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Ein Dresdner Lokalpatriot auf Abwegen

Der Schriftsteller Ingo Schulze hadert mit seiner Geburtsstadt Dresden und nennt Pegida-Demonstranten nützliche Idioten.

Zum Verlieben: Diesen Blick über die Waldschlößchenbrücke sollte man kennen.
Zum Verlieben: Diesen Blick über die Waldschlößchenbrücke sollte man kennen. © Ronald Bonß

Der Goldene Reiter gehörte ebenso zur Familie wie Peter Schreier, Hansi Kreische und Manfred von Ardenne. Bauwerke wie der Zwinger bestätigten die Weltberühmtheit der Stadt. In E.T.A. Hoffmanns Märchen vom goldenen Topf wurde sie für immer literaturfein. „Ich war begeisterter Dresdner“, erinnert sich der Schriftsteller Ingo Schulze. Er wurde 1962 in der Elbestadt als Sohn eines Physikers und einer Ärztin geboren und verbrachte hier die prägenden Jahre der Kindheit und Jugend. An der Kreuzschule legte er sein Abitur ab. Obwohl er seit Langem in Berlin lebt, kehrt er häufig als Gast und Anteil nehmender Beobachter in die alte Heimat zurück. Die vertraute Kulisse spielt in einigen seiner Romanen mit, in „Neue Leben“, „Peter Holtz“ und zuletzt „Die rechtschaffenen Mörder“.

Das neue Buch des Autors, das an diesem Montag erscheint, versammelt acht Essays über Dresden und eine zugeneigte Zutat. Sie stammt von Volker Braun. Der Dichter hielt die Laudatio auf Ingo Schulze, als dieser Anfang Juni mit dem Kunstpreis der Stadt geehrt wurde, „ein kommuner Kopf“, so Braun, der sich einmischt. Das belegen auch die Texte, die hier zum Teil erstmals veröffentlicht werden, und das belegte vor allem die Dresdner Rede 2012 „Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“. Weder davor noch danach habe er so viel Resonanz auf eine Rede erfahren, sagte Ingo Schulze jetzt auf Schloss Albrechtsberg. Mit seinem Dank für den Kunstpreis setzte er die scharfsinnige Analyse fort. Schulze nannte die Ungleichheit zwischen Ost und West skandalös. „Heute gibt es kein Land in Europa, in dem einer Bevölkerung so wenig an Grund und Boden, an Immobilien und an Betrieben gehört wie den Ostdeutschen im Osten Deutschlands, keine Bevölkerung, die dort, wo sie lebt, so wenig Führungsposten innehat wie die Ostdeutschen …“ Eine Tendenz zur Angleichung sei nicht zu erkennen. „Der Austausch der Eliten war nachhaltig.“ Auch dieser Text ist nun vollständig nachlesbar, einschließlich einer polemischen Abrechnung mit der Biedenkopf-Ära.

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Schriftsteller Ingo Schulze
Schriftsteller Ingo Schulze © Ronald Bonß

Schulzes Lokalpatriotismus der Kinder- und Jugendjahre bröckelte beizeiten. Etwa durch die Bebauung des Neumarkts mit der Frauenkirche als Wachsfigur ihrer selbst, wie er sagt, und mit Kulissen, die Häuser aus vergangenen Jahrhunderten vorstellen sollten. Er wundert sich, dass die Leute nicht kostümiert herumlaufen. Der Platz kommt dem Autor wie „ein ewig währender Weihnachtsmarkt“ vor, wie ein neues Potjomkin’sches Dorf, seelenlos und austauschbar.

Sein größeres Unbehagen entspringt den gesellschaftspolitischen Zuständen. Das beginnt 2010 am 13. Februar. Warum lassen es die Dresdner zu, dass gerade an diesem Tag Rechtsradikale durch die Stadt ziehen, fragt Ingo Schulze. „Wir müssen handeln, nicht nur Zeichen setzen.“ Er ist angereist zur Gegen-Demo und stolz darauf, dass die Blockaden an diesem Tag den Durchmarsch der Rechten verhindern. Die von der Stadt initiierte Menschenkette sei eine feige „Operettenaktion“ auf der falschen Seite der Elbe gewesen. Um falsch und richtig, rechts und links geht es auch in jenen Texten, in denen sich der Autor mit dem Buchhaus Loschwitz auseinandersetzt.

Auf Einladung der SZ hatte er sich mit der Buchhändlerin Susanne Dagen zum Gespräch getroffen. Er wirft ihr vor, die „völkische Rechte kulturell salonfähig zu machen“ durch die Zusammenarbeit mit dem Antaios Verlag, Ideengeber des inzwischen verbotenen „Flügels“ der AfD. Mit ihrer Internet-Sendung „Mit Rechten lesen“ schmiege sich Dagen eng an das „Unternehmen Schnellroda“ des Verlegers Götz Kubitschek an. Dieser versuche, „die Gesellschaft zu spalten, zu polarisieren, den Riss breiter und tiefer zu machen“. So heißt es in dem bislang nicht veröffentlichten Brief von Ingo Schulze an Jörg Bernig. Beide gehören der Sächsischen Akademie der Künste an. Schulze widerspricht der Meinung des Radebeuler Autors Bernig, das Buchhaus sei für alle offen und entziehe sich nur der Festlegung „auf ein bloß irgendwie links geartetes Denken“. Nein, sagt Schulze, das Haus bezieht die politische Gegenposition.

In seinen Romanen wechselt er als schlitzohriger Erzähler die Perspektiven, täuscht, irritiert und lässt sich so leicht nicht festlegen. Umso deutlicher äußert er sich in den Texten, die von tagesaktuellen Konflikten angeregt sind. Der Ton klingt nie aggressiv, nie herablassend, nie verächtlich. Der Brief an Jörg Bernig endet mit einer Handreichung. Ingo Schulze scheint sogar für Pegida eine gewisse Sympathie zu hegen. Die angekündigte Rednerin werde sicher die Freihandelsabkommen der EU kritisieren, die lächerlich geringe Entwicklungshilfe und die Foltergefängnisse der CIA. Sie werde gewiss dazu aufrufen, die Politik zu zwingen, im Sinne des Gemeinwesens und nicht des Profitstrebens zu handeln. Aber nichts davon passiert. Deshalb bezeichnet der Autor Pegida-Demonstranten als „nützliche Idioten“ der regierenden Parteien, „denn die eigentlichen Fragen werden nicht gestellt“. Vielmehr ließen sich mit Verweis auf Pegida die Gesetze verschärfen und eine grundsätzliche Opposition diskreditieren.

Zwischen Ingo Schulze und seiner Geburtsstadt herrscht eine widerspruchsvolle Beziehung, der man die Liebe noch anmerkt. Deshalb treibt es ihn um, wenn etwas schiefläuft in Dresden. Die Leser, so sein Wunsch, sollten sich nicht als Empfänger einer Botschaft verstehen, sondern zu Gesprächspartnern werden. Dazu fordert das Buch heraus mit dem Titel „Dresden wieder sehen“ – da ist neben dem Wiedersehen auch das gerechtere Neusehen gemeint.

  • Ingo Schulze: Dresden wieder sehen. Wallstein Verlag, 76 Seiten, 16 Euro

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