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Werden Christa Wolf und Heiner Müller überschätzt?

Bitte mal nicht grummelig: Der gebürtige sächsische Publizist Marko Martin will die „Kultur des Ostens“ neu entdecken.

DDR-Punks wie diesen beiden im Berlin des Jahres 1985 gilt Marko Martins besondere Sympathie. Weil sie es, anders als die Mehrheit der Musiker und Künstler, gewagt haben, „dem Staat ... direkt entgegenzuschreien, was sie von all dem hielten“.
DDR-Punks wie diesen beiden im Berlin des Jahres 1985 gilt Marko Martins besondere Sympathie. Weil sie es, anders als die Mehrheit der Musiker und Künstler, gewagt haben, „dem Staat ... direkt entgegenzuschreien, was sie von all dem hielten“. © imago

Von Michael Bittner

Ein Oppositioneller in der DDR war der Sachse Marko Martin gleichsam schon von Geburt. Sein Vater hatte wegen Wehrdienstverweigerung im Gefängnis gesessen, Marko verweigerte ebenfalls und brachte sich so um die Chance auf ein Studium. Die ganze Familie stellte einen Ausreiseantrag. Im Mai 1989 konnte Marko Martin in den Westen übersiedeln. Er nutzte die neue Freiheit, um in den folgenden Jahrzehnten als Reiseschriftsteller die Welt zu erkunden, und verteidigte als politischer Publizist die liberale Demokratie.

Es ist angesichts dieser Erfahrungen verständlich, dass Martin in seinem Buch „Die verdrängte Zeit“ auf die Kulturgeschichte der DDR nicht ohne Zorn und Eifer blickt. Sein Text ist persönlich und bisweilen polemisch, seine Auswahl aus der Masse der ostdeutschen Künstlerinnen und Künstler bewusst einseitig. Anregend und unterhaltsam ist Martins essayistische Mischung aus persönlicher Erinnerung, Reportage und Kulturkritik dabei ohne Zweifel. Da in der „Inzucht-Welt“ der DDR-Kultur ohnehin alle mit allen schrieben, stritten, schliefen und soffen, folgt Martin in seinem Erzählen einfach den Assoziationen und Affinitäten: Von Ulrich Plenzdorfs Edgar Wibeau geht es zur „Legende von Paul und Paula“ geht es zu Dieter „Maschine“ Birr geht es zu den Verbotsfilmen von 1965 geht es zu Reiner Kunzes „Wunderbaren Jahren“ und immer so fort.

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Ein Lob für den Mut der Ost-Punker

Von Büchern mit ähnlichem Thema setzt Martin sich deutlich ab: Er hat nicht nur für DDR-Ostalgie nichts übrig, er betrachtet sein Buch auch nicht als Beitrag zur Bewahrung irgendeiner ostdeutschen „Identität“. Warum dann aber überhaupt ein Buch über die Kultur der DDR? Weil Martin glaubt, dass im Osten Werke von „universeller Gültigkeit“ geschaffen wurden, die dem west- und neudeutschen Blick bislang vielfach entgangen sind. Das liegt seiner Ansicht nach daran, dass selbst jene im Westen, denen der Osten nicht gleichgültig war, sich vielfach für das Falsche interessierten: „Was, wenn auch in Teilen des Westens bestimmte Ost-Erfahrungen nur dann en vogue blieben, wenn sich aus ihnen zumindest noch ein Fitzelchen an sozialistischer Utopie-Hoffnung herauslesen ließ und der DDR-Alltag wenigstens noch ein bisschen leuchten durfte?“

Gerade den „großen Namen“ schenkt Martin weniger Beachtung als gewöhnlich. Die Sozialisten Christa Wolf, Heiner Müller und Volker Braun seien überschätzt, weil sie „ein gewisses, sich als progressiv-links verstehendes West-Bedürfnis“ befriedigten, „die DDR weiterhin als Gegenentwurf wahrnehmen zu können, ohne dabei deren konkreter Wirklichkeit allzu nahekommen zu müssen“. Das Werk des kommunistischen Dichters Peter Hacks spielt konsequenterweise gar keine Rolle. Stattdessen rückt Martin radikale Gegner der DDR wie den Autor Jürgen Fuchs in den Mittelpunkt. Besonderes Lob für ihre Kompromisslosigkeit erhalten auch die Punk-Musiker der Achtziger: „Ihre wunderbaren Jahre waren auch deshalb so schmerzlich schön gewesen, weil sie es – anders als die Mehrheit ihrer Musikerkollegen und anderer Künstler – gewagt hatten, dem Staat und seinem zum Staatsvolk gemachten ‚unseren Menschen‘ direkt entgegenzuschreien, was sie von all dem hielten.“

Ganz mit Recht widmet Martin besonders viel Raum Autoren, die sich in ihrem Schaffen mit dem „Alltagsrassismus“ und dem staatlich angeheizten „Antizionismus“ der DDR sowie anderen schlechten Kontinuitäten der deutschen Geschichte auseinandersetzten – so etwa Chaim Noll, der zum Judentum zurückgekehrte Sohn des Staatsschriftstellers Dieter Noll. Aber Martin richtet den Blick auch auf Kunst, die weder gegen noch für den Sozialismus agitierte, sondern sich so weit als möglich aller Ideologie enthielt. So plädiert er etwa für eine Wiederentdeckung des Kriminalautors Wolfgang Schreyer, lobt die kenntnisreichen und unkonventionellen Indianerromane von Liselotte Welskopf-Henrich oder schwärmt von den Kinderbüchern von Benno Pludra.

Was soll das nur mit dem "Dritten Weg"?

Martins eigener ideologischer Ausgangspunkt ist die Totalitarismustheorie, die in Faschismus und Sozialismus nur zwei Varianten der gleichen Sehnsucht nach Autorität und Kollektiv erblickt. So entdeckt er in Christa Wolfs Schriften einen illiberalen Kulturpessimismus, der dem des westdeutschen Neurechten Botho Strauß ähnele. Dass ein antisozialistischer Dissident wie Ulrich Schacht nach Rechtsaußen rutschte, bleibt für Martins Hufeisentheorie hingegen ein unbegreifliches „Paradox“. Nicht einen Funken Verständnis hat er für all jene, die in der tristen Realität der DDR und noch danach die Hoffnung auf den „Dritten Weg“ eines reformierten Sozialismus nicht aufgeben wollten. So wird etwa Tamara Danz, früh verstorbene Sängerin der Rockband „Silly“, als „Jeanne d’Arc der Kapitalismuskritik“ verspottet.

Dass die Wiedervereinigung für Millionen Ostdeutsche kein reines Glück war, sondern auch schlechte Folgen hatte, verschleiert Marko Martin mit der Phrase „Verwerfungen“. Hat womöglich Gott die Wendeverlierer verworfen? Oder wurden sie Opfer einer tektonischen Verwerfung? Der weltgewandte Erfolgsmensch Marko Martin hat für die „grummelnde Ostigkeit“ dieser Leute kaum eine Zeile übrig.

So dürfte das Buch „Die verdrängte Zeit“ die Leserschaft in Ost wie West in Bewunderer und Verächter spalten. Vermutlich ganz im Sinne des Autors, dem nichts mehr zuwider ist als Einförmigkeit.

Marko Martin: Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens. Tropen-Verlag, 432 Seiten, 24 Euro

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