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Wiedervereinigung war sein letztes Wort

Der Berliner „Tatort“ versteht sich als Beitrag zum Einheitsjubiläum und verhebt sich dabei.

Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) finden Klaus Keller (Rolf Becker) an seinem 90. Geburtstag tot auf. Um seinen Hals hängt eine seltsame Nachricht, dass er zu feige gewesen sei, für sein Land zu kämpfen.
Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) finden Klaus Keller (Rolf Becker) an seinem 90. Geburtstag tot auf. Um seinen Hals hängt eine seltsame Nachricht, dass er zu feige gewesen sei, für sein Land zu kämpfen. © ARD

Wieder einmal müssen zwei Ost-West-Brüder her, um ein deutsch-deutsches Familiendrama aufzustrippen. Westbruder Klaus kommt als Baulöwe zu Reichtum und Ansehen. Ostbruder Gert macht bei der Stasi Karriere und dreht nach der Einheit Däumchen. Autor Christoph Darnstädt setzt noch einen drauf. Westsohn Michael übernimmt Vaters Firma und schwelgt im Wohlstand. Ostsohn Fredo verliert nach 1989 seinen Posten im VEB-Kunstverlag und wird Mitglied einer völkischen Partei. Klischee reiht sich an Klischee. Man möchte als Zuschauer davonlaufen. Gäbe es da nicht das dunkle Geheimnis der Brüder und das spannend verschachtelte Herausrücken mit der Wahrheit.

Außerdem ist der Berliner „Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht“ mit Darstellern wie Stefan Kurt, Jörg Schüttauf oder Rolf Becker glänzend besetzt. Eine Freude, ihnen beim fein ziselierten Spiel zuzusehen. In ihrem zwölften Fall stellen sich die Kommissare Nina Rubin und Robert Karow zwar mehr als einfältig an, spielen aber bühnenreif. So entschieden wie fassungslos, sah man Meret Becker lange nicht. Schade, dass sie den „Tatort“ verlässt. Freilich übernimmt 2022 mit Corinna Harfouch eine ganz Große den Part. Mark Waschke, als Karow einsamer Wolf der Luxusklasse, lässt sich beim flotten Liebesflirt von einer kellnernden Studentin um den Finger wickeln.

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Die Geschichte der Brüder reicht in die braune Vergangenheit zurück. Beide waren Hitlerjungen, kamen früh in die SS und hängten einen 17-jährigen Wehrmachtsdeserteur auf. Banden ihm ein Schild um den Hals: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen.“ Besonders Westbruder Klaus trägt schwer an dieser Schuld, möchte ein Shoa-Archiv in Israel errichten. Daraus wird nichts. Nach seinem 90. Geburtstag zieht er spät die Konsequenz und erschießt sich. Die Kommissare vermuten Mord. Jeder Polizeipraktikant hätte zunächst auf Freitod untersucht. Klaus´ Enkel Moritz, vom „verwöhnten Rotzlümmel“ zum Antifa-Aktivisten mutiert, verdächtigt seinen geschäftstüchtigen Vater und legt fleißig falsche Fährten, um ihm den vermeintlichen Mord in die Schuhe zu schieben. Eine wilde Konstruktion.

Dieser überfrachtete Krimi zeigt Flagge gegen Krieg, Antisemitismus und neu aufziehenden braunen Sumpf. Versteht sich fristgemäß als Beitrag zum Einheits-Jubiläum, will des Guten zu viel und verhebt sich gründlich. Ostbruder Gert stammelt als letztes Wort „Wiedervereinigung“ und stürzt sich vom Klinikdach. Beide Brüder tot: Abrechnung mit deutscher Vergangenheit und deutscher Schuld leicht gemacht.

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