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Olaf Schubert und der neue Kapitalismus

Frau weg, Kind weg, nur der Alkohol bleibt ein treuer Freund. Doch plötzlich ist da diese App... Eine Leseprobe aus dem neuen Buch des Dresdner Comedians.

Olaf Schubert
Olaf Schubert © imago

Binnen weniger Stunden Schlaf war es meinem Organismus gelungen, einhundert Prozent positive Energie in die doppelte Menge negativer Energie zu transformieren.

Mit schmerzendem Nacken saß ich am Küchentisch, während sich der nachwirkende Alkohol mit wütenden Axtschlägen durch meine Synapsen furchte. Kräuterschnaps! Hatten Kräuter nicht lindernde Wirkung? Davon war nichts, aber auch gar nichts zu spüren! Ächzend griff ich nach der Flasche, um mich über den Anteil der enthaltenen Alkoholprozente zu informieren, doch schon ihr flüchtiger Geruch erregte schwerste Übelkeit, weshalb ich von einer genaueren Inspektion unverzüglich Abstand nehmen musste.

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Eine Google-Suche ergab, dass unter anderem Sehstörungen zu den Symptomen einer Alkoholvergiftung zählen. Daraus, dass ich mehrere Anläufe benötigte, das Wort Sehstörung zu entziffern, schloss ich, dass ich unter selbiger litt.

Ich rieb mir die geröteten Augen und stierte verdrossen aus dem Fenster. Langsam klärte sich mein Blick. Der Himmel war grau, Schwalben schossen unter den tiefhängenden Wolken planlos hin und her, kamen sich nah und entfernten sich wieder voneinander.

Fast wie wir Menschen, dachte ich wehmütig. Sind wir nicht alle nur Schwalben, getrieben vom Wind des Schicksals?

Der schneidend ins Ohr fahrende Klingelton meines Handys ließ mich zusammenzucken und schmerzhaft erkennen, dass neben den Augen auch andere Sinnesorgane durch übermäßigen Alkoholkonsum in Mitleidenschaft gezogen werden.

Mausi-Schatz rief an.

Augenblicklich war ich wach. Nicht unbedingt hellwach, aber immerhin so fit, dass es der Mindesteinnahme von zehn Dosen Aspirin Complex bedurft hätte, diesen Zustand auf medikamentösem Weg herbeizuführen. Ich nahm das Handy und konzentrierte mich kurz, schließlich wollte ich möglichst entspannt rüberkommen.

„Hallo?“

Meine Stimme klang jedoch so kratzig und fremd, dass ich mich erschrocken umschaute, ob nicht doch ein anderer gesprochen hatte.

„Dirk?“, drang es verunsichert aus dem Hörer.

„Äh …ja.“

„Du … du klingst irgendwie … anders?“

Sehr gut. Albina war besorgt um mich. Punkt für Dirk. Ein Punkt, auf dem sich aufbauen ließ. Bei der gestrigen Auseinandersetzung hatte sie sich noch über meine angebliche Wortkargheit beschwert. Jetzt konnte ich gegensteuern.

Ich räusperte mich und legte los.

„Richtig, Albina. Ich bin anders, das bin ich schon immer. Aber du auch!“

„Wie?!“

„Ich glaube, Albina, wir beide sind … äh, … Schwalben. Schwalben ziehen … um die ganze Welt. Und ich denke, du fliegst gerade gen Süden, zu den weißen Stränden am türkisfarbenen Meer.“

Ich ließ ihr Zeit, dieses Bild zu verarbeiten.

„Du ziehst zu den Flamingos, deinen Freunden“, fuhr ich fort. „Ich hingegen fliege nach Norden, in die Antarktis. Zu meinen Freunden, den … äh, … den Pinguinen. Verstehst du?“

Sie schwieg. Was mir zeigte, dass ich sie erreicht hatte.

„Wir bewegen uns in unterschiedliche Richtungen und lernen unterwegs verschiedene Sprachen. Aber bald, Albina, treffen wir uns wieder. Wir lassen uns nieder, irgendwo auf einer Hochspannungsleitung, und reden gemeinsam in unseren unterschiedlichen Sprachen. Und du wirst dann sagen“, ich hielt das Telefon nah an den Mund, damit es maximal intim klang: „Piep Piep! Piiiiieeeeep Piieeeeep!“

Albina antwortete nicht.

„Und ich werde zwitschern.“ Ich spitzte die Lippen: „Tschilp, Tschilp! Wie ein Pinguin. Trotzdem werden wir uns verstehen. Weißt du, was ich meine?“

Stille. Nur das Rauschen der Leitung.

„Albina?"

Keine Reaktion.

„Der eine sagt Piep, der andere Tschilp. Aber im Grunde genommen …“

„Hast du sie noch alle?“, blaffte sie. „So’n Schwachsinn! Da haut nichts hin, wie bei allem, was du von dir gibtst.“

„Aber Albina, ich …“

„Nicht eine einzige verdammte Schwalbe auf der ganzen Welt fliegt zu irgendwelchen bekloppten … Pinguinen!"

