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Schluss mit dem Jugend-Bashing der „Generation Z“

Das Bild, das von der „Generation Z“ in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, ist zu einseitig und negativ. Wir unterschätzen das Potenzial einer ganzen Generation.

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Kein Interesse an Politik und Gesellschaft? Von wegen: Die „Generation Z“ kann und will arbeiten, sich engagieren und zugleich Spaß haben wie hier zu Zehntausenden auf der großen „Fete de l’Europe“ mit Bundespräsident Steinmeier 2023 in Dresden.
Kein Interesse an Politik und Gesellschaft? Von wegen: Die „Generation Z“ kann und will arbeiten, sich engagieren und zugleich Spaß haben wie hier zu Zehntausenden auf der großen „Fete de l’Europe“ mit Bundespräsident Steinmeier 2023 in Dresden. © xcitepress/Finn Becker

Von Pia Meier

Meckern ist einfach. „Die schaffen nichts.“ „Die sind doch alle faul!“ „Die Jungen der ,Generation Z‘ wissen gar nicht mehr, was Arbeit eigentlich bedeutet.“ Doch nur über die Generation zu meckern, wie es gerade so viele Menschen und Medien tun, das ist mir zu einfach.

Als Personalverantwortliche in einem mittelständischen Industriebetrieb möchte ich lieber konstruktiv denken. Ich möchte verstehen, warum diese Generation so anders tickt als die anderen, was sie braucht und wie wir alle erfolgreich zusammenarbeiten und zusammenleben können. In meinen Mitarbeitergesprächen höre ich deswegen genau hin. Denn ich möchte wissen, was die jungen Menschen umtreibt.

Wie ist sie also – die Jugend von heute? Und warum komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass die „Generation Z“ viel besser ist als ihr Ruf? Was genau macht diese Generation aus meiner Sicht so besonders und lässt mich optimistisch in die Zukunft schauen?

Fleiß, Motivation, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. All das sehe ich bei unseren Auszubildenden und jungen Mitarbeitern. Ich erlebe die jungen Menschen als sehr engagiert – wenn das, was sie tun, für sie einen Sinn ergibt. Wenn ihre Arbeit mit ihren Werten und Überzeugungen übereinstimmt. Wenn Sie das Gefühl haben, von ihren Kollegen und Vorgesetzten Wertschätzung zu erfahren.

Pia Meier ist Personalleiterin eines mittelständischen Unternehmens und Mitglied in dessen Vorstand. Sie arbeitet außerdem als Lehrbeauftragte an einer dualen Hochschule, ist Mutter zweier Kinder und Autorin. Soeben ist ihr neues Buch „Schluss mit dem Jug
Pia Meier ist Personalleiterin eines mittelständischen Unternehmens und Mitglied in dessen Vorstand. Sie arbeitet außerdem als Lehrbeauftragte an einer dualen Hochschule, ist Mutter zweier Kinder und Autorin. Soeben ist ihr neues Buch „Schluss mit dem Jug © PR

Natürlich sind nicht alle so. Na klar, gibt es auch junge Kollegen, die bei uns im Betrieb anecken. Woran liegt das? Aus meiner Sicht sind junge Menschen, die demotiviert wirken, meistens am falschen Platz. Wie ein Stück Mandarine, das in eine Knoblauchzehe gesteckt wurde. Nicht selten erlebe ich, dass Heranwachsende eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, das gar nicht zu ihrer Persönlichkeit, ihren Interessen und Stärken passt. Und dort verkümmern sie dann, wie ein Pflänzchen, das nicht gegossen wird.

Vielleicht, weil sie gar nicht genau wissen, wo ihr Platz ist. Vielleicht auch, weil ihre Eltern davon eine sehr konkrete Vorstellung haben … Ich denke: In dieser wichtigen und prägenden Phase ihres Lebens brauchen die jungen Menschen Verständnis von allen Seiten. Sie brauchen Eltern, die sie nicht in eine Richtung drängen, sondern sie bei ihren Träumen unterstützen. Sie brauchen Bildungseinrichtungen, die die Stärken der jungen Leute fördern. Sie brauchen Unternehmen, die einen guten Rahmen setzen, die sich die Zeit nehmen, ihre Mitarbeiter als Individuen zu betrachten.

„Ich hab’ das Gefühl, Andreas kann es überhaupt nicht erwarten, nach Hause zu kommen! Pia, so ein Desinteresse!“, sagte einmal ein Ausbildungsleiter zu mir. Wenn ich solche Rückmeldungen bekomme, spreche ich selbst mit dem betroffenen Mitarbeiter, in diesem Fall eben mit dem Auszubildenden Andreas. Ganz offen nannte ich den Eindruck, der in seiner Abteilung entstanden war. „Was ist da los?“, fragte ich. Und Andreas begann zu erzählen. Von seinem Vater, der nach einem Unfall mit Gipsbein das Bett hüten musste. Von der Landwirtschaft. Den Tieren, die jeden Tag versorgt werden müssten. Davon, wie er versuchte, seine Familie zu unterstützen. Morgens vor der Schule, nachmittags direkt nach der Arbeit im Betrieb.

Manche geben alles auf der Arbeit, andere in ihrer Freizeit

Wenn ich höre, die „Generation Z“ sei nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen, muss ich direkt an Andreas denken. Und an die vielen anderen großartigen jungen Menschen, die sich engagieren. Manche geben alles auf der Arbeit, andere in ihrer Freizeit. Ich muss an die vielen jungen Menschen denken, die sich für die Umwelt einsetzen. Die in der Vereinsarbeit aufblühen. An die, die sich für eine gerechtere Gesellschaft und eine bessere Zukunft einsetzen. Bevor ein Missverständnis aufkommt, möchte ich es Ihnen ganz klar sagen: Ich habe großen Respekt vor der Lebensleistung der Nachkriegsgeneration. Diese Menschen haben hart geschuftet, um unser Land wieder aufzubauen. Und sie haben sich ein Ziel gesetzt: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Das ist ihnen gelungen – davor ziehe ich meinen Hut. Schon die Baby-Boomer, zu denen auch ich gehöre, durften deshalb anders aufwachsen. Aber auch diese Generation leistet viel und arbeitet hart. Sie wollten ihren Kindern etwas Gutes hinterlassen – und das haben sie geschafft.

Die jungen Menschen von heute sind weitgehend behütet aufgewachsen. Die meisten müssen nicht mehr körperlich hart arbeiten. Das ist das Verdienst ihrer Großeltern und Eltern. Gleichzeitig sollten wir Älteren das ihnen nicht vorwerfen, sondern uns für sie freuen. Die jungen Menschen heute arbeiten anders, nicht mehr hart – sondern smart. Vielleicht sind ihre Forderungen nicht frech oder zeugen von Faulheit – sondern sie sind einfach clever. Und noch etwas ist bei der Generation Z“ grundlegend anders: Wer in den letzten 20 Jahren auf die Welt kam, ist mit dem Internet ganz selbstverständlich aufgewachsen. Die jungen Menschen denken digital – und das ist großartig, denn für viele Herausforderungen der Zukunft brauchen wir digitale Lösungen. Deshalb ist der Blick dieser Generation auf die Welt so wertvoll. Was mich zu der Überzeugung bringt: Die „Generation Z“ ist die beste Generation für die Zeit und Umstände, in denen wir leben! Ja, die Herausforderungen Ebenen sind gewaltig. Aber ich glaube an die Jungen. Ich glaube daran, dass sie in der Lage sind, ihnen zu begegnen, wenn die Älteren sie dabei unterstützen.

Aber wie können Sie und ich – wie können wir die jungen Menschen stärken, damit sie ihr volles Potenzial entfalten können? Indem wie ihnen nicht mit Vorurteilen, sondern mit Verständnis begegnen. Indem wir ihnen zeigen, dass eine Zukunft vor ihnen liegt, für die es sich lohnt, sich zu engagieren.

Was das Smartphone zeigt, macht nicht gerade Hoffnung

Es ist doch so: Was die jungen Leute auf ihren Smartphones lesen, macht nicht gerade Hoffnung. Krieg, Umweltzerstörung, Wirtschaftskrise usw. Bei all diesen Horror-Nachrichten muss sich niemand darüber wundern, wenn junge Menschen denken, sie seien die letzte Generation auf dieser Erde. Aber was ist die Konsequenz? Entmutigte, hoffnungslose junge Menschen. Warum heute noch anstrengen, wenn morgen schon die ganze Welt untergeht?

Zu zeigen, dass es sich lohnt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten, das ist aus meiner Sicht die Aufgabe von uns Älteren. Dass wir als Eltern Mut machen, als Verantwortliche in den Medien auch mal von positiven Vorbildern berichten. Von jungen Menschen, die ihren Platz gefunden haben und nun einen wertvollen Beitrag für die ganze Gesellschaft leisten. Denn diese jungen Menschen gibt es! Also lassen Sie uns bitte mehr von ihnen sprechen, anstatt ständig auf die Jugend zu schimpfen. Lassen Sie uns den jungen Menschen zeigen, dass Leistung auch weiterhin zählt. Dass Anstrengung sich lohnt. Dass, wer fleißig ist, es in diesem Land zu etwas bringen kann. Lassen Sie uns Eltern sein, die an der Seite unserer Kinder stehen. Die unsere Kinder unterstützen, aber auch loslassen können. Die akzeptieren, dass unsere Kinder andere Interessen haben als wir und ihren eigenen Weg finden dürfen.

Lassen Sie uns den jungen Leuten wieder Vertrauen entgegenbringen – und gleichzeitig zeigen, dass sie uns vertrauen können. Dass wir unserer Verantwortung gerecht werden und alles tun, um die jungen Menschen in unserem Land zu stärken.

Der erste Schritt zu einem tiefen Verständnis zwischen den Generationen ist aus meiner Sicht, das Meckern zu lassen und die Vorurteile über Bord zu werfen. Vielleicht können Sie mir dann zustimmen, wenn ich sage: „Zum Glück sind sie so, wie sie sind, diese jungen Leute.“