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Das Publikum muss ran

Nach Monaten der Schließung darf in Dresden wieder auf den Bühnen gespielt werden. Schauspiel-Profis waren am Dienstag im Kleinen Haus aber nicht dabei.

Keine Schauspieler betreten in dieser Inszenierung die Bühne, sondern die Zuschauer müssen selbst ran. Foto: Sebastian Hoppe
Keine Schauspieler betreten in dieser Inszenierung die Bühne, sondern die Zuschauer müssen selbst ran. Foto: Sebastian Hoppe © Sebastian Hoppe

Von Sebastian Thiele

Man kneift sich in den Arm und tatsächlich: Das ist kein Traum. Sitzreihen, Scheinwerfer, Bühne, selbst die trockene Luft im Zuschauerraum riecht echt und lässt Theatererinnerungen wach werden. War’s das jetzt? Sollte das zermürbende C-Wort wirklich bald gestrichen sein? Nach Monaten der Schließung darf seit dem 1. Juni wieder auf den Bühnen gespielt werden. Live, direkt und pur.

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Doch beim ersten analogen Theaterabend im Kleinen Haus gibt es keine professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. Denn eröffnen darf den Premierenreigen des Dresdner Staatsschauspiels das Autoren-Regie-Kollektiv von Rimini Protokoll. Seit über 20 Jahren steht das Team für innovative Theaterprojekte, kreiert dafür ganz eigene szenische Systeme. Am Dienstag nun hatte endlich die Uraufführung der „Konferenz der Abwesenden“ in Dresden Premiere.

Rechts ein Rednerpult, links eine Sofa-Sitzecke mit Zimmerpflanzen und darüber eine Videoleinwand – unspektakulär und reduziert wartet die Bühneneinrichtung von Marx Jungreithmeier auf Benutzung. Unaufdringlich wabert etwas Soundtapete von Daniel Dorsch. Nach einem typischen Konferenzraum sieht das nicht aus. Und zum Glück auch nicht nach einem ermüdenden Online-Meeting. Wie im Inszenierungstitel bereits klar anklingt, betritt auch kein Schauspieler die Bühne. Eine Stimme aus dem Off hingegen erklärt, wie sich die Bühne beleben könnte: Es gäbe nur dann etwas zu sehen und zu hören, wenn das Publikum mitspiele.

Freiwillige aus dem Zuschauerraum sollen die Gedanken, Geschichten oder Erlebnisse von „Expert*innen der Abwesenheit“ wiedergeben. Dafür sind manchmal die Texte einfach zum Vorlesen vorbereitet. Oder sie werden den Vertreterinnen und Vertretern über Kopfhörer vorgeflüstert. Teile des Publikums fungieren also als Sprech- und Spielwerkzeug, und ihrer laienhaften Improvisationsfreude entspringt das unvorhersehbare I-Tüpfel.

Erstaunlich leicht finden sich immer wieder Stellvertreter aus dem Publikum für die Geschichten den Abwesenden. Foto: Sebastian Hoppe
Erstaunlich leicht finden sich immer wieder Stellvertreter aus dem Publikum für die Geschichten den Abwesenden. Foto: Sebastian Hoppe © Sebastian Hoppe

So trocken diese Versuchsanordnung klingen mag, das Ganze lebt natürlich von den Geschichten der Abwesenden. Und die können verschiedener nicht sein. Ob eine Maultrommel spielende Bergarbeiterin aus Russland, ein Physiker nach einem Schlaganfall oder ein Amerikaner, der gegen die Fortpflanzung der Menschheit ankämpft: Gerade durch die Publikumsarbeit in Vertretung gewinnen die grandios ausgewählten, dokumentarischen Geschichten an Kraft.

Hin und wieder werden die Vorträge mit Fotos unterfüttert oder direkte Ansagen an die Zuschauer lockern die Texte auf. Da darf man demokratisch einzelne Themen abstimmen oder auch mal auf Kommando mit den Füßen trampeln. Ist man sich anfangs unsicher, ob sich denn immer genügend mutige „Avatare“ für die nächste Story finden, so geht es erstaunlich schnell. Nahezu flüssig übernehmen die Dresdnerinnen und Dresdner die Verantwortung für einen funktionierenden Abend. Mit charmanten Ansagen dirigiert die Stimme aus dem Off und alle machen brav mit.

Diesen Häschen-Spring-Modus kann man zwar kritisch sehen, aber im Zuschauerraum kommt die Interaktion gut an. Solch eine unverkrampfte Art des Mitmach-Theaters erlebt man selten. So entsteht in der „Konferenz der Abwesenden“ eine Form sozialer Kommunikation, die über das Gewohnte hinausgeht. Genial, dass ein solcher Abend parallel und an austauschbaren Orten stattfinden kann.

Nicht jede Geschichte, wie die einer geflüchteten Afrikanerin, welche in einem Flüchtlingslager in Griechenland hoffnungslose Erniedrigung erleidet, geht unter die Haut. Aber Abwesende wie auch Anwesende begegnen einander in verschiedensten Problemfeldern. Noch während der Vorstellung bekommen die Zuschauer Gelegenheit zum Austausch und nutzen diese. Letztendlich ist Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel vom Rimini Protokoll wieder einmal ein Theater-Labor-Abend gelungen, der mit kreativer Erzählmethode, vielschichtiger Aufklärung und Bewusstwerdung punktet. Dieser politische Bildungsabend per excellence zeigt gleichzeitig funkensprühend, welche gesellschaftliche Notwendigkeit das Theater besitzt. Und wie sehr sie in den letzten Monaten gefehlt hat.

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