinge, die einen kleinen Jungen retten, in den Vordergrund, verschweigt die jüdischen Insassen nahezu komplett und erhebt so die Kommunisten zur maßgeblichen Opfer- und Gegnergruppe der Nationalsozialisten. Wolf wiederum verarbeitet auch eigene Erlebnisse zur Geschichte eines vor den Nazis nach Moskau in eine „neue Heimat“ geflohenen Jungen. Der kämpft in den Reihen einer ausschließlich heldenhaften Roten Armee, also aufseiten der nur Guten, und gewinnt den Zweiten Weltkrieg mit ihnen.

Währenddessen entstehen in der Bundesrepublik überwiegend vergangenheitsverdrängendes Heimatkino und Entschuldungs-Kriegsfilme aus Sicht der „von oben“ missbrauchten einfachen Soldaten. Eine Auseinandersetzung mit eigener Verantwortung findet kaum statt. In Babelsberg hingegen dreht man neben systemkonformen Werken etwa über die Bodenreform auch im Geiste eines anspruchsvollen Realismus, und bringt immer wieder ästhetische Großtaten auf die Leinwand. Doch die künstlerische Freiheit bleibt stets abhängig vom wankenden Wohl und Wehe der SED-Kulturpolitik. Mal ist eine Dosis Kritik und das Aufgreifen von Missständen innerhalb der Gesellschaft durch das Kino ausdrücklich erwünscht. Mal werden selbst dezent problematisierende Filme kurzerhand für unerwünscht erklärt.

In "Karla" spielte Jutta Hoffmann 1965 eine junge Lehrerin, die sich unbeirrbar für die Meinungsfreiheit einsetzt. Der Film wurde verboten, wie ein Dutzend andere des Jahrgangs 1965, darunter "Spur der Steine".
In "Karla" spielte Jutta Hoffmann 1965 eine junge Lehrerin, die sich unbeirrbar für die Meinungsfreiheit einsetzt. Der Film wurde verboten, wie ein Dutzend andere des Jahrgangs 1965, darunter "Spur der Steine". © Defa-Stiftung/dpa

Ein ganzer Filmjahrgang wird verboten

Ausgerechnet auf dem qualitativen Höhepunkt der DDR-Kinokunst bricht eine wahre Verbotswelle über die Filmschaffenden herein: 1965 erklärt das 11. Plenum des SED-Zentralkomitees kritische Gegenwartsthemen gänzlich zum Tabu. Es trifft fast eine komplette Babelsberg-Jahresproduktion. Darunter so großartige Filme wie „Spur der Steine“, „Das Kaninchen bin ich“, „Denk bloß nicht, ich heule“ und „Wenn Du groß bist, lieber Adam“.

Das hat fatale Folgen auf lange Sicht: Auch wenn sich der Maulkorb bald wieder ein wenig lockert, ziehen die Verantwortlichen in Babelsberg eingeschüchtert die Schultern ein, greifen lieber vorsorglich zur „Schere im Kopf“ – und die Defa wird braver. Trotzdem entsteht während vorübergehender politischer Tauwetterperioden immer wieder glänzendes Kino, das die eine oder andere Fingerspitze auf gesellschaftliche Wunden legt. Besonders trefflich vermag das Heiner Carow 1973 mit seiner Liebesgeschichte um das unkonventionelle Paar „Paul und Paula“. Nicht minder erfolgreich ist sieben Jahre später die Story einer jungen Sängerin. „Solo Sunny“ wird einer von etlichen Belegen dafür, dass in Babelsberg einige der besten deutschen Kinokünstler am Werk sind. Wie eben „Sunny“ Renate Krößner, Regisseur Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase, bis heute einer der besten Drehbuchautoren Gesamtdeutschlands.

Ein letztes - sehr kritisches - Werk: Die Arbeit an Peter Kahanes „Die Architekten" (mit Kurt Naumann und Rita Feldmeier) begann in der DDR und wurde beendet in der BRD.
Ein letztes - sehr kritisches - Werk: Die Arbeit an Peter Kahanes „Die Architekten" (mit Kurt Naumann und Rita Feldmeier) begann in der DDR und wurde beendet in der BRD. © Defa-Stiftung / dpa

Fast vergessene Science-Fiction-Filme

Das Gros der Produktionen zwischen den Sechzigern und Achtzigern aber machen Komödien aus, konforme Geschichtswerke, Abenteuer, wie die Defa-Indianerfilme mit Gojko Mitic, sowie amüsantes musikalisches Unterhaltungskino. Etwa „Heißer Sommer“, in dem 1968 das Traumpaar Chris Doerk und Frank Schöbel zu den herrlichen Klängen von Gerd und Thomas Natschinski von Chemnitz aus nach Rügen reist, um dort zu singen, zu tanzen und sich zu verlieben. Nicht zu vergessen die unzähligen Kinder- und Märchenfilme, deren Charme Millionen Zuschauer in beiden Deutschlands bis heute bezaubert. Leider fast vergessen sind die wenigen Science-Fiction-Filme der Defa, von „Der schweigende Stern“ (1960) bis „Im Staub der Sterne“ (1976). Mit teils erstaunlicher Tricktechnik geht es darin nie um Krieg der Welten. Vielmehr ist ein häufiges Handlungsmotiv die Kontaktaufnahme mit dem Fremden, Kommunikation statt Konfrontation. Eine Utopie, die nicht nur sozialistisch ist.

Die Kritik an den bestehenden DDR-Verhältnissen verbleibt im Film weitestgehend bei Andeutungen zwischen den Dialogzeilen. Nie wird sie so deutlich ausgesprochen wie im Drama „Die Architekten“ von Peter Kahane. Entsprechend lang sind dessen Vorgeschichte und die Vorbehalte der Kulturoberen. Mit erheblicher Verzögerung darf der Dreh im Oktober 1989 starten. So beginnt wie bei einem Dutzend anderer Filme auch die Arbeit an „Die Architekten“ in der DDR – und endet in der BRD.

Als die Defa 1992 an einen französischen Mischkonzern verkauft wird, verschwindet die Abkürzung aus dem Firmennamen. Was von ihr bleibt, heißt seither Studio Babelsberg. Obwohl – nicht ganz: Im Titel der Stiftung, die seit 1998 ihr Erbe verwaltet, lebt die „Defa“ weiter.

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