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Spickzettel unter der Burka

"Es ist nur eine Phase, Hase" und "Contra": Christoph Maria Herbst kommt mit zwei Komödien ins Kino. Eine davon ist großartig.

Absolut überzeugend: Christoph Maria Herbst mit seiner Filmpartnerin Nilam Farooq in "Contra".
Absolut überzeugend: Christoph Maria Herbst mit seiner Filmpartnerin Nilam Farooq in "Contra". © Constantin

Von Andreas Körner

Im Herbst seines Lebens könnte es für ihn einen ebensolchen filmischen geben und dann heißt er auch noch so. Christoph Maria Herbst erscheint innerhalb von zwei Wochen mit zwei neuen Filmen im Kino, zwei Komödien, die wiederum nicht nur die Facetten des 55-Jährigen offerieren, sondern auch die Spannweite des Genres an sich. Während „Es ist nur eine Phase, Hase“ bis hinunter in finstere Keller der Albernheiten steigt, weiß man in „Contra“ mitunter gar nicht, ob das Lachen vor dem Hintergrund der Realität überhaupt angebracht ist.

Für ausgeprägten Fleiß ist Christoph Maria Herbst bekannt, ebenso für Geschmack in der Rollenauswahl und sein Bestreben, sich nach grandiosen Erfolgen nicht aufs Ruhekissen zu begeben. Sich beispielsweise nach fünf TV-Staffeln und einem Kinostreifen von der markanten Figur des bösen Bernd Stromberg, Leiter der Schadensregulierung einer Versicherung, zu lösen, gelang Herbst auf bewundernswerte Weise, auch, indem er als Synchron- und Hörbuchsprecher verstärkt nur seine Stimme zum Einsatz brachte.

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Mit Wohlstandshügel in der Bauchregion

Dennoch fällt der Name Christoph Maria Herbst früh, mag man deutsche Schauspieler auflisten, denen eine nahezu ideale Balance zwischen Komik und Tragik gelingt, die visuell und akustisch in glaubhaften Zwischenwelten agieren und ihre Charaktere, so heikel sie auch verstrickt sein mögen, nicht in die Nähe zur Karikatur bugsieren. Herbst hilft sein Vermögen zur leisen Wandelbarkeit.

In Florian Gallenbergers „Es ist nur eine Phase, Hase“, literarische Vorlage von Leo & Gutsch, kommt selbst dieser Mime allerdings an Grenzen. Zunächst verblüfft er mit vollem Haupthaar und Wohlstandshügel in der Bauchregion. Als Schriftsteller Paul liegt Letzteres wohl an übermäßigem Sitzen und daran, dass die drei gemeinsamen Kinder mit Frau Emilia (Christiane Paul) so langsam aus dem Gröbsten raus sind. Getanzt wird im Haushalt auch nicht mehr so viel. Paul, knapp vor 50, füllt das, was ihm als Alterspubertät zu Ohren kommt, voll aus.

Pauls Kumpel Theo (Jürgen Vogel, Mi.) genießt die Alterspubertät in vollen Zügen.
Pauls Kumpel Theo (Jürgen Vogel, Mi.) genießt die Alterspubertät in vollen Zügen. ©  PR

Konturen zwischen Prost und Prostata

50 sei das neue 30. Schon früh in der eher dünnen Handlung um eine Ehe in Pause und Reset, erklingt dieser Satz, den man nicht einfach so weggähnen will. Leider ist er für das, was folgt, fast symptomatisch. Denn so sehr Christoph Maria Herbst seinem Paul zwischen Prost und Prostata Konturen zu geben versucht, zwischen solidem Anspruch, Schreibblockade und Macarena-Schwung, vorbei an missglückt inszenierten Slapstick-Einlagen, auch im Comic-Kostüm, so wenig kommt diese nur bedingt romantische und überraschend staubige Komödie über durchschnittliche Flughöhe hinaus.

Da ist Sönke Wortmanns „Contra“ von ganz anderem Kaliber: spitz, brisant, relevant und von erfreulicher Leichtigkeit. Er kann das. Mit Christoph Maria Herbst kam Wortmann schon für den Leinwanderfolg „Der Vorname“ zusammen, dem bald „Der Nachname“ nachgeschoben wird. Obwohl man sich davor scheuen sollte, das Wort „perfekt“ inflationär zu benutzen, ist es für „Contra“ zwingend geboten. Wobei Herbst dem nächsten übergriffigen Zyniker seiner Karriere noch einmal ganz neue Schattierungen entlocken darf.

