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Springsteen: "Wir sind auf dem absoluten Höhepunkt"

Bruce Springsteen fühlt sich frisch wie nie und plaudert über Neues mit der E Street Band und frische Songs aus den 70ern.

Bruce Springsteen 2020. Eine Dokumentation zur Entstehung der Songs von „Letter To You“ ist auf auf Apple TV+ zu sehen.
Bruce Springsteen 2020. Eine Dokumentation zur Entstehung der Songs von „Letter To You“ ist auf auf Apple TV+ zu sehen. © Apple TV/dpa

Der Boss, von Hause aus nicht unbedingt ein Fan technischer Neuerungen, lud nun zum Zoom-Gruppeninterview mit europäischen Journalisten. Da saß Bruce Springsteen, 71, also in grauem Wollpulli und mit gesunder Gesichtsbräune vor dem Bildschirm, schloß beim Sprechen manchmal die Augen und erzählte mit seiner hypnotisch-rauen Sprechstimme über „Letter To You“, sein neues, rundum überzeugendes und intensiv nach Springsteen klingendes Album. 

Nach der Biografie „Bruce Springsteen: Born To Run“, seiner über ein Jahr lang laufenden Broadway-Solo-Show und dem Orchesteralbum „Western Stars“ lässt er es, mit seiner E Street Band, wieder hymnenhaft krachen.

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Mr. Springsteen, wann war Ihnen klar, dass Sie wieder eine Platte mit der E Street Band machen wollten?

Die Arbeit mit der Band ist eine zyklische Angelegenheit. Wir machen etwas zusammen, und dann ziehe ich auch mal los und widme mich unterschiedlichen anderen Projekten, was immer mich so umtreibt. Früher oder später segele ich aber immer wieder zurück zu meiner Band.

Und was hat Sie jetzt dazu bewogen?

Ich dachte mir, hey, ich will endlich wieder rausgehen und spielen. Ich wusste, dafür brauche ich die einmaligen Damen und Herren der E Street Band. Und ich hatte im Hinterkopf, dass ich wohl ein neues Album machen sollte. Bloß fehlten mir zu dem Zeitpunkt noch sämtliche Songs. Ich hatte seit sechs oder sieben Jahren keine Rocksongs mehr geschrieben, und die kommen ja nicht aus heiterem Himmel angeflogen. Was mir fehlte, war die Inspiration.

Inwiefern war der Tod Ihres Freundes George Theiss, mit dem Sie in den Sechzigern in Ihrer ersten Band Castiles spielten, eine Inspiration?

Ich verbrachte 2018 einige Tage an seinem Sterbebett, und als er tot war, fiel mir auf, dass ich jetzt der Letzte bin, der von unsere Band Castiles noch lebt. Ein seltsames Gefühl. Ich kam nach Hause und schrieb „Last Man Standing“. Ich spürte, jetzt habe ich mein Thema: Die Musik als solche, das Gefühl, Teil einer Band zu sein, Rock ’n’ Roll. In weniger als zehn Tagen schrieb ich dann so gut wie alle der Songs, die jetzt auf dem Album sind.

Warum greifen Sie wieder die Vergänglichkeit und Schönheit des Lebens auf?

Die Freuden und die Hoffnungen, die damit einhergehen, dass man lebt, dass man da ist, die inspirieren mich sehr. Ich denke, ich bin ein spiritueller Songwriter. Ich spreche deine Füße an, dein Herz, und ganz besonders spreche ich zu deiner Seele.

„Letter To You“ ist das erste Album seit „Born In The U.S.A.“, das Sie mit Ihrer Band live und ohne nennenswerte Nachbearbeitung eingespielt haben.

Ja. Ich wollte noch mal dieses einzigartige Können aus der Band herauskitzeln. Wir machten einen Termin aus, gingen hier ins Studio, und legten voller Freude einfach los. Wir hatten fünf Tage für die Aufnahmen eingeplant, doch nach vier waren wir bereits fertig. Es gibt einfach nichts Schöneres, als mit deinen alten Freunden im Studio zu sein und zusammen tolle musikalische Momente zu teilen.

In dem Schwarz-Weiß-Film, der die Aufnahmen dokumentiert, sieht man Ihre Bandmitglieder, wie sie sich emsig Notizen machen – warum?

Sie dürfen nicht vergessen: Wir sind alle alt. Leute wie wir benutzen tatsächlich noch Bleistift und Papier.

„Letter“ bietet auch Songs aus den 70ern, die Sie vorm Durchbruch schrieben. Sind diese erst jetzt gut?

In meinen Kisten schlummern noch sehr, sehr, sehr viele Lieder. Ich war neugierig, wie sich „Janey Needs A Shooter“, „Song For Orphans“ und „If I Was A Priest“ anhören würden, wenn ich sie mit der Band einspiele. Damals in meinen Zwanzigern klangen dieses Stücke so fabulös nach Bob Dylan, dass ich mich aus diesem Fahrwasser fernhalten wollte. Heute ist mir das egal. Ich bin ja lange genug dabei.

Welches Lied ist das Herz vom Album?

„House Of A Thousand Guitars“. Der Song führt tief hinein in die Welt, die ich mit meinen Fans erschaffen habe, es geht um das ganze Wertesystem und die Gedanken, die wir miteinander teilen. So bin ich zum Beispiel der Überzeugung, dass Musik einen Menschen reparieren kann. Sie hilft dir, deine Seele zu heilen. Das ist die Natur von Musik, ganz gleich, ob es sich um Lieder von Marianne Faithfull oder den Sex Pistols handelt.

Im ruhigen Soloalbum „Western Stars“ von 2019 wie nun in „Letter To You“ beschäftigen Sie sich mit Alter, Leben und Tod. Was unterscheidet die Alben?

Der Protagonist von „Western Stars“ ist ein Einzelgänger, ein klassischer amerikanischer Charakter, der am liebsten für sich bleibt und einsam seinen Weg durchs Leben navigiert, ohne jemanden an sich heranzulassen. Der Protagonist von „Letter To You“ hingegen ist Teil einer Gemeinschaft von Musikern. Er ist nicht allein, er hat seinen Platz im Leben gefunden, und er ist ein soziales Lebewesen.

Denken Sie, dass Sie auch mit 71 noch neue Zuhörer für sich gewinnen?

Ja, und das freut mich sehr. Meine Themen sind universell und zeitlos. Familie, Liebe, das Leben, Fragen der Seele und des Geistes – wenn du an diesen Dingen interessiert bist, dann ist meine Musik der passende Ort für dich. Ganz egal, wie alt oder jung du bist. Ich lerne sogar Teenager kennen, die sich für diese Aspekte des menschlichen Daseins interessieren.

Sie sehen jung und gesund aus, wollten ab Frühjahr 2021 auf Welttournee gehen. Wird wohl nichts, oder?

Verdammt, ja. Und wie. Ich fühle mich lebendiger als je zuvor im Leben. Die Band ist in Topform, wir alle sind auf dem absoluten Höhepunkt unseres Schaffens. Es ist frustrierend für uns, aktuell nicht machen zu können, worin wir am besten sind. Aber ich kann Ihnen versprechen: Wenn wir wieder rauskommen, wird es eine Explosion geben auf der Bühne.

Das Gespräch führte Steffen Rüth.

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