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"Das Volk, das so spricht, ist nicht dumm"

Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant über den Duden, Gender-Ausdrücke, Anglizismen – und Rammstein als Botschafter des Deutschen.

Sprachen waren schon immer im Wandel. Müssen sie auch noch von der Politik gewandelt werden?
Sprachen waren schon immer im Wandel. Müssen sie auch noch von der Politik gewandelt werden? © dpa

Als Professor für Romanische Philologie an der Freien Universität Berlin hat sich Jürgen Trabant (78) intensiv mit verschiedenen Sprachen und ihrem Wandel befasst. Sein jüngstes Buch „Sprachdämmerung. Eine Verteidigung“ (Verlag C. H. Beck) ist ein Plädoyer für Vielfalt – und zugleich eine Warnung vor einer Abwertung der einzelnen Sprachen durch Globalisierung.

Herr Trabant, das Duden-Online-Wörterbuch ändert mehrere tausend Personen- und Berufszeichnungen. Statt eines Wortartikels gibt es künftig zwei, einen für die männliche und einen für die weibliche Form. Wie sehen Sie als Sprachliebhaber diese Überarbeitung?
Es geht hier um einen Eingriff in die Sprache aufgrund eines Missverständnisses, nämlich des Missverständnisses, wonach Sprache nichts weiter als Terminologie ist. Dieses Verständnis geht auf den englischen Philosophen Francis Bacon zurück, der meinte, dass die normale Sprache des Volkes die Welt falsch sieht und nicht so, wie die kluge Wissenschaft dies verlangte. Der Eingriff der Duden-Redaktion ist genau das, ein Eingriff derer, die es besser wissen. Auch wenn mich nun einige junge Frauen für einen der vielen alten Männer halten mögen, die traurig sind, wenn es nicht nach ihren Wünschen läuft: Sprache kann präzise sein, Sprache muss in der Wissenschaft präzise sein, sie muss es aber nicht unbedingt in unserem Alltag sein.

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Ein anderer älterer Herr, der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, hat über das Gendern gesagt: Jeder soll so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
Völlig richtig! Und diejenigen, die Kretschmann widersprechen würden, sollen doch bitte schön ein bisschen Toleranz üben. Denn das Volk, das so spricht, wie es spricht, ist nicht qua Definition dumm, wie die Sprachreformer immer annehmen. Das Volk verfügt aber sehr wohl über eine gewisse Weisheit.

Wie gehen Sie mit Ausdrücken wie „Radfahrenden“ und „Wählenden“ um?
Ganz einfach: Ich benutze sie nicht. Ich nehme sie wahr, und zwar als störend. Offen gestanden empfinde ich Formulierungen wie Mitarbeiter:innen mit diesem glottalen Stop in der Mitte sogar als unglaubliche Anmaßung! All diese Vorschriften, wie man zu reden und zu schreiben hat, finde ich unglaublich! Sprache ist etwas, was sich ständig ändert, Sprache ist einem permanenten Wandel unterworfen, aber nicht durch politische Maßnahmen.

Es geht darum, dass Frauen in der Sprache sichtbarer werden. Können Sie das nicht nachvollziehen?
Gegenfrage: Muss man ständig sichtbar sein? Ich jedenfalls möchte gar nicht immer sichtbar sein. Die Semantik der Sprachen beinhaltet so viel Vagheit, dass man sich dort enthalten fühlen kann und auch müsste. Ich verstehe, dass sich Frauen an manchen Stellen ausgeschlossen fühlen, aber das ist ein Missverständnis der Semantik von Sprache. Jetzt bleibt es abzuwarten, was die Sprachgemeinschaft tut und ob sie diese ständige Doppelung aufgreift oder nicht. Nehmen Sie den Begriff des Fräuleins: Wir haben es doch alle begrüßt, dass dieser veraltete Begriff verschwunden ist, weil er wirklich nicht mehr der gesellschaftlichen Realität angemessen ist. Doch wer früher ein Fräulein war, fühlt sich heute in dem weiter verstandenen Semantikbegriff der Frau durchaus angesprochen und gemeint. Wissen Sie, was mich zornig macht?

Nämlich?
Wann immer der Staat in die Sprache eingreift, kommt Mist raus! Denken Sie nur an die Rechtschreibreform. Daraus ist ein Mischwesen entstanden, das niemanden glücklich gemacht hat. Sprache entwickelt sich natürlicher als durch Eingriffe. Das Wesentliche bei der Sprachveränderung ist, wie sie von der Bevölkerung aufgenommen wird. Die Menschen entscheiden letztlich, ob ein Wort dauerhaft Eingang in die Sprache findet oder nicht.

In Leserbriefen wird immer wieder die Häufung von Anglizismen beklagt.
Die deutsche Sprachgemeinschaft ist extrem offen gegenüber den englischen Wörtern und adaptiert diese leider nicht immer. Wenn eine Sprache kräftig ist, muss sie selbstverständlich auch integrieren. Das wusste schon Goethe: „Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.“ Das Deutsche verschlingt aber nur grammatisch, also nur halb, die fremde Lautung und Schreibung behalten wir gern bei. Aus linguistischer Sicht halte ich diese Gefährdung allerdings für nicht so dramatisch, denn ich betrachte Sprachen als eine Art Straßenköter.

Sie sehen ja im Englischen an sich, nicht in den Anglizismen die eigentliche Gefahr.
Gefahr würde ich nicht sagen, das wäre übertrieben.