Mit dem sich-Verkneifen von beleidigenden, sexistischen, rassistischen, religionsverleumnenden Sprüchen hat es Juraprofessor Pohl nicht so ...
Mit dem sich-Verkneifen von beleidigenden, sexistischen, rassistischen, religionsverleumnenden Sprüchen hat es Juraprofessor Pohl nicht so ... ©  PR

Soll ich jetzt etwa ständig "Wir schaffen das" sagen?

Richard Pohls Vorlesungen in der Juristischen Fakultät sind bestens besucht. Seine blitzgewandte Eloquenz ist bestechend. Nur mit der Umgangsart, gar Nettigkeit und dem Unterlassen beleidigender, sexistischer, rassistischer, religionsverleumnender Sprüche hat es der Professor nicht so. Die Erstsemester-Studentin Naima (Nilam Farooq) bekommt es beim Zuspätkommen zu spüren. Pohl bellt sie an und versteigt sich in üble Sprüche, wobei der mit dem Spickzettel, den muslimische Studentinnen gern unter ihrer Burka verstecken würden, das Fass bersten lässt. In Zeiten von Smartphones mit Aufnahmefunktion kein Wunder.

Selbst als ihn der Unipräsident vorlädt und seinen Rausschmiss androht, verbleibt Pohl im Modus: „Soll ich jetzt etwa bei jedem Satz ein Wir-schaffen-Das einbauen?“ Er wird dazu verdonnert, Naima auf einen renommierten Debattier-Wettbewerb vorzubereiten, um etwas Luft aus den Vorfällen zu nehmen. Das heißkalte Duo nimmt die Arbeit auf. Und Fahrt.

Nun wird in „Contra“ eben mal nicht das gewohnte Schema abgearbeitet. Kein Durchlauf bis hin zum Sieg, kein „Aus bösen Feinden werden dicke Freunde“. Dieser Film ist im Rhetorischen klüger, feinsinniger, viel weniger dumpf als andere. Für Christoph Maria Herbst ein Fest. Wie hatte er 2014 gegenüber der Sächsischen Zeitung gesagt? „Es scheint die große Verabredung zu sein, dass man hier nur zum Lachen gebeten wird. Dabei reicht inneres Lächeln eigentlich aus. Wenn uns das gelingt, ist ein Stück Wahrheit geschafft, und über die lacht man erst mal nicht. Wir blasen die Wirklichkeit so auf, dass man sie erkennt.“ Da war an „Contra“ noch nicht zu denken. Es trifft trotzdem zu.

„Es ist nur eine Phase, Hase“: ab Do. in Dresden: Ufa, Rundkino, UCI sowie in Bautzen, Döbeln, Görlitz und Zittau.

„Contra“ startet am 28. Oktober

Außerdem neu im Kino:

Die letzten Reste Überbrückungshilfe bis hin zum nächsten Italienurlaub rettet das groß angelegte Drama „Auf alles, was uns glücklich macht“. Regisseur Gabriele Muccino erzählt aus mehreren Generationen und über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten Familie mit allem Weh und Ach, aller Freude und allem Zusammenhalt. (Dresden: Programmkino Ost)

Walter Kaufmanns bewegte Biografie als Jude, Flüchtender, Seemann und DDR-Autor müsste eigentlich mehr als einen Dokfilm beanspruchen. Dirk Szuszies und Karin Kaper haben es aber in 100 Minuten geschafft und stellen ihr Werk „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“ am Donnerstag, 19 Uhr persönlich vor. (DD: PK Ost)

Die fulminanten Kostümfilme von Ridley Scott („Alien“, „Gladiator“) sind bekannt. Mit „The Last Duel“ kommt der nächste. Matt Damon, Adam Driver und Ben Affleck sind vereint im Mittelalter – reitend, säbelrasselnd, um Ehre ringend, denn eine angesehene Ehefrau wurde geschändet. (Dresden: Cinemaxx, Ufa, Rundkino, UCI sowie in Bautzen und Görlitz)

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