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Wanderer im Blättermeer

Der Caspar-David-Friedrich-Weg ist ein abwechslungsreicher Steig. Seit dem Unwetter im Juli ist ein Teil gesperrt, aber es gibt eine lohnende Variante.

Dieses großartige Panorama der Sächsischen Schweiz bietet sich am Caspar-David-Friedrich-Weg. Der Originalweg wird mit 15 km Länge angegeben, bei der Variante über die Kleine Bastei kommen gefühlt 5 km hinzu.
Dieses großartige Panorama der Sächsischen Schweiz bietet sich am Caspar-David-Friedrich-Weg. Der Originalweg wird mit 15 km Länge angegeben, bei der Variante über die Kleine Bastei kommen gefühlt 5 km hinzu. © ronaldbonss.com

Napoleon ist schuld: Nicht ganz freiwillig verbrachte Caspar David Friedrich (CDF) 1813 mehrere Monate im beschaulichen Ort Krippen. In der Sächsischen Schweiz war er vorher schon öfter, hatte im Uttewalder Grund gehaust und den Lilienstein gezeichnet. Nun also Krippen.

Der Ort ist heutzutage gut mit der S-Bahn zu erreichen, per Auto oder mit dem Fahrrad, das man am Spielplatz an der Fähre parken kann. Dort steht die erste Tafel mit den Basis-Informationen über den großen Romantiker und den Wegverlauf. Zwei weitere Tafeln, nicht im besten Zustand, aber noch lesbar, stehen am Elberadweg Richtung Tschechien. Eine berichtet davon, dass Friedrich hier am 27. September 1802 den Liliensteinblick gezeichnet hat, also lange bevor Napoleon ihn 1813 aus Dresden vertrieb. Auf der anderen werden die Sandsteinbrüche betrachtet, einst wichtiger Erwerbszweig im Elbtal. Vor mehr als 100 Jahren wurden sie stillgelegt.

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Sobald man unter der Eisenbahntrasse hindurch und über eine schmale Treppe mit Geländer den Hang hinaufgekraxelt ist, wird es einsam. Gut beraten ist, wer lange Hosen trägt und sich mit Insektenspray schützt. Denn der schmale, schattige Pfad führt durch hohes Gras und dichten Farn. Zeckenalarm! Ein Scherzbold hat einen Wanderschuh auf dem Wegweiser postiert. Der andere Schuh ist wahrscheinlich in einem der Schlammlöcher steckengeblieben – an der fünften oder sechsten Tafel. Haben sich kunstsinnige Wildschweine hier weitergebildet? Menschen scheinen eher selten diesen Weg zu wandern. Die Autorin ist ihn zweimal gegangen, zuletzt am Samstag, und war meist allein auf weiter Flur. Wenige Tage nach der ersten Tour im Juli zerstörte ein Unwetter einen Abschnitt des CDF-Weges, den Hirschgrund. „Die Straße wird Jahre gesperrt bleiben müssen“, sagt der Bürgermeister von Reinhardtsdorf-Schöna, Andreas Heine, und er rät auch Wanderern davon ab, sie zu gehen.

Zum Glück gibt es eine Alternativroute: Am Abzweig hinter der sechsten Infotafel ignoriert man den CDF-Weg und geht den Mittelhangweg zur Kleinen Bastei. Der Weg ist zunächst gemütlich. Die Ausblicke sind ein wenig besser als dort, wo man Friedrichs Zeichnungen mit der Natur abgleichen soll, doch nur dichtes Grün vor Augen hat. Dass der Wald nun lichter ist, dafür sorgt leider auch der Borkenkäfer.

Die Kleine Bastei muss man sich erkämpfen. Denn der kurze, steile Anstieg war beim Unwetter zum Sturzbach geworden. Das Wasser hat den Pfad ausgespült, Bäume liegen quer. Er ist dennoch begeh- und bis auf eine Stelle auch erkennbar. Verlaufen kann man sich nicht. Im Zweifelsfalle: Immer aufwärts, bis man wieder den Weg unter den Füßen hat! Oberhalb der Kleinen Bastei muss man sich zunächst links (blaue Markierung!) durchs Gebüsch schlagen, bis der Weg breiter wird, um am nächsten Abzweig komplett zu verschwinden. Am Waldrand gibt es eine letzte Markierung. Zumindest die Richtung ist eindeutig angezeigt: Ab durchs Gras! Es lohnt sich, hin und wieder stehenzubleiben, sich um die eigene Achse zu drehen und die Aussicht zu genießen. Was für ein Panorama! Falkenstein, Schrammsteine, alles da, was das andere Elbufer zu bieten hat. Auch der Zirkelstein und als nächstes Etappenziel die Kaiserkrone sind in Sicht.

