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Reizender Film aus Sachsen zeigt die Bach-Verehrung auf allen Kontinenten

Eine Dokumentarfilmerin aus Leipzig hat weltweit Sänger und Musiker besucht, die vor allem Bach interpretieren. Im Film "Living Bach" musizieren sie sogar zusammen.

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Bianca aus Australien spielt Geige auf einem verbrannten Baumstamm, der nach einem verheerenden Feuer zurückgeblieben ist.
Bianca aus Australien spielt Geige auf einem verbrannten Baumstamm, der nach einem verheerenden Feuer zurückgeblieben ist. © PR

Von Andreas Körner

Schraubst du noch oder musizierst du schon? Dieser leicht modifizierte Möbelhausspruch muss gar nicht despektierlich wirken, denn Laienmusikerin Lee Hai Lin fühlte sich selbst an die weltweit agierende schwedische Bretter- und Schraubenkette erinnert, als sie sich ihren Wunsch nach einem Cembalo erfüllte. Ein fertiges Instrument zu erwerben, hätte in ihrer Heimat Malaysia den Preis eines Hauses gekostet. Was für ein Glück für Lee Hai Lin, dass sie von einer Pariser Firma erfuhr, die Cembalo-Bausätze verschickt. Das Werkeln daran dauerte zwar ein paar Monate, doch zusammen mit einem Musiker-Freund hat es die studierte Architektin und jetzige Kaffeehausbetreiberin geschafft. Das einzige öffentlich zugängliche Cembalo Malaysias nennt sie, die bis dato nur Violine spielte, nunmehr ihr eigen, und ihre Liebe zu Johann Sebastian Bach bekam die lang ersehnte authentische Note.

Eine Handvoll von 300 Bach-Ensembles

Lee Hai Lin gehört im zweistündigen Dokumentarfilm der in Leipzig lebenden Anna Schmidt ein eigenes Kapitel. Für „Living Bach“ hat sich die Regisseurin und Produzentin monatelang auf Weltreise begeben, um eine Handvoll von etwa 300 künstlerischen Vereinigungen zu besuchen, die dem großen Bach folgen, ihn in Chören singen oder in Ensembles spielen, und das sehr gern als Amateur. Fundorte waren, neben Malaysia, noch Japan, Australien, die USA, Südafrika, die Schweiz und Paraguay. Und aus „Living Bach“ wird ein in diesen Tagen wärmender, weil warmherziger Menschenfilm.

Anna Schmidt ist nicht ins Blaue gefahren, es gab da diesen Anlass, der manchmal nötig ist, um ins Fahren zu kommen. Das renommierte Bachfest Leipzig, das immerhin schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts stattfindet, wollte 55 internationale Bach-Gruppen in die Messestadt holen, um sie unter dem Motto „We are Family“ für eine Aufführung zu vereinen. Intendant Michael Maul hatte die Idee dazu, die grassierende Pandemie hatte zunächst etwas dagegen. Doch die letzte halbe Stunde von „Living Bach“ zeigt, wer letztlich gewonnen hat. Es gab also nur eine zeitliche Verzögerung, im Juni 2022 wurde das Konzert Wirklichkeit.

Sie heißen David Portillo, Kazuko Nawata, Thabang Modise, Jesse Gehman, Bianca Porcheddu, Désirée Scheidegger, Annalisa Hartmann, und von Lee Hai Lin war schon zu lesen. Sie leben Tausende Kilometer voneinander entfernt, wohnen in Städten und auf dem Land, haben zumeist Berufe ohne Noten und trotzdem eine gemeinsame Liebe zu Johann Sebastian Bach und alter europäischer Musik. Diese eine Liebe dringt tief in sie ein, hat Gründe und spiegelt sie als Menschen. Da braucht es filmisch keine kommentierenden Sätze, keine Erklärungen und Zuordnungen. Alles erschließt sich von selbst durch Beobachtung, eigene Worte und ab und an eine Schrifttafel zur Orientierung. „Living Bach“ wird selbst zur Komposition.

