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Feuilleton

Kommunistische Helden oder „Vaterlandsverräter“?

Sie waren über 150 Frauen und Männer und kämpften gegen Hitler. Viele verloren ihr Leben. Der Film „Die Rote Kapelle“ erzählt ihre Geschichten.

Der sowjetische Geheimagent mit dem Decknamen „Kent“ (Georges Claisse) flieht vor der Gestapo und bringt seine Frau (Rada Rassimov) in Sicherheit. Szene aus der deutsch-französischen TV-Serie „Die Rote Kapelle“ von 1972.
Der sowjetische Geheimagent mit dem Decknamen „Kent“ (Georges Claisse) flieht vor der Gestapo und bringt seine Frau (Rada Rassimov) in Sicherheit. Szene aus der deutsch-französischen TV-Serie „Die Rote Kapelle“ von 1972. © Farbfilmverleih

Stalin war außer sich. Was sollte der Unfug? Was schrieben ihm die Agenten aus dem Westen denn da für ein wirres Zeugs, von wegen am 22. Juni 1941 wolle Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion überfallen? Trotz Nichtangriffspakt? Keine Sekunde habe der Diktator daran geglaubt, so die Überlieferung. Stalins mündliche Reaktion habe gelautet: „Das ist kein Informationsdienst, das ist ein Desinformationsdienst.“ Dass die Information aus den Reihen der NS-Widerstandsorganisation Rote Kapelle sehr wohl korrekt war, sollte der Herrscher der UdSSR fast unmittelbar darauf schmerzhaft zu spüren bekommen – und mit ihm Millionen seiner Untertanen.

Trotzdem blieb Stalin notorisch misstrauisch, auch der Roten Kapelle gegenüber. Als seine Zuträger ihn 1942 darüber informierten, dass die Wehrmacht ihre Hauptkräfte von Moskau ab- und den Erdölfeldern im Süden zuwenden werde, ignorierte er das ebenso und beließ das Gros der Roten Armee in den Verteidigungsstellen vor der Hauptstadt. Doch wieder kam es, wie ihm gemeldet worden war.

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Der sowjetische Diktator Stalin schenkte den Warnungen seiner Agenten keinen Glauben.
Der sowjetische Diktator Stalin schenkte den Warnungen seiner Agenten keinen Glauben. ©  AP/dpa

Kommunisten als Helden in Westdeutschland ungeeignet

Noch mehr als die Weiße Rose und die Männer und Frauen um Stauffenberg wurde die Rote Kapelle nach dem Krieg von der Geschichtsschreibung der Bundesrepublik lange nur mit spitzen Federn angefasst. Zwar setzte sich dieser eher lockere Verbund mehrerer Berliner Oppositioneller auch aus Bürgerlichen zusammen, sogar aus Anhängern der Kirchen. Aber ihre bekanntesten Mitglieder waren deutsche und sowjetische Kommunisten. Menschen wie Leopold Trepper, Hans Coppi, Anatoli Gurewitsch und Zofia Poznańska.

In der Adenauerrepublik des Kalten Krieges waren das keine präsentablen Vorbilder, sondern für viele „Vaterlandsverräter“. In der DDR hingegen wurde die Rote Kapelle hoch verehrt – aus den gleichen Gründen, nur mit umgekehrter ideologischer Gewichtung. Erst seit den Neunzigern erschienen Studien über diese NS-Gegner, die sich differenzierter mit ihrer Geschichte auseinandersetzten. Ein Ergebnis ist Carl-Ludwig-Rettingers Dokumentarfilm „Die Rote Kapelle“ und seit diesem Donnerstag im Kino.

Harro und Libertas Schulze-Boysen bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben.
Harro und Libertas Schulze-Boysen bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben. ©  AP/dpa

Spielfilm Ost gegen TV-Serie West

Der Regisseur und sein Team gehen das Thema auf eher konventionelle Weise an und doch ein wenig ungewöhnlich. Statt aufwendiger (und teurer) nachgestellter Szenen nutzen sie zur Illustration des historischen Geschehens neben Originalaufnahmen und Zeitzeugenaussagen Ausschnitte aus dem Defa-Film „KLK RUFT PTX – Die Rote Kapelle“ von 1971 und der siebenteiligen westdeutsch-französischen Fernsehserie „Die Rote Kapelle“ (1972). Auch um zu vergleichen, wie die realen Ereignisse in Ost und West jeweils fiktionalisiert und damit popularisiert wurden.

Die Ausgeruhtheit der Herangehensweise von „Die Rote Kapelle“ macht deren Geschichte mühelos nachvollziehbar. Bezeichnenderweise lassen sich deren Anfänge unter anderem auf die beiden Ehepaare Arvid und Mildred Harnack sowie Harro und Libertas Schulze-Boysen zurückführen, um die sich Mitte der 1930er-Jahre zunächst ein loser Kreis aus mehreren Diskussionsgruppen bildet. Harnack und Schulze-Boysen sind keine Sozialisten oder Kommunisten (und werden auch nicht durch solche agitiert, wie der Defa-Spielfilm seinen Zuschauern weismacht).