Mist!, schoss es mir durch den Kopf. Die exakten Geo-Koordinaten ziehender Schwalben hatte ich leichtsinnigerweise nicht mitgerechnet, was zweifelsfrei meinem zerrütteten Zustand zuzurechnen war. Bevor ich etwas erwidern konnte, übernahm Albina das Kommando.

„Pass auf. Wir werden das Ganze klären wie vernünftige Menschen. Und zwar werden wir …“

Es folgte ein ausführliches Briefingdarüber, wie die Trennung vonstatten-zugehen habe. Wie immer war siebestens vorbereitet und bombardierte mich mit unzähligen Details. Automatisch schaltete ich in den Standby-Modus. Erst am Schluss ihrer Ausführungenwurde ich hellhörig.

„Deshalb schlage ich Folgendes vor.“

Nun, wenn Albina etwas vorschlug, hieß das eindeutig: Hiermit lege ich fest.

„Du unternimmst am Mittwoch was mit Meino. Ihr könnt ja in den Zoo gehen, und in der Zeit hole ich meine Sachen aus dem Haus."

„Ähhh … welche Sachen?“

„Meine Sachen.“

„Aha.“

„Und nichts anderes“, fügte sie hinzu, als wolle sie mich beruhigen. „Gibt’s Einwände?“, fragte sie im selben Ton, mit dem sie vermutlich auch eine Besprechung mit ihren subalternen Kollegen in der Bank beendete.

„Wäre es nicht besser, ich bin dabei und helfe dir?“

„Nicht nötig. Arnulf holt mich mit dem Wagen ab und fasst mit an.“

Sie legte grußlos auf.

Leere machte sich in mir breit. Alles war plötzlich öde. Außer der Geschmack in meinem Rachen, der war pelzig. Ich hatte die Hand ausgestreckt, doch Albina hatte sie zurückgestoßen. Nicht nur das, sie hatte mich lächerlich gemacht. Bloßgestellt. Doch was mich am meisten schockierte, war, dass mein Feind Kontur bekam.

Arnulf.

Was für ein behinderter Name!

In meinem Gleichnis von den Schwalben hatte ich ihn charmanterweise noch als Flamingo tituliert. Flamongo wäre richtiger gewesen, schoss es mir durch den Kopf. Und dann noch diese spießige Formulierung: Arnulf holt mich mit dem Wagen ab. Pff! Während mein gemarterter Verstand fieberhaft nach adäquaten Schmähungen und Schimpfworten suchte, ploppte auf dem Handy eine Mitteilung auf:

Dirk! Bist du bereit?

Bereit? Wofür?Im Sediment meines Gehirns begann es zu arbeiten: Gestern Abend, fiel mir ein, war wieder diese App erschienen. Verschwommen erinnerte ich mich an die kryptischen Botschaften, auf denen von Zeit zu handeln und Ähnlichem geschwafelt worden war. Das alles war äußerst merkwürdig, besonders die Tatsache, dass ich persönlich angesprochen wurde.

Weltenmeister steht dir zur Seite. Entscheide!

… ploppte es erneut, darunter zwei Buttons, unter denen Bereit und Nicht bereit zu lesen war.

Was wollten die? Hatte da jemand einen an der Waffel?

Egal, dachte ich. Ich bin allein, und wenn mir sonst keiner zur Seite steht, dann wenigstens eine App. Schöne digitaleWelt. Ich drückte auf Bereit.

DIE ENTSCHEIDUNG IST RICHTIG! DU HAST SOEBEN DEIN LEBEN VERÄNDERT!

Na toll.Skeptisch sah ich mir die Sache genauer an. Im Gegensatz zu den reichlich dick auftragenden Statements war die App eher schlicht gestaltet und bestand aus in verschiedene Kapitel unterteilten Textpassagen:

Von der Kunst, ein Egoist zu sein und gleichzeitig geliebt zu werden. Am Boden zerstört? Alles aussichtslos? Nein! Denn wer am Boden liegt, kann nur noch in eine Richtung: Nach oben!

Ich runzelte die Stirn. Solche Kalendersprüche sollten mein Leben verändern? Vielen Dank. Mürrisch las ich trotzdem weiter.

Wer nach oben will, muss nach unten treten. Doch tu es heimlich, im Verborgenen! Tritt hart zu und vermeide, Weichteile zu verletzen! Echte Menschen sind wie fast alle Lebewesen Egoisten. Habe Mut! Werde auch du ein echter Mensch! Der Weg ist steinig, also achte auf festes Schuhwerk. Erfolg ist machbar! Weltenmeister führt dich!

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Olaf Schubert: Wie Dirk B. lernte, den Kapitalismus zu lieben. Inklusive Leitfaden zur Ausbeutung. Fischer Taschenbuch, 240 Seiten, 14,99 Euro.

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