David Portillo hatte eine fröhliche Kindheit in Paraguay. Seit er neun ist, musiziert er, heute längst mit seinen Kindern, denn Musik und ganz speziell Bach haben einen „inneren Wert, es ist etwas, das den Menschen guttut. Es gibt mir Zufriedenheit“. Kazuko Nawata, die Apothekerin, mag Kostümspiele und Bachs Epoche besonders. Wenn ihr Gemüt aufgewühlt ist, beruhigen sie die Klänge des einstigen Thomaskantors. Im Chor ihrer Heimatstadt singt Kazuko Sopran, und das zumeist an öffentlichen Orten der Flüchtigkeit, Bahnhöfen vor allem. Deutsche Texte für Japaner – heikel zu bewältigen, doch auch das ist etwas, das die acht eher verbindet.

Der Thomaskantor als Therapie

Nur Désirée Scheidegger und Annalisa Hartmann, Zwillingsschwestern, Mitte 30, haben als Schweizerinnen hier einen Vorteil. Sie singen im Berner Bachchor und musizieren privat oft im Freien, denn Bach öffne den Blick, sagen sie. Bei ihm will jede Stimme gehört werden. Bach rührt auch zu Tränen, in Bethlehem/Pennsylvania beispielsweise eine bald sterbende Seniorin. Betreut wird sie von Jesse Geham, einer Palliativkrankenschwester, die Mitglied ist im ältesten Bachchor der USA. Natürlich findet sie dort den Ausgleich zu schwerer Arbeit, sogar, wie Jesse Geham sagt, „eine Therapie für mich“.

Tröstliche Momente sehr eigener Art bringt „Living Bach“ beim Halt in Australien und speziell beim Besuch von Protagonistin Bianca Porcheddu in Hermannsburg/Northern Territory. Auch dort wird Bach gesungen, denn deutsche Missionare haben im 19. Jahrhundert kulturell nicht gewütet, sondern den Aborigines die Sprache gelassen und ihnen zugleich eine fremde Musik nahegebracht. Es ist berührend zu sehen, wie die fünf betagten Frauen des Ntaria Ladies Choir mit ihren kunstvoll bunt gepunkteten Textbüchern den Choral „Gloria sei dir gesungen“ anstimmen. „Musik und Gesang sind Teile der Heilung“, verkündet eine von ihnen.

Für Musiklehrerin Bianca Porcheddu sind die Begegnungen im australischen Norden intensive Erfahrungen. Daheim in Canberra sagt einer ihrer Geigenschüler, als er seine Farben für eines der eher flotten Bach-Stücke finden soll: „Orange und Gelb mit einem Spritzer Pink“. Auch für Thabang Modise aus Johannesburg, 35-jähriger IT-Spezialist, spielt die Geschichte seines Landes eine große Rolle, besonders die Kolonialzeit. Als Schwarzer just bei Bach Ruhe zu finden, ist für ihn nicht selbstverständlich, doch „Bach steht nicht für das, was Weiße uns angetan haben. Er will uns noch aus seinem Grab heraus vereinen.“

Und dann stehen sie selbst an seinem Grab in der Thomaskirche zu Leipzig, steigen hoch in die Empore und werden Teil eines großen Chores, haben vier gemeinsame Tage dort, wo Johann Sebastian Bach gewirkt hat. Das Wort vom „Besonderen“ wird heute nachgerade inflationär benutzt, hier aber steht es für nichts anderes als die Realität. Und für Regisseurin Anna Schmidt, die selbst eine große Bach-Verehrerin ist und einst in ihrer Freizeit Bach-Interpretin war, steht der Meister für Freude, Verbindung, Kraft und Hoffnung. Ihr feiner Film transportiert sehr viel davon.

  • Der Film startet im Programmkino Ost und Zentralkino (Dresden).
  • Zur Vorführung am Sonntag, 17 Uhr ist Anna Schmidt im PK Ost zum Publikumsgespräch zu Gast.