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Er war mühelos, er war er selbst, er war da

Good Bye, Michael Gwisdek! Der Schauspieler ist am Dienstag im Alter von 78 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Michael Gwisdek spielte 2015 in der Agentenkomödie „Kundschafter des Friedens“ den findigen, schlitzohrigen Bastler Jaecki.
Michael Gwisdek spielte 2015 in der Agentenkomödie „Kundschafter des Friedens“ den findigen, schlitzohrigen Bastler Jaecki. © dpa

Von Andreas Körner

Irgendwann sprang er vom Hocker hoch und hechtete die Treppen rauf. In Reihe acht am Rand saß seine Frau Gabriela und lachte herzhaft mit über 200 Menschen im ausverkauften Saal eins des Dresdner Programmkinos Ost. Michael Gwisdek, damals 76, stellte spontan eine Szene nach – vital, mit dem ganzen Körper, wissend um die Wirkung. Längst grau waren seine Haare unterm roten Basecap und doch schien dieser großgewachsene Mann viel jünger zu sein als Kollegen, die es höchstens auf die Hälfte an Lebenszeit bringen.

Er war mühelos. Er war er selbst. Er war da an diesem frühen Sonntagabend. Zum Glück war es nicht zu spät. Am Dienstag ist Michael Gwisdek nach kurzer heftiger Krankheit im Kreise seiner Liebsten gestorben.

Anlass für die Plauderei im Kino vor zweieinhalb Jahren war eine ihm gewidmete Werkschau. Sechs Filme aus weit über 100 wurden noch einmal in Erinnerung gerufen, stilistisch und zeitlich sollten sie repräsentativ sein für das, was Gwisdek geleistet hat: Leinwand und TV, ostdeutsch und westdeutsch, heiter und ernst, Schauspieler und Regisseur, Hauptcharakter und Nebenfigur. Er selbst urberlinerte weniger über Gott, dafür aber über die Welt, über harte Zeiten und wie man sie am besten weich macht, über Arbeitslust und Launen, Kinder und Frauen und wie man Löcher in dicke Bretter bohrt. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste, war Schalk, Charmeur und Spieler, und es war nicht genug. Er war in seinem Element.

Michael Gwisdek freut sich im Jahr 2013 bei der Verleihung des 63. Deutschen Filmpreises «Lola» über die Auszeichnung in der Kategorie "Beste männliche Nebenrolle".
Michael Gwisdek freut sich im Jahr 2013 bei der Verleihung des 63. Deutschen Filmpreises «Lola» über die Auszeichnung in der Kategorie "Beste männliche Nebenrolle". © Maurizio Gambarini/dpa

Elektrische Wasserboiler verkaufen? Im Transformatorenwerk Oberspree Schwergüter verladen? Plakate malen, Läden dekorieren? Beim Schwoof der Eintänzer sein oder ein Käffchen servieren? All das hat Michael Gwisdek getan, bevor er sich seinen Herzenswunsch, Mime zu sein, erfüllen konnte. Zehn lange Jahre wurde er an Schauspielschulen abgelehnt. Die Gründe dafür konnten nicht in fehlender Begabung liegen. Es sprach in der DDR schon gegen den 1942 in Berlin-Weißensee geborenen Michael, dass keiner in seiner Verwandtschaft Arbeiter war oder Bauer, sondern Kaufmann und vor allem Gastronom.

Für Vater Gwisdek war eh ins Holz der Theke geritzt, dass der einzige Sohn dessen Kneipe übernehmen würde. Die Rechnung aber hatte der Wirt ohne den „Kunden“ der Familie gemacht. Denn die Gaststätte diente dem jungen Michael höchstens für genaue Beobachtungen der Besucher. In einem Gespräch mit der Sächsischen Zeitung im Jahr 2004 sagte er: „Daraufhin habe ich mir zwei Dinge vorgenommen: Du musst dir die richtige Partnerin und den richtigen Beruf aussuchen. Beide sollen dir die Lebenszeit verschönern. Da bin ich mit Penetranz dran geblieben. Ich wollte für mich die beste Frau der Welt und den besten Beruf der Welt.“

Michael Gwisdek kommt im Jahr 2014 mit Ehefrau Gabriela zur Premiere des Eröffnungs-Films "The Grand Budapest Hotel" im Berlinale Palast bei den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin.
Michael Gwisdek kommt im Jahr 2014 mit Ehefrau Gabriela zur Premiere des Eröffnungs-Films "The Grand Budapest Hotel" im Berlinale Palast bei den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin. © dpa

Beides hat geklappt. Gleich zweimal in Bezug auf die Liebe, mit Schauspielerin Corinna Harfouch samt den Söhnen Johannes und Robert, sowie in den letzten zwei Jahrzehnten mit der Autorin Gabriela Gwisdek. Man lebte bis zuletzt unweit voneinander in der Schorfheide, sah sich im Guten. Dort, wo der vollblütige Hobbyhandwerker und, nach eigenen Worten, „leidenschaftliche Baumarktkunde“ Gwisdek ein Blockhaus zwischen die Bäume gesetzt hat. Unvergesslich sind die berührenden Blicke des Ehepaars auf besagter Dresdner Kinoveranstaltung, als es um die innigste gemeinsame Alltagszeit ging: das gern ausufernde Frühstück am Morgen.

Und im Beruf? Michael Gwisdek konnte noch studieren, kam 1968 nach Karl-Marx-Stadt ans Theater, fünf Jahre später an die Volksbühne, dann ans Deutsche Theater Berlin. Bis Anfang der Neunziger spielte er unter den großen Regisseuren wie Benno Besson, Wolfgang Langhoff, Heiner Müller und parallel in Kino- und Fernsehfilmen, zunächst nur in der DDR, dann auch in der BRD. Mit ihm ging es von Klassiker bis Klamotte. Auf die Zwischentöne kam es an. Michael Gwisdek war einer der angst- und vorurteilsfreiesten Schauspieler des Landes. Auch deshalb konnte man sich gesamtdeutsch auf ihn einigen.

Michael Gwisdek (l) steht in der Alten Oper in Frankfurt/Main bei der Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises 2015 zusammen mit seinem Sohn Robert auf der Bühne, nachdem er den Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten verliehen bekam. Robert
Michael Gwisdek (l) steht in der Alten Oper in Frankfurt/Main bei der Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises 2015 zusammen mit seinem Sohn Robert auf der Bühne, nachdem er den Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten verliehen bekam. Robert © dpa

Und er war neugierig. Demütig. Von Preisen geehrt. Dankbar. Besessen? Auch das! „Seit jenem Moment, als ich meinen naturgegebenen Ehrgeiz und meine Eitelkeit zurückgeschraubt habe, fühle ich mich richtig wohl“, resümierte er mit 62. „Wenn ich rufen würde, wartet, ich bin aber eigentlich ein Hauptspielroller, wie ich immer sage, dann hätte ich Probleme. Wenn ich aber fünf Drehtage mitnehme und am Ende fünf Lacher habe, dann kann ich damit sehr gut alt werden.“

Wo anfangen, wo aufhören mit Filmtiteln? Bei „Märkische Forschungen“ oder „Hälfte des Lebens“, bei „Coming Out“ oder „Der Tangospieler“, „Altersglühen“, „Good Bye, Lenin!“, „Kundschafter des Friedens“ oder „Das Lied in mir“? Als man ihm die Hand abbiss in „Hai-Alarm am Müggelsee“, seine Weisheit aufsog in „Das schweigende Klassenzimmer“ oder ein schwarzes Kind an die Seite gab in „Nachtgestalten“? Anfangen, ja, aber bitte nicht aufhören! Es gibt so viel nachzuholen aus seiner Filmographie, so vieles nachzusehen, was Bestand hat. Vieles zu entdecken.

Dass mit „Abschied von Agnes“ (1994) eine von seinen insgesamt drei Regiearbeiten als verschollen gilt, hat ihn sehr geschmerzt. Dabei ist es ein rarer essenzieller Beitrag zur jüngeren Geschichtsaufarbeitung. Er persönlich war eher gelassen beim Blick zurück: „Ich bin strikt dagegen, mein komplettes Leben infrage zu stellen. Die Mauer wurde gebaut, ich war 19. Die Mauer fiel, ich war 50. In dieser Zeit habe ich alles erlebt, was man erleben kann: Ich hatte meine erste eigene Wohnung, meine erste große Liebe, meinen ersten Sex, ich war das erste Mal sturzbesoffen, das erste Mal von zu Hause weg, hatte den ersten Beruf. Und alles habe ich bewusst erlebt. Ich habe sehr wohl nicht den ganzen Tag in der Ecke meines Zimmers gesessen und gewartet, bis es klopft oder habe mir immer bewusst gemacht, dass ich eingemauert bin. Ich habe gelebt. Punkt.“

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