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Oberlausitzerin tanzt die Wende

Jana Schmück aus Bautzen hat einen getanzten Parcours durch die wilde und aufrüttelnde Wendezeit entwickelt. Das Publikum ist mit dem Handy dabei.

Jana Schmück gehört zur TanzART in Kirschau bei Bautzen
Jana Schmück gehört zur TanzART in Kirschau bei Bautzen © Tanzart

Eine junge Frau mit langen Haaren tanzt allein in einer alten Fabrikhalle. „Ich bin festgefahren in dieser Schwerelosigkeit“, erzählt sie. Die Tänzerin streckt die Arme aus, fällt auf den Boden, steht wieder auf und rennt. Jeder kann sie beobachten, jeder, der ein Handy hat und einen QR-Code lädt. So lief das schon in Hoyerswerda und Leipzig, zuletzt beim Altstadtfestival in Bautzen. Die nächste Chance gibt es am 12. September zum Tag des offenen Denkmals in Bischofswerda rund um den Marktplatz. Unter dem Titel „WENDEpunkt – Stoff für Geschichten“ hat die Tänzerin Jana Schmück aus Bautzen acht Stationen mit elf weiteren Tänzerinnen zwischen 16 und 27 Jahren entwickelt und hängt für jedes Thema ein Plakat mit einem QR-Code auf. Die Frau in der Fabrikhalle tanzt zur „Ungewissheit“ und fragt: Wo ist mein Platz? Was sind meine Ziele? Wie geht es weiter?

Im Video auf dem Handy taucht bald eine zweite Tänzerin auf, vielleicht eine Freundin, die sie auf ihrem Weg begleitet. Auch Texte werden angezeigt, es funktioniert aber auch ohne den Lesestoff. „Verdrängung“ heißt eine weitere Station. Spielkarten liegen auf dem Boden, zwei Tänzerinnen bauen damit ein Haus, doch es fällt wieder ein, die Karten fliegen durch die Luft. Eine andere Tänzerin bewegt sich nach „Spuren“ an einer Wand entlang, streicht mit der Hand über eine Konstruktion aus Klebestreifen und entfernt sie wieder. „Manches sehen wir entstehen und verschwinden. Manches bauen wir selbst mit auf oder reißen es wieder ab“, ist hier zu lesen.

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Jana Schmück bei den Proben
Jana Schmück bei den Proben © Tanzart

Es geht um die politische Wende 1989, biografische Brüche und persönliche Wendepunkte. Am Anfang hatten die „Mädels“, wie Jana Schmück sie nennt, noch gedacht, die Wende hat nicht viel mit ihnen zu tun, sie haben ja 1989 nicht erlebt. Doch dann befragten sie Eltern und Großeltern und brachten ihre Geschichten ein: wie sich das berufliche Leben veränderte, eine ganze Familie in den Westen ging, Enttäuschungen, wenn ein Berufsabschluss nicht anerkannt wurde, aber auch spannende Neuanfänge, auch im Osten, wo Oberlausitzer die große Chance sahen, selbst ein Unternehmen aufzubauen. Mit solchen Geschichten bekamen die jungen Frauen eine andere Wahrnehmung, erzählt Jana Schmück.

Es sind auch eigene Erlebnisse eingeflossen, wie Einschnitte in der Corona-Zeit, wenn das Studium fast zwei Jahre nur online läuft, und ganz persönliche Momente, wie aus einem Bruder eine Schwester wurde und die Geschlechtsumwandlung ein Wendepunkt für die ganze Familie war. Oder die „Dunkelheit“, Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen, persönliche oder aus dem Umfeld, aber genauso Glücksgefühle, neue Wege und die Freude auf die Zukunft.

Die „Mädels“ kennt Jana Schmück schon seit Jahren. Sie trainieren zusammen bei „TanzArt“, einem Atelier für Tanz, Bewegung und Kunst in einer früheren Textilfabrik in Kirschau bei Bautzen. Nach der Corona-Stille ist nun wieder Leben in ihren Spiegelsaal eingekehrt. Für die QR-Code-Tour suchen sie noch weitere Stationen, auch über Sachsen hinaus. Zu den Förderern gehören neben dem Landkreis Bautzen, aus dem die Tänzerinnen stammen, der sächsische Mitmach-Fonds und „Machen! 2019“, ein Ideenwettbewerb in den neuen Bundesländern für Projekte, die Menschen zueinander bringen. In Bischofswerda bleiben die Plakate noch länger hängen. Jana Schmück will sie später auch in der Kunstfabrik in Kirschau anbringen. Es muss also nicht eine Veranstaltung sein, es reicht auch einfach ein Gebäude, sagt Jana Schmück. „Ich brauche nur Platz für acht Poster und das war’s auch schon.“

„WENDEpunkte“: 12.9., Marktplatz Bischofswerda

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