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Von Augusts Lakai aus Afrika und Indianern: Dresden war Hochburg der Menschenschauen

Das Stadtmuseum nimmt die koloniale Vergangenheit in den Blick und zeigt die Geschichte der Präsentation von „primitiven“ Menschen in Dresden.

Von Oliver Reinhard
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In keinem anderen Zoo fanden derart viele „Völkerschauen“ statt wie in Dresden. 1928 kam es zur letzten Ausstellung von Somaliern; das Bild entnahmen wir dem ausgezeichneten Begleitbuch zur Schau „Menschen anschauen“ aus dem Sandstein-Verlag.
In keinem anderen Zoo fanden derart viele „Völkerschauen“ statt wie in Dresden. 1928 kam es zur letzten Ausstellung von Somaliern; das Bild entnahmen wir dem ausgezeichneten Begleitbuch zur Schau „Menschen anschauen“ aus dem Sandstein-Verlag. © Sandstein-Verlag

Obwohl es in keinem deutschen Zoo so viele Völkerschauen gegeben hat wie in Dresden, ist das Thema nicht nur hier noch fast völlig unerforscht. Das Stadtmuseum und das Kunsthaus Dresden gehen nun mit dem ambitionierten Projekt „Menschen anschauen – Von Blicken zu Taten“ gemeinsam erste Schritte in diese Richtung. Ein Gespräch mit Museumsleiterin Christina Ludwig sowie mit Künstlerin und Kuratorin Su-Ran Sichling über die Chancen und Risiken, die eine Schau über Kolonialismus und Rassismus mit sich bringt.

Auch der Zirkus Sarrasani veranstaltete "Völkerschauen" und warb dafür mit Postkarten wie dieser aus dem Jahr 1921.
Auch der Zirkus Sarrasani veranstaltete "Völkerschauen" und warb dafür mit Postkarten wie dieser aus dem Jahr 1921. © Sandstein-Verlag

„Menschen anschauen“ zeigt, wie Menschen anderer Kulturen in Dresden zur Schau gestellt wurden. Wie kamen Sie auf das Thema?

Christina Ludwig: Im Naturalienkabinett Waldenburg bin ich auf die Geschichte der indigenen nordamerikanischen Würdenträger Ocktscha Rinscha und Tuski Stannaki gestoßen, die in ganz Europa präsentiert wurden. Als ich 2020 nach Dresden kam, habe ich entdeckt: Die beiden sind auch hier gewesen, sogar länger. Dann kam eins zum anderen, denn es war mir schon bekannt, dass es ethnologische Völkerschauen in den großen Zoos gegeben hat, auch in Dresden, aber das Thema war nicht nur hier noch nie intensiver behandelt worden.

Gab es in Dresden eine Besonderheit?

Ludwig: Es hat – nach aktuellem Forschungsstand – in keinem deutschen Zoo so viele Völkerschauen gegeben wie hier. Wir haben festgestellt: Das ist ein großes und spannendes Thema, zu dem es aber kaum Forschungen gibt. Also haben wir ein Forschungsprojekt dazu aufgelegt. Daraus ist ein Band über die Dresdner Völkerschauen entstanden und diese Ausstellung.

„Menschen anschauen“ ist ein eher ungewöhnliches Projekt für das Dresdner Stadtmuseum. Was genau war ihre Motivation, außer Forschungsinteresse?

Ludwig: Wir haben uns gefragt, welche Rolle das Stadtmuseum in der Erinnerungskultur spielt, die ich in Dresden als oft ziemlich eng geführt empfinde. Sie konzentriert sich auf wenige und sehr stadtmuseumstypische Themen, auf die Klassiker, wenn Sie so wollen. Aber um die Geschichte des Kolonialismus zum Beispiel kümmerte sich bislang niemand, keine einzige Institution, das Thema ist faktisch nicht vorhanden. Also haben wir uns gesagt: Wir können hier einen ersten Aufschlag machen und mit der Ausstellung auch eine Wegmarke setzen für die Auseinandersetzung mit Geschichte im 21. Jahrhundert.