Das schreiben Sie aber in Ihrem Buch: „Die richtige hohe, geschriebene, gebildete Sprache für die höheren Stände ist schon längst nicht mehr das Deutsche, sondern das globale Englisch.“ Was verstehen Sie unter diesem „Globalesisch“, wie Sie es nennen?
Wir lernen das Englische ja nicht, weil wir in die USA oder nach Großbritannien fliegen wollen, wie es früher der Fall war. Wir lernen Englisch, um mit der Welt zu kommunizieren.

Es ist doch wunderbar, sich mit der ganzen Welt austauschen zu können!
Ich bestreite ja nicht, dass Globalesisch ein wunderbares Kommunikationsinstrument ist, das wir in der globalisierten Welt brauchen! Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es sich bei Globalesisch um eine für die Welt adaptierte Sprache handelt, auf der Basis des Englischen.

Warum lässt das bei Ihnen die Alarmglocken schrillen?
Sagen wir so: Es erregt meine Aufmerksamkeit, wenn beispielsweise in der Siemens-Zentrale in München schon seit Jahrzehnten nur noch Englisch gesprochen wird. Selbstverständlich ist es ein internationaler Konzern, aber muss dort wirklich im inneren Sprachverkehr Englisch miteinander geredet werden? Würde es nicht völlig ausreichen, nach außen auf Englisch kommunizieren? Diese Art von Firmenkultur hat natürlich Folgen, beispielsweise für junge aufstrebende Eltern, die sich denken: Wir müssen unser Kind auf eine mögliche Karriere als Führungskraft bei Siemens vorbereiten, und deswegen bringen wir es in einem so genannten internationalen Kindergarten unter.

Was ist daran schlecht? Sie als ein Verfechter der Mehrsprachigkeit müssten doch begeistert von internationalen Kindergärten sein.
Wenn dort tatsächlich mehrere Sprachen unterrichtet würden, fände ich das selbstverständlich gut. Aber Fakt ist, dass es in einem internationalen Kindergarten um Zweisprachigkeit, und nicht um Mehrsprachigkeit geht. Diese ganz bestimmte Form von Zweisprachigkeit wird gern dadurch zugedeckt, dass man von Mehrsprachigkeit spricht. Gemeint ist aber immer die Zweisprachigkeit von Englisch und Deutsch. Es wird nie gelobt, wenn Sie Spanisch oder Schwedisch lernen, weil es keinerlei ökonomischen Sinn hat. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist ja nicht schlecht, wenn man Englisch lernt. Worum es mir geht: Ich finde es schlimm, wenn Sprache ausschließlich als Kommunikationsmittel und unter Nützlichkeitsaspekten betrachtet wird.

Was bedeutet denn Sprache für Sie?
Sprache ist aus meiner Sicht Weltgestaltung. Wir nehmen die Welt über die Sprache wahr, wir formen sie mit bestimmten Wörtern, und diese Wörter sind natürlich die unserer ersten Sprache, die nicht austauschbar und beliebig sind. Es geht dabei darum, wie wir uns die Welt aneignen. Diesen Aspekt von Sprache als Weltgestalterin halte ich für mindestens genauso wichtig wie die Kommunikationsfunktion von Sprache.

Sie sprechen wegen der Dominanz des Englischen von elitärer Mutlosigkeit. Das werden viele als Vorwurf sehen.
Dies ist kein Vorwurf, dies ist eine Feststellung bezüglich der deutschsprachigen Eliten, die natürlich allen Grund haben, im Hinblick auf ihre eigene Sprache mutlos zu sein. Alles Höhere, also Business, Kultur und Wissenschaft, findet auf Englisch statt. Das liegt natürlich an der Vergangenheit unserer Sprache: Deutsch ist die Sprache, in der Hitler gebrüllt hat, und das ist im Gedächtnis der Menschheit enthalten. Was mir aber viel wichtiger ist: Es gibt viele, gerade auch viele Lehrer, die mit großem Engagement diese Sprache schätzen und gegen diese elitäre Mutlosigkeit verteidigen.

Verkommt Deutsch wirklich zu einem Dialekt, der nur noch mit dem Personal gesprochen wird?
Bei bestimmten Leuten spricht man schon jetzt nur noch Deutsch mit der Frau an der Kasse, dem Handwerker und vielleicht auch mit der Oma, die kein Englisch kann. Aber untereinander redet man Englisch. Ich gebe zu, dass ich etwas dramatisiere, aber: Sollte sich der Trend auf die Art und Weise fortsetzen, wie die Eliten es betreiben, läuft das Deutsche Gefahr, zum Dialekt zu verkommen. Wenn die Elite oder auch eine, die sich dafür hält, aus der Sprache emigriert, hat das gesellschaftliche Konsequenzen. Beispielsweise auch für Migranten, die sich zu Recht fragen könnten, warum sie sich die Mühe machen sollen, Deutsch zu lernen.

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Bräuchten wir mehr Botschafter wie die Musiker der Band Rammstein? Die Süddeutsche Zeitung schrieb, Rammstein habe mehr für die deutsche Sprache im Ausland getan als das Goethe-Institut.
(lacht) Eine schöne Vorstellung! Das Beispiel gefällt mir auch deshalb so gut, weil es dabei um die Attraktivität der Kultur geht und nicht, wie sonst gern üblich, ausschließlich um die Attraktivität der Ökonomie.

Das Gespräch führte Sonja Panthöfer.

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