Links die Kaiserkrone, rechts der Zirkelstein, davor Reinhardtsdorf-Schöna .
Links die Kaiserkrone, rechts der Zirkelstein, davor Reinhardtsdorf-Schöna . © ronaldbonss.com

In Reinhardtsdorf hat das Unwetter Straßen unterspült, aber die Einwohner arbeiten fleißig an der Beseitigung der Schäden. Zu Fuß kommt man fast überallhin, wenn auch nicht immer auf direktem Weg. Nächstes Ziel ist die Kaiserkrone. Tafel Nummer 8 am Fuß des Berges weist auf den Felsblock, auf den Caspar David Friedrich im Jahr 1818 den „Wanderer über dem Nebelmeer“ stellte, jenes berühmte Bild, auf dem aus dem Nebel die Tafelberge der Sächsischen und Böhmischen Schweiz auftauchen. Geografisch haut das alles nicht hin, es ist eine Ideallandschaft, die der Künstler da als eine beeindruckende Aussicht malte. Trotzdem: Stock gesucht im Wald, auf den Felsen gekraxelt und Pose eingenommen. Das Foto muss gemacht werden, und sei es nur, um mit der Frage „Wo bin ich?“ zu testen, ob bei diesem Anblick jemand an den „Wanderer über dem Nebelmeer“ denkt. Um das Bild im Original zu sehen, muss man nach Hamburg reisen.

Denkt bei diesem Anblick jemand an Caspar David Friedrich? Unterhalb der Kaiserkrone steht dieser Felsblock, auf den er einst seinen „Wanderer über dem Nebelmeer“ stellte. Foto: Ronald Bonss
Denkt bei diesem Anblick jemand an Caspar David Friedrich? Unterhalb der Kaiserkrone steht dieser Felsblock, auf den er einst seinen „Wanderer über dem Nebelmeer“ stellte. Foto: Ronald Bonss © ronaldbonss.com

Tolle Aussichten – und also auch tolle Fotomotive – bietet die felsige Kaiserkrone. Den Rundumblick sollte man genießen, ehe man hinüber zum Wolfsberg wandert. Die Tafel am Wolfsberg zeigt Gemälde, zu denen sich Friedrich in der Sächsischen Schweiz inspirieren ließ. Sie erzählt aus seinem Leben für jene, die aus anderen Richtungen kommen, was der CDF-Weg-Wanderer in Krippen schon gelesen hat. Rauf zum Hotel kann gehen, wer Hunger und Durst und nichts im Rucksack hat.

Beim Abstieg runter nach Reinhardtsdorf hat man noch einmal das Felsenpanorama der anderen Elbseite vor Augen. Einfach zauberhaft, wie gemalt! Am Ende des Dorfes beginnt der Wald am Krippenberg. Schattig schlängelt sich der Weg am Hang entlang, führt am Steinbruch vorbei, in dem auch heute noch Künstler Figuren aus dem Sandstein hauen. Eine Tafel verweist auf Friedrichs Baumstudien, die kleine Felskanzel ist mit einem Geländer gesichert. Aber was sieht man? Bäume und Wald am gegenüberliegenden Hang, Wald und Bäume. Nun ja. Immerhin ist es tröstlich, dass da überhaupt noch Bäume stehen, so wie das Elbsandsteingebirge unterm Borkenkäfer leidet.

Nach Krippen hinab führen schließlich drei Wege. Der Malerweg ist der längste, den abkürzt, wer direkt zur Grundmühle geht. Der Weg zur Fähre ist der kürzeste. An diesem Pfad steht dann auch die letzte Info-Tafel. Nun endlich: „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“. Ausgerechnet diese Stelle soll ihn dazu inspiriert haben? Kann man glauben, muss man aber nicht.

In Krippen biegt man Richtung Elbe auf den Bächelweg ein, der am Samstag so aussah, als hätte es kein Unwetter gegeben. Auf Schritt und Tritt sieht man, was die Stunde geschlagen hat. Viele der Krippener Sonnenuhren sind in dieser Gasse angebracht, mehrere allein im Garten des Mannes, der den Sonnenuhrenweg initiierte.

Aber was ist das? Seit wann gehen Sonnenuhren nach? Seit es Sommer- und Winterzeit gibt! Einige der Krippener Uhren sind schon für jede Jahreszeit geeicht. Und das Beste: Keine Uhr gleicht der anderen. Jede erzählt auf amüsante und sehenswerte Weise etwas über die Geschichte des jeweiligen Hauses oder über die Handwerker im Ort: Schmied und Imker, Maler und Schiffer, Fleischer, Brauer, Schuster ... Texttafeln mit ergänzenden Informationen zu den Uhren machen die Wandertour zum Abschluss noch einmal zu einer erfrischenden Bildungsreise ins Reich der Zeitmesser.

Ein halber Tag ist knapp bemessen, um Caspar David Friedrichs Spuren zu folgen, vor allem dann, wenn man den Umweg über die Kleine Bastei nimmt. Genusswanderer werden es nicht bereuen, sich Zeit zu nehmen für Pausen an den spektakulären Aussichtspunkten auf diesem abwechslungsreichen Wanderweg.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann seine Ein- und Ausblicke in die Landschaftsmalerei auf dem 115 Kilometer langen Malerweg vertiefen. Sollte es mal wieder ausdauernd regnen, dann ist ein Museumsbesuch im Dresdner Albertinum, wo originale Gemälde von Caspar David Friedrich und den anderen Landschaftsmalern und Entdeckern der Sächsischen Schweiz zu bewundern sind, die perfekte Alternative. Vorausgesetzt, das Albertinum öffnet wieder täglich für Besucher und nicht – wie derzeit – nur am Wochenende.

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