1723 kaufte August der Starke die beiden ganzkörpertätowierten Native Americans Ocktscha Rinscha und Tuski Stannaki für seinen Hof und ließ sie in der Kreuzkirche taufen. Es ist wahrscheinlich, dass der ebenfalls tätowierte Körper der berühmten Figur des
1723 kaufte August der Starke die beiden ganzkörpertätowierten Native Americans Ocktscha Rinscha und Tuski Stannaki für seinen Hof und ließ sie in der Kreuzkirche taufen. Es ist wahrscheinlich, dass der ebenfalls tätowierte Körper der berühmten Figur des © Sandstein-Verlag

Wie könnte das aussehen?

Ludwig: Wir wollen mehr mit der Stadtgesellschaft zusammenarbeiten und gemeinsam Themen mehr Gehör schenken, die sich nicht vor allem auf die Vergangenheit fixieren, sondern zugleich auf Gegenwart und Zukunft.

Hat es Sie inspiriert, dass eine Vielzahl von Museen sich seit Jahren sehr intensiv auseinandersetzen mit ihrer kolonialen Vergangenheit?

Ludwig: Schon lange. Wir wussten aber auch, dass sich eine stadtgeschichtliche Ausstellung ebenso ausschließt wie eine rein kulturhistorische, weil man so diesem Thema unmöglich gerecht werden kann.

Deshalb wurde Kunst in die Ausstellung integriert und hat obendrein einen eigenen Raum bekommen?

Su-Ran Sichling: Ja. In der Gegenwartskunst und im Kunsthaus Dresden sind die Kolonialgeschichte und Blickwinkel dazu bereits seit vielen Jahren ein Thema. Wir haben uns entschieden, die Beziehungen zwischen dem kolonialen Blick und heutigem Rassismus anschaulich zu machen - und damit die künstlerischen Arbeiten als Interventionen in allen Räumen zu zeigen. Beides sind ja nicht nur Themen der Vergangenheit, sondern haben direkte Auswirkungen auf die Gegenwart.

Wie stellt man den Kolonial-Blick aus?

Sichling: Indem man weiße Künstler:innen einlädt, die sich mit dem Thema über eine Art selbstkritische Aufarbeitung ihrer weißen Herrschaftsperspektive auseinandersetzen. Etwa darüber, wie früher Kolonialmuseen mit anderen Völkern, deren Kultur und Eigentum umgegangen sind. Aber es gibt auch eine künstlerische Arbeit über den Fall von Oury Jalloh, der 2004 im Gefängnis Dessau unter bis heute ungeklärten Umständen zu Tode kam.

Postkarte von 1901: "Gruß von der Völkerwiese - Zoologischer Garten Dresden".
Postkarte von 1901: "Gruß von der Völkerwiese - Zoologischer Garten Dresden". © Sandstein-Verlag

Der Ort der Ausstellung bleibt dennoch ein Stadtmuseum. Welche Rolle spielen Dresden und die Region in ihren künstlerischen Reflexionen?

Sichling: Einige Arbeiten widmen sich der Wendezeit mit lokalen Verortungen und setzen sich mit den Fragen auseinander: Was ist da eigentlich passiert? Was ist hier und anderswo in Ostdeutschland geschehen mit Vertragsarbeiter:innen und deren Kindern? Welche Erfahrungen haben sie gemacht mit Rassismus, und welche Auswirkungen hatte das auf die zweite Generation? Aber auch: Wie gehen die Familien mit dem kolonialen Erbe um?

Für viele Menschen ist die deutsche koloniale Vergangenheit sehr weit weg. Haben Sie Schwierigkeiten, deren Nähe zu vermitteln?

