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Kunst-Anfassen erlaubt. Kunst-Aufessen auch.

Eine famose Sammlung tourt durch Sachsen. Auf jeder Station ergänzen Künstler sie mit eigenen Arbeiten. Manche davon soll man sogar verspeisen.

In Kirschau haben die Ausstellungsbesucher die Qual der Wahl: Soll man ein goldenes Bonbon von Felix Gonzales Torres vom Boden oder doch lieber ein Kunstwerk von Kathrin Christophs „pick-up-wall“ mit nach Hause nehmen?
In Kirschau haben die Ausstellungsbesucher die Qual der Wahl: Soll man ein goldenes Bonbon von Felix Gonzales Torres vom Boden oder doch lieber ein Kunstwerk von Kathrin Christophs „pick-up-wall“ mit nach Hause nehmen? © Thomas Kretschel

Im Museum muss immer schön Abstand gehalten werden. Kommt man in einer Gemäldegalerie einem Bild zu nahe, ertönt ein hässlicher Ton. Streckt man seine Finger nach einer frei stehenden Skulptur aus, werden die Aufsichten aktiv.

Der Künstler Felix Torres Gonzales hat etwas gegen diese Barrieren, an die sich die meisten Museums- und Ausstellungsbesucher diszipliniert halten. Er liebt die Veränderung und wünscht sich, dass die Menschen, die seiner Kunst begegnen, etwas damit machen und nicht nur ehrfürchtig staunen. 544 Kilo Bonbons hat er in Kirschau auf dem Boden auslegen lassen. Darf man sich sofort eins in den Mund stecken oder sich eine Handvoll mit nach Hause nehmen? Man darf. Kathrin Christoph ermuntert die Besucher dazu. Und sie freut sich, wenn jemand die rote Leiter schnappt, um sich ein Kunstwerk von der „Pick-up-wall“ zu nehmen. Eine Preisliste gibt es nicht. Jeder und jede entscheidet selbst, was es ihm wert ist.

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Eine halbe Tonne Bonbons lutschen

„Erinnerung schmeckt süß“ heißt die Ausstellung, die der Friese e. V. in der früheren Putzlappenfabrik mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) eingerichtet hat. Es ist eine von vier in Sachsen verteilten Ausstellungen in der Reihe „Ortsgespräche“. Künstler der Region setzen sich mit einem der 1.200 Werke aus der Sammlung von Erika Hoffmann auseinander, die 2018 als Schenkung aus Berlin nach Dresden kamen. Hoffmann hat ihr privates Kunstmuseum schon fürs Publikum geöffnet, als ihr Mann Rolf noch lebte. Auch jetzt kann man in Berlin in den Sophie-Gips-Höfen, einer früheren Nähmaschinenfabrik, jene Kunstwerke besichtigen, die noch in Berlin sind; samstags im Rahmen von angemeldeten Führungen.

Als Erika Hoffmann den SKD ihre Schätze vermachte, knüpfte sie daran nicht die Bedingung, alles müsse immer in Dresden zu sehen sein. Sie verlangte auch nicht, dass man ihren Kunstwerken ein neues Haus baue. Ihr Wunsch war lediglich: Alle Museen der SKD sollen mit der Sammlung arbeiten. Es ist ihr eine Freude, dass dieser Wunsch nicht nur in hehren Kunsttempeln wie dem Dresdner Albertinum und dem Leipziger Grassimuseum für Völkerkunde erfüllt wird. Sondern auch auf dem platten Land und im Gebirge. Meißen, Kaisitz, Kirschau und Zwickau heißen die ersten vier Stationen der „Ortsgespräche“.

Die Kunst ist schneller weg als die Bonbons

Kurz vor knapp kamen 544 Kilogramm Süßkram, die in Frankreich produziert wurden, in Kirschau an. Jetzt liegen die Bonbons als goldener Teppich in der alten Putzlappenfabrik, wo der Kunstverein „Im Friese e.V.“ zu Hause ist, wo Ausstellungen organisiert werden und Stipendiaten zu Gast sind. Neben Kathrin Christoph nahmen Ondine Frochaux, Jörg Seifert, Sandro Porcu und Jo Zipfel kurzfristig die süße Spur und manche auch gleich ein Goldstück in ihre eigenen Arbeiten auf.

Doch ist das Leben nicht viel mehr Veränderung als Erinnerung? Kathrin Christoph treibt die Selbstbedienungsidee von Gonzales Torres sympathisch auf die Spitze. Sie hat eigene Skizzen, Aquarelle, Grafiken und Gemälde an einer großen Wand drapiert, mit Jahreszahlen versehen, die keiner chronologischen Ordnung folgen und willkürlich gewählt scheinen. Vermutlich sind es Jahre, an die die Künstlerin sich besonders erinnert. Die Besucher sind eingeladen, nachzudenken, welches Jahr für sie ein besonderes war – und dann die entsprechende Arbeit von der Wand zu pflücken. Je nachdem, was ihnen Erinnerung und/oder Kunstwerk wert sind, hinterlassen sie freiwillig einen Obolus. Die Blätter gehen schneller weg als die Bonbons. Der goldige Teppich liegt nahezu unberührt. Die Arbeit war schon öfter ausgestellt, vielleicht hat es sich herumgesprochen, wie süß die Lutscher sind? Oder gibt mancher sein Geld lieber für Kunst aus als für den Zahnarzt? Es soll vorgekommen sein, dass jemand ein paar Tage nach seinem Besuch der Künstlerin Geld überwiesen hat, weil er meinte, vor Ort zu wenig bezahlt zu haben. Das spricht für die Bilder.

Kunst auf den Ort „zuschneiden“

Die Arbeit von Gonzales Torres ist eines von vier Kunstwerken, die die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden aus der Schenkung Sammlung Hoffmann ins Land geschickt haben. Erika Hoffmann findet es wunderbar, wenn ihre Kunstwerke zu den Sachsen gebracht werden und außerdem Künstler im Lande inspirieren. Wenn Corona es zulässt, reist die über 80-Jährige auch selbst an die Orte. Manche Künstler aus Sachsen traf sie in ihrem Wohnzimmer in Berlin, wo jeder ihr begegnen kann, der einen samstäglichen Rundgang durch ihre Sammlung gebucht hat.

Gemeinsam mit den Initiatoren aus Meißen, Kaisitz, Zwickau und Kirschau wurde überlegt: Welche Themen, welcher Künstler, welche Künstlerin ist für den jeweiligen Ort interessant? Welche Möglichkeiten bieten die Räume?

So kam es, dass im Kunstverein Meißen Isa Genzkens „Weltempfänger“ von 1991 mit Werken von Svea Duwe, Antje Guske, Wiebke Herrmann, André Tempel und Silvio Zesch in einen Dialog trat. Im Offspace Kaisitz setzten sich Hermann Grüneberg, Susanne Hopmann, Lucy König, Angelika Waniek und Susann Weisshaar mit der Video-Arbeit „Transitions. Hinübergehen“ von Mathilde Ter Heijne auseinander. Und im Zwickauer Kunstverein Freunde Aktueller Kunst wollen ab Dezember Harry Hachmeister, Oliver Kossack, Osmar Osten, Ekkehard Tischendorf, Louise Walleneit auf Pipilotti Rists Medieninstallation „Emily, I’m Gonna Write Your Name High on the Silverscreen“ antworten.

„Erinnerung schmeckt süß“ bis 21. Januar 2021 in Kirschau, Friesestr. 31, jeweils sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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