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Warum sich Tom Pauls mal wie Hampelmann vorkam

Tom Pauls erzählt in seinem neuen Buch vom Leben auf und hinter der Bühne. Heute: Wie ein noch 1989 brisanter „Faust“ dann 1990 floppte.

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Tom Pauls hat schon viele Figuren charakterisiert und Situationen pointiert gestaltet – ob 1989 im „Faust“ oder wie hier 2019 als Moderator des Deutschen Karikaturenpreises.
Tom Pauls hat schon viele Figuren charakterisiert und Situationen pointiert gestaltet – ob 1989 im „Faust“ oder wie hier 2019 als Moderator des Deutschen Karikaturenpreises. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Von Tom Pauls

Anfang 1989 begann wir im Großen Haus in Dresden einen neuen „Faust“ zu proben. Regisseur Wolfgang Engel ging das Projekt mit einer Energie der Selbstverausgabung an, die unerschöpflich schien. Noch einmal sollte diese Inszenierung die DDR ganz und gar betreffen und das Publikum betroffen machen. Ein Mammutprojekt für drei Abende und 12.000 Verse.

Ich sollte neben dem Erdgeist verschiedene Rollen spielen: Schüler, Zuhälter, Dichter, Gärtner und den Homunculus. Bei Goethe tritt der Homunculus mit einem Leuchten in der Phiole in Erscheinung. Wolfgang Engel verlangte von mir, dass ich mit einem Fernseher aus Plexiglas auf dem Kopf auftreten sollte. In dem Fernseher war allerdings nicht mein Gesicht zu sehen, sondern ein Gehirn. In diesem Gehirn steckte mein Kopf, das ganze Gegenteil vom Üblichen, denn eigentlich steckt ja bekanntlich das Gehirn im Kopf. Ich sah durch Sehschlitze in den Gehirnwindungen nach außen, um mich wenigstens irgendwie auf der Bühne orientieren zu können. So stolperte ich gesichtslos mit dem Kasten, der affenschwer auf meinem Schädel saß, los. Ich durfte auch meine Arme nicht bewegen, sondern trat wie ein gefesselter Hampelmann ins Licht. Der Regisseur hatte das sehr genau bedacht, er wollte mich schon längst nicht mehr sehen, nahm mir Mimik und Gestik, was für einen Schauspieler den darstellerischen Tod bedeutet.

Tolle Regie-Idee: Osterspaziergang nur mit Tieren

Wolfgang Engel formulierte immer höhere Ansprüche, kam mit immer neuen Ideen. Der Osterspaziergang sollte beispielsweise plötzlich ausschließlich mit Tieren dargestellt werden. Alle Darstellerinnen und Darsteller verwandelten sich in verschiedene Viecher. Ich mutierte zu einem Dackel. Für das Umsetzen dieser animalischen Vorstellung, wurde für ein Spitzenhonorar in harter DM-Währung eine gewisse Frau Bergese aus West-Berlin eingeflogen. Von Freitagvormittag bis Sonntagmittag fand der „Workshop“ statt. Den Kurs kündigte Wolfgang Engel mit gewaltigem Pomp an: „Denkt daran, am Wochenende kommt der internationale Tanzstar Frau Bergese, sie kann alle Tiere dieser Welt. Das wird sensationell, ihr könnt nur lernen! Das ist eine Pflichtveranstaltung.“

Allerdings hatte ich gemeinsam mit meinen beiden Zwinger-Trio-Kollegen Jürgen Haase und Peter Kube einen genehmigten Urlaubsschein. Engel meinte, das sei undenkbar: „Das kommt überhaupt nicht infrage!“ Wir zeigten die Genehmigung samt Unterschrift des Intendanten. Der hatte die freien Tage bestätigt, denn wir besaßen einen unterschriebenen Vertrag für ein Engagement in Hessen.

Als wir am Montag zu den „Faust“-Proben zurückkehrten, quälte uns das schlechte Gewissen. Vielleicht hatten wir ja wirklich etwas Entscheidendes verpasst. Wir verteilten an die Kolleginnen und Kollegen Weintrauben und Bananen, Duplo und Schogetten, die wir von unserer Wochenend-Westtournee mitgebracht hatten. Doch irgendwie wollte keine Freude aufkommen. Alle sahen uns merkwürdig betrübt an. Ich fragte einen der Kollegen: „Wie war es denn am Wochenende mit Frau Bergese?“ Der Kollege antwortete: „Frag nicht, hör bloß auf. Ich möchte darüber nicht reden.“ Ich fragte einen anderen: „Nun sag doch mal, wie war es denn nun?“ Er: „So einen Quatsch habe ich mein ganzes Leben noch nicht mitmachen müssen.“ Ich fragte: „Was habt ihr denn gemacht?“ Er: „Was sollen wir denn gemacht haben. Wir haben die Welt umarmt. Wir standen auf einem Bein, haben geatmet, gehechelt und geschrien.“ Dann stieß er einen merkwürdigen Laut aus: „Ahahahahahahhhhhhhh.“ Plötzlich nahm er eine der Bananen und schmiss sie an die Wand. Wir waren froh, dass wir das Wochenende in Goethes Geburtsland verlebt hatten – ganz ohne Weltumarmung.

Schauspieler-Mut: Abends aus den Rollen getreten

Während wir im Theater wie in einem Bunker mit „Faust“ danach suchten, was die Welt im Innersten zusammenhält, sahen wir, wie sie draußen vor den Fenstern t. Wir wurden immer unruhiger. Wenn ich nicht auf der Bühne stand oder probte, habe ich mir die Vorstellungen der anderen mit angesehen, um im Publikum zu sein und meine Kollegen zu unterstützen. So auch am Abend des 6. Oktober 1989. Ich fuhr ins Kleine Haus.

Dort angekommen, trat ich nach der Vorstellung „Spiel’s noch mal, Sam“ mit dem Ensemble und vielen Mitgliedern des Staatsschauspiels vor das Publikum. Wir verlasen die Resolution, die mit den Worten beginnt: „Wir treten aus unseren Rollen heraus. Die Situation in unserem Land zwingt uns dazu.“ Am Abend des 8. Oktober verlor der SED-Staat seinen Alleinvertretungsanspruch: Auf der Prager Straße formierte sich aus Tausenden die „Gruppe der 20“, Bürger, mit denen am folgenden Morgen im Dresdner Rathaus die SED in den Dialog treten musste.

Am 28. August 1990 fand die „Faust“-Premiere statt. Wolfgang Engel sagte viele Jahre später: „Als wir probierten, dachten wir bei manchen Szenen: Wenn das jemand sieht, werden wir alle verhaftet; das können wir nie spielen. Als wir es dann aufführten, wirkten die gleichen Szenen wie ein veraltetes Kabarettprogramm.“ Und es fehlte das Publikum.

  • Das Buch: „Tom Pauls – Macht Theater. Ein Stück vom Leben.“ Aufbau-Verlag, 244 Seiten, 20 Euro.