Sichling: Er scheint nicht nur weit weg zu sein. Wenn man sich damit beschäftigt, wird man außerdem mit dem Argument konfrontiert, der deutsche Kolonialismus sei im Vergleich zum Kolonialismus von etwa England, Belgien und Frankreich auch weniger bedeutend und nicht so schlimm gewesen. Was so natürlich nicht stimmt. Europa war sozusagen ein kolonialer Verbund, ein System, das alle Länder geprägt hat im Denken, im Handeln und in den Beziehungen, die sie aufgebaut haben. Das ist, glaube ich, vielen Leuten nicht bewusst.

Zoobesucher mustern 1906 die Bewohner eines "Afrikanischen Dorfes" - und diese mustern zurück.
Zoobesucher mustern 1906 die Bewohner eines "Afrikanischen Dorfes" - und diese mustern zurück. © Sandstein-Verlag

Welche Inhalte wurden in den Völkerschauen transportiert?

Ludwig: Wir haben uns gefragt, warum diese Schauen derart reizvoll für so viele Menschen waren, abgesehen davon, dass sie dort „Exotik“ gesehen haben, andere Kulturen und scheinbar andere Welten. Man hat sich das aber auch deshalb angesehen, weil dort etwas gezeigt wurde, das als andersartig empfunden wird. Und wir konstruieren dieses Andersartige, um uns selbst zu definieren.

Was genau hieß das damals?

Ludwig: Dass wir Menschen und Völker gesehen haben, die wir gegenüber uns hoch entwickelten Europäer:innen als unterentwickelt betrachtet haben. Und als etwas, das vermeintlich nicht hierhergehört. Ein Denken in Klischees und Stereotypen, das bis heute nachwirkt. Eben das wurde durch diese Perspektive geprägt: Alles, was nicht aus Europa kommt, sei primitiv und minderwertig. Das hat umso besser gewirkt, weil es nicht vordergründig vermittelt wurde, sondern eher unterschwellig.

Sichling: Der Kolonialismus brauchte seine Rechtfertigung, und das war die Vorstellung von der Überlegenheit weißer Menschen. Das ging Hand in Hand mit den Völkerschauen, dort sollte die Unterlegenheit der anderen sozusagen an lebenden Objekten immer wieder belegt werden.

„Vom Blick zur Tat“ ist die Ausstellung untertitelt: der Blick auf angeblich niedere Menschen als Legitimation für die Tat der Ausbeutung?

Ludwig: Das fand auch schon weniger drastisch statt: Damals mussten sich einige ausgestellte Menschen anfassen lassen von Leuten, die wissen wollten, wie sich schwarze Haut anfühlt. Besonders gerne wurden dabei die Haare berührt, wie es manche Leute noch heute mit Schwarzen Menschen machen.

"Kammermohr", Leibhusar und Heiduk des Grafen Brühl am Hofe Augusts des Starken.
"Kammermohr", Leibhusar und Heiduk des Grafen Brühl am Hofe Augusts des Starken. © Sandstein-Verlag

Hatte diese Zurschaustellung ihren Ursprung schon vor den Völkerschauen? Dass sich Herrscher wie August der Starke sogenannte Kammermohren hielten, ist ja bekannt.

Ludwig: Das Phänomen der „exotischen“ Hofhaltung begann noch früher. Der Erste von vielen sogenannten „Kammermohren“ am sächsischen Hof lässt sich schon im 17. Jahrhundert nachweisen. Die Herrschenden zeigten damit die Internationalität ihres Hofes und natürlich, dass man sich so etwas leisten konnte.

Und um zu demonstrieren, dass die heimische Kultur überlegen ist?

Ludwig: Natürlich. Ein Beispiel dafür ist das eingangs genannte Schicksal von Ocktscha Rinscha und Tuski Stannaki, native Americans, die von einem Sklavenhändler gegen Eintritt in Europa präsentiert wurden, weil sie ganzkörpertätowiert waren. 1723 kaufte sie August der Starke für seinen Hof. Dort wirkten höfisches Prestige und kulturelles Überlegenheitsdenken zusammen: Es war August sehr wichtig, dass Ocktscha Rinscha und Tuski Stannaki in der Kreuzkirche getauft wurden, also sich der christlich-abendländischen Kultur unterwarfen.

