merken
PLUS Feuilleton

Wo nette Nazis Hortensien pflanzen

Die Bestsellerautorin Juli Zeh malt im neuen Roman "Über Menschen" ein Dorfpanorama mit einer überforderten Großstädterin in Corona-Zeiten.

Ein Zaun ist Statement und Abgrenzung in einem: Dieser Grundstücksbesitzer ist sicher ein origineller Patriot, oder mehr.
Ein Zaun ist Statement und Abgrenzung in einem: Dieser Grundstücksbesitzer ist sicher ein origineller Patriot, oder mehr. © dpa

Die Agrarwirtschaft bedeckt halb Brandenburg mit Plastikfolie für Spargel. Aber wehe, wer Cola mit Plastikhalm trinkt. Solche Widersprüche fallen Dora auf, seit sie aus dem Berliner Durchlauferhitzer aufs Land zog. Der Ortswechsel war weitsichtig vor Corona geplant. Mit Corona aber wurde der Alltag mit dem Partner Robert unerträglich. Der militante Grüne konvertierte zum Virusexperten und sah sich nun doppelt im Recht mit seiner Warnung vorm Weltuntergang. Er verbot Dora sogar den Hundespaziergang, die Ansteckungsgefahr sei zu groß. Sie rächte sich und warf Pfandflaschen in den Restmüll. Skandal! Die unterschiedliche Haltung zum Leben – er für strenge Regeln, sie für freies Denken – spitzte sich im Kreuzberger Luxusheimbüro so zu, dass Dora nur die Flucht blieb. Die Werbekampagne „Gutmensch“ für biologisch abbaubare Jeans kann eine erfolgreiche Texterin wie sie überall erfinden.

Das erste Kapitel in Juli Zehs neuem Roman ist eine blitzblanke Satire auf die apokalyptische Stimmung der Zeit. Wer später mal wissen will, was Corona bedeutet hat, findet hier einige Antworten. Die Geschichte beginnt im Frühjahr 2020 in Bracken, einem fiktiven Nest in der Brandenburger Provinz. Das Buch „Über Menschen“ variiert den Bestseller „Unterleuten“ mit aktuellen Aspekten. Die Autorin jubelt einem stämmigen AfD-Wähler die Erklärung des Titels unter: „In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben.“ Das muss die Mittdreißigerin Dora erst lernen. Sie gehört zu den Frauen, die sich ständig irgendetwas beweisen müssen. Nun schlittert sie in ihrem maroden Gutsverwalterhaus von einem Fiasko ins nächste. Allein würde sie wochenlang gegen den Unkrautwald im Vorgarten kämpfen und an der Haltestelle verdorren. Der Bus fährt dreimal täglich zum Einkaufs-Center, und das nur in der Schulzeit. „Kaum zu glauben, dass sich ein stinkreiches Land Regionen leisten kann, in denen es nichts gibt.“

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Juli Zeh legt nach ihrem Erfolgsroman "Unterleuten" nun nach.
Juli Zeh legt nach ihrem Erfolgsroman "Unterleuten" nun nach. © dpa

Die 46-jährige Autorin beschreibt ein allzu bekanntes Dorfpanorama, in dem weder Arzt noch Bäcker noch Post vorkommen, nur ein paar Windräder und Menschen wie Gote. „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“ So stellt sich Doras Nachbar vor, der Nachbar zur Rechten, was sonst. Der Glatzkopf ist vorbestraft wegen versuchten Totschlags an einem Linken-Pärchen, randaliert gegen „Pflanz-Kanacken“ und hisst die Deutschland-Fahne. Doch Gote bringt auch Doras Garten in Ordnung und stellt ihr selbstgebaute Möbel ins Haus, er nimmt sie mit zu den Kranichen und zeigt ihr die seltenen Kampfläufer, Vögel, die in „Unterleuten“ eine Rolle spielen. Und er liebt seine kleine Tochter. Zu dritt bilden sie fast so etwas wie eine Familie. Nach den Algorithmen der Partnerbörsen eine völlig unmögliche Konstellation, insistiert die Autorin.

Merke: Die Bösen sind nicht bloß böse. Offenbar hält Juli Zeh diese Belehrung für nötig. Sie bringt die eindimensionale Vorstellungswelt der linksgrünen Arzttochter Dora aus Münster in der Landschaft Brandenburgs arg ins Wanken. Das ist der Kern des Romans. Die Autorin zeigt, wie Vorurteile zerplatzen und die Realität mehr überzeugt als jedes Klischee. Dass einer das Horst-Wessel-Lied singen kann und trotzdem Hortensien lieben, schien für Dora undenkbar zu sein. Nun ereignet es sich nebenan. „Ihr Großstadttanten nennt jeden Nazi, der anderer Meinung ist“, blafft Nachbar Gote. Juli Zeh nennt gute Argumente für AfD-Wähler. Die Corona-Pandemie spielt ihnen in die Hände. Sie können weiter meckern auf „die da oben“ und brauchen nur zu warten, wie der Frust wächst. Die Verluste treffen auch die Mittelschicht. Die Agentur schickt Dora die Kündigung. Ihr Auftraggeber verschiebt die „Gutmensch“-Kampagne. Für das Tragikomische hat Juli Zeh einen Nerv.

Sie beschreibt, wie ein Kabarettist sein Programm vorführt, mit Trommelwirbel und Bühnennebel, für die Kamera zu Hause. Er spottet über Reichsbürger, die sich als Übermenschen fühlen und doch nur im Unterhemd am Campingtisch beim warmen Bier sitzen. „Ihr rettet nicht Deutschland. Ihr rettet die Feinripp-Industrie.“ Das Kabarett-Programm heißt wie der Roman „Über Menschen“. Das Buch hat großartige ironische Szenen und viele stimmige Dialoge. Juli Zeh ist vor Jahren mit ihrer Familie aufs Land gezogen und weiß, wie dort gedacht und geredet wird. Sie kennt wohl auch den „Rassismus-Stau“. So beschreibt Dora ihre Hilflosigkeit bei rassistischen Sprüchen. Sie will keine platten Argumente, und bessere hat sie nicht. Auf dem Dorf, lernt sie, kommt es nicht darauf an, Widersprüche zu lösen, sondern sie zu ertragen.

Anders als im vorigen Roman konzentriert sich die Autorin auf die Perspektive ihrer Hauptfigur. Es fällt schwer, diese Dora sympathisch zu finden. Als Gote ihr vorwirft, sich für was Besseres zu halten, entgegnet sie wütend: „Und ob ich was Besseres bin!“ Der Satz, denkt sie später, ist das Langzeitgift, das die Menschheit von innen zerfrisst. Solche moralisierenden Sätze finden sich mehrfach, und wer mag, kann sie sich an die Pinnwand zwecken. „Die Tragik unserer Epoche besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln“, meint Doras Vater. Er scheint direkt aus dem Ausschneidebogen für geniale Chirurgen zu stammen, ein Rotweintrinker und Klassikfreund, der Sushi mitbringt, wenn er im Jaguar zur Tochter fährt. Natürlich wird er ihr Geld borgen. Doch auch er kann Gote nicht helfen. Der Nachbar hat seine Krankheit lange verdrängt. Jetzt gibt ihm das Dorf ein Abschiedsfest. Bei Bier und Bratwurst verstehen sich alle mit allen, und es braucht schon Mut für ein solches Märchen.

  • Juli Zeh: Über Menschen. //Luchterhand Verlag, 416 Seiten, 22 Euro
    Hörbuch, gelesen von Anna Schudt. Der Hörverlag

Mehr zum Thema Feuilleton