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„In eine Schlagersendung will ich nicht“

BAP-Boss Wolfgang Niedecken spricht über seine neuen Songs, sein Leben und über seine Wut auf Populisten.

Wolfgang Niedecken und seine Kölschrock-Band haben jetzt ihr 20. Studioalbum veröffentlicht.
Wolfgang Niedecken und seine Kölschrock-Band haben jetzt ihr 20. Studioalbum veröffentlicht. © dpa/Oliver Berg

Familienidyll am Vormittag. Kurz vor der verabredeten Zeit zum Gespräch mit Wolfgang Niedecken (69) im „Café Butter“, einem Lokal im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, sitzt der Kölsch-Rocker schon gemütlich draußen beim Frühstück. Bei ihm Ehefrau Tina, die Töchter Isis, die ihren Anfang März geborenen Sohn Noah auf dem Arm hat, und Joana-Josephine sowie die putzige, aus Rumänien stammende Junghündin Numa. Anlass für das Treffen mit Niedecