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Ist die DDR mit ihrer "Kunst für alle" gescheitert?

Zwei Wissenschaftlerinnen blicken zurück und fragen: Ist die SED mit ihrem Anspruch „Kultur für alle“ in der DDR gescheitert – oder doch nicht ganz?

Kultur für alle: Eine Kuratorin führt Mitglieder der Blindenbrigade „Louis Braille“ des VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow „Friedrich Ebert“ im Januar 1970 durch eine Kunstaustellung.
Kultur für alle: Eine Kuratorin führt Mitglieder der Blindenbrigade „Louis Braille“ des VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow „Friedrich Ebert“ im Januar 1970 durch eine Kunstaustellung. © DPA/Wilfried Glienke

Von Yvonne Fiedler

Dichtende Maschinenbauer, Betriebsausflüge zu Kunstausstellungen, Lesungen in der Mittagspause – kulturelle Naherfahrungen gehörten für die meisten Beschäftigten in den großen Betrieben der DDR zum Alltag. Mit dem viel zitierten Anspruch, „Kultur für alle“ zugänglich zu machen, meinten es die sozialistischen Machthaber so ernst, dass der Einzelne sich dieser Zwangsbeglückung tatsächlich nur schwer entziehen konnte.

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War das nun ein geniales Konzept kultureller Breitenbildung, das Menschen für die schönen Künste interessierte, die aus eigener Motivation nie eine Ausstellung oder ein Theater betreten hätten? Oder eine gigantische Ressourcenverschwendung für ein Publikum, das in Teilen kulturell unerreichbar blieb?

Diese Frage machen die beiden Kulturvermittlerinnen Birgit Mandel und Birgit Wolf in ihrem Buch „Staatsauftrag: ,Kultur für alle‘“ auf. Dazu haben sie knapp 100 Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt, die zum Teil in zentralen Positionen im Kulturbetrieb der DDR tätig waren. Darunter so namhafte Experten wie der spätere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der lange Jahre an der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet hatte.

Hochkultur hat DDR-Arbeiter selten erreicht

Erwartungsgemäß findet Wolf und Mandels Buch keine eindeutige Antwort auf die Frage nach Anspruch und Wirklichkeit einer „Kultur für alle“. Vielmehr machen die Befragten einen ganzen Deutungskosmos auf, der wohltuend differenziert die Sternstunden und ebenso die Sackgassen der staatlichen Kulturpolitik auffächert. Die Dichte hochwertiger Kinder- und Jugendtheater wird hier ebenso benannt wie das Netz an Bibliotheken auch im ländlichen Raum oder die frühe Förderung musisch talentierter Kinder, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern.

Gleichzeitig schätzen die Gesprächspartnerinnen und -partner aber auch nüchtern ein, dass der klassische Arbeiter von Hochkultur eher selten erreicht wurde – selbst wenn er regelmäßig im Betriebsausflugsbus zu ihr gefahren wurde. Auch Zensur und Verbote werden reflektiert, nicht ohne auf die Ironie des Systems zu verweisen: „Der Widerspruch ist dabei vor allem gewesen: einerseits die Leute zur Kultur zu animieren und andererseits sie einzuschränken, wenn sie wirklich anfingen, weiter hinaus zu blicken“, fasst die Buchwissenschaftlerin Jutta Duclaud zusammen.

Kontroverse Aussagen werden nicht eingeordnet

Leider werden die oft pointierten, kernigen Zeitzeugenaussagen von den beiden Autorinnen selten kommentiert und in den historischen Zusammenhang eingeordnet. Damit bleibt das Buch in weiten Teilen eine Folge teils langer, nach kleinteiligen Gliederungspunkten geordneter Zitate. Inhalte wiederholen sich, provokante Thesen – etwa die Behauptung, Zensur sei in der DDR nur begrenzt möglich gewesen – werden nicht hinterfragt, vielmehr einfach indirekt zitiert.

Hinzu kommt eine hölzerne Gliederung, die schon den Einstieg ins Buch zu einer Herausforderung macht. Seitenweise reihen die Autorinnen Handbucheinträge zu kulturellen Akteuren in der DDR von A wie Akademie der Künste bis Z wie Zentralkomitee der SED aneinander, ohne deren tatsächliche Rolle im real existierenden Sozialismus auch nur zu streifen. Bis anschließend auch die Biografien der befragten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen abgehandelt sind, ist man bereits auf Seite 82. Der Großteil der bis dahin lustlos heruntergeleierten Informationen hätte gekürzt und ohne wesentlichen Wissensverlust in ein Glossar gepackt werden können. Das wiederum hätte Platz für eine kritische Auseinandersetzung mit den teils kontroversen Meinungen der Befragten geschaffen.

Kurze Blicke in Dresdens „Scheune“

Auch das Schlusskapitel zur „Kulturvermittlungsarbeit an drei exemplarischen Einrichtungen“ überzeugt nicht. In jeweils kaum siebenseitigen Abrissen versuchen die Autorinnen, die jahrzehntelange Kulturarbeit des Klubs „Scheune“ in Dresden, des Klubhauses Wolfen und des Gewandhauses Leipzig darzustellen.

Zu jedem der drei Häuser ließe sich ein eigenes Buch füllen, doch hier bleibt es für die „Scheune“ bei einem oberflächlichen Blick auf einige offizielle Klubkonzepte, für Wolfen bei einer langatmigen Aufzählung einzelner Angebote und für das Gewandhaus bei einem wilden Ritt durch die Orchestergeschichte seit dem 18. Jahrhundert.

Woran die Kulturpolitik der SED gescheitert ist

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Bietet das Buch trotzdem Antworten auf seine Titelfrage? Dank der reflektierten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ergibt sich tatsächlich ein recht scharfes und durchaus freundliches Bild. Zwar erklären die Autorinnen die Kulturpolitik der Staatspartei SED – gemessen an deren eigenen Ansprüchen – für gescheitert. „Sie scheiterten an einer verengten Vorstellung von Kunst als eindimensionalem Abbild einer politischen Idee“, heißt es im Schlussteil. Die gesellschaftliche Wirkung dieser Politik werten aber viele der Befragten dennoch positiv. Die Theaterwissenschaftlerin Christel Hoffmann bringt es auf den Punkt: „Die DDR-Bürger waren nicht kultureller als die Westbürger, aber sie haben diesen Anspruch kennengelernt.“

Birgit Wolf und Birgit Mandel: Staatsauftrag: „Kultur für alle“. Ziele, Programme und Wirkungen kultureller Teil- habe und Kulturvermittlung in der DDR. Transkript Verlag. 308 Seiten, 25 Euro

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