Im Defa-Film „KLK RUFT PTX" spielt Horst Drinda 1971 den Agenten Arvid Harnack.
Im Defa-Film „KLK RUFT PTX" spielt Horst Drinda 1971 den Agenten Arvid Harnack. © Farbfilmverleih

Spionage im NS-Luftfahrtministerium

Vielmehr sind sie als Luftwaffenoffizier und als Regierungsrat in den jeweiligen Reichsministerien untere Mitglieder der NS-Administration und privat eher konservativ bis liberal gesinnt. Erst nach Kriegsbeginn vernetzen sich die verschiedenen Kreise miteinander. Sie verteilen Flugblätter und Klebezettel, auf denen sie Kriegsverbrechen dokumentieren und das NS-Regime schmähen. Zudem organisieren sie Hilfe für verfolgte Juden, besorgen Lebensmittelkarten und gefälschte Papiere und versuchen, Funkkontakt mit Moskau herzustellen, was jedoch nicht gelingt.

Der Informationsfluss Richtung Kreml läuft währenddessen über Brüssel. Dort baut der deutsche Kommunist Leopold Trepper zusammen mit dem sowjetischen Agenten Anatoli Gurewitsch und weiteren Genossen ein Spionage-Netzwerk auf. Sie funken Informationen nach Moskau, die vom deutschen Geheimdienst abgehört werden. In dessen Jargon ist ein funkender Spion ein „Pianist“. Mehrere Pianisten ergeben eine „Kapelle“, und eine kommunistische Kapelle ist eben eine „Rote Kapelle“.

Der kommunistische Widerstandskämpfer Leopold Trepper konnte sich durch einen geschickten Deal mit der Gestapo retten, überlebte den Krieg und ging nach Israel.
Der kommunistische Widerstandskämpfer Leopold Trepper konnte sich durch einen geschickten Deal mit der Gestapo retten, überlebte den Krieg und ging nach Israel. © Israel National Museum

Hingerichtet, ermordet, in den Selbstmord getrieben.

Auch die Namen Harnack und Schulze-Boysen fallen in den abgehörten Nachrichten. Also werden deren Berliner Kreise ebenfalls zur Roten Kapelle gezählt. „Sie waren ja keine geschulten konspirativen Kräfte“, erinnert sich der Historiker Hans Coppi junior an die Gruppe seines Vaters. „Sie konnten ihre privaten Leidenschaften nicht von ihren Spionageaufträgen trennen“, sagt Rebecca Donner, Enkelin eines Mitglieds der Roten Kapelle. 1942 kommt die Gestapo der Brüsseler Gruppe auf die Spur. Nach langem Katz- und Maus-Spiel werden die Männer und Frauen ausgehoben und unter der Folter weitere Namen von ihnen erpresst. Damit ist auch das Schicksal der Berliner Kreise besiegelt.

Bis März 1943 werden ungefähr 130 von insgesamt mehr als 150 Mitgliedern verhaftet und 102 von ihnen zum Tode verurteilt – darunter viele Frauen –, hingerichtet, ohne Urteil ermordet oder in den Selbstmord getrieben. „Die Rote Kapelle“ schöpft ihre Spannung aus der Chronologie der historischen Ereignisse und den Szenen der deutsch-französischen Serie, die mit den Mitteln des Thrillers und des Actionfilms arbeitete.

Gestapo-Filmberater drüben, Stasi-Oberaufsicht hüben

Dass die Folter darin unter den Tisch fiel, lag nicht zuletzt an den Fachleuten, die die Geschichtsschreibung West zu ihrer Zeit bemühte, darunter Ex-Gestapo-Offiziere. Auch im heroisierenden, aber den Fokus über die kommunistischen Mitglieder hinaus weitenden Defa-Streifen kommt das Thema nicht vor. Obwohl „KLK RUFT PTX“ unter Kuratel der Stasi stand, die die historischen Quellen zur Verfügung stellte.

Die reizvolle Idee der Gegenüberstellungsmöglichkeit beider Filme greift jedoch nicht; dazu sind die Szenen zu kurz, zu unterschiedlich, zu wenig vergleichbar. Das Gediegene von „Die Rote Kapelle“ tritt erst in den Hintergrund, wenn es um die waghalsige Doppelagentenschaft des Kommunisten Trepper geht, der mit der Gestapo einen Deal aushandelt, dem er sein Leben verdankt. Und noch mehr, wenn Regisseur Rettinger zum Ende die Schicksale der Todesopfer in den Fokus nimmt.

"Die Rote Kapelle" läuft im Dresdner Zentralkino und wird im kommenden Jahr auf Arte sowie im RBB ausgestrahlt.

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