Sie bekamen also auch deutsche Namen?

Ludwig: Ja. Es ist übrigens wahrscheinlich, dass die berühmte Figur des Schwarzen mit der Smaragdstufe im Grünen Gewölbe ein Abbild der beiden ist. Wenn man sich die Skulptur anschaut, sieht man genau, dass sie tätowiert ist – und sie wurde genau in den Monaten angefertigt, als Rinscha und Stanmaki am Dresdner Hof waren.

1921 wurde im Dresdner Zoo sogar ein Film gedreht, er hieß "Die Rache der Afrikanerin".
1921 wurde im Dresdner Zoo sogar ein Film gedreht, er hieß "Die Rache der Afrikanerin". © Sandstein-Verlag

Die Ausstellung schildert, wie Menschenschauen im Zoo, auf der Vogelwiese, im Zirkus Sarrasani, im Karl-May-Museum Massenkultur wurden. Anders gesagt: Wie weiße Menschen auf Nichtweiße geschaut haben. Wie haben Sie den Blick der damals Betroffenen in die Schau integriert, also der Nichtweißen?

Ludwig: Es gibt leider kaum Selbstzeugnisse von Betroffenen. Eine Ausnahme ist das Tagebuch von Abraham Ulrikab, einem Inuk, der 1880/81 in Hagenbecks Tierpark ausgestellt wurde. Ulrikab hat sehr darunter gelitten, dass er Menschenmassen präsentiert wurde, die ihn als primitiv betrachteten. Aber wir versuchen, die Perspektive der Nachkommen dieser Menschen aus den Herkunftsländern zu integrieren, wir haben bereits Kontakte geknüpft. Unsere Schau ist ein offenes Konzept, das jederzeit erweitert werden kann und soll.

Was ja keine Perspektive der Betroffenen ist …

Sichling: Nein, wir gehen auch offen damit um, dass es hauptsächlich weiße Kuratorinnen sind, und das Thema eben vorwiegend aus dieser Perspektive betrachtet wird.

Ludwig: Deswegen sind wir froh, dass wir Schwarze Menschen als Berater:innen gewinnen konnten, gerade für die schwierige Aufgabe, wie wir mit unseren Objekten umgehen. Für viele Besuchende sind die meisten eher harmlose Gegenstände, wie wir sie aus Museen halt kennen. Für andere sind viele Objekte aber hochgradig kontaminiert, es löst bei ihnen Betroffenheit aus.

Sichling: Auch über die beteiligten Künstler:innen war es möglich, die Innenperspektive von potenziell Betroffenen in die Ausstellung zu holen. Sodass man sich damit auseinandersetzen kann, wenn man möchte: Wie fühlt sich das Thema der Menschenschauen für Nichtweiße an? Wie gehen Künstlerinnen und Künstler, die in Deutschland geboren wurden und nicht weiß sind, damit um? Warum ist es für manche Menschen schmerzhaft, wenn sie bestimmte Objekte sehen?

Was erhoffen Sie sich – außer viel Publikumszuspruch – am meisten von Ihrer Schau über Menschenschauen?

Ludwig: Dass dieses Museum vielleicht als neutraler Raum begriffen werden kann, fernab von allem Alltagspolitischen. Ein Ort, an dem man sich anhand von dieser Ausstellung und den Objekten und überhaupt des Themas Menschenschauen mal wieder darin ausprobieren kann, eine andere Perspektive als die eigene anzunehmen. Ich finde, dass wir es vielfach verlernt haben, uns unvoreingenommen für die Meinungen anderer zu interessieren. Also auch dafür, warum da jemand ganz anders als ich auf diese Ausstellung schaut und sie etwas ganz anders in ihm auslöst.

  • Die Ausstellung "Menschen anschauen - von Blicken zu Taten" ist eine Kooperation mit dem Kunsthaus Dresden bis zum 7. Juli 2024 zu sehen im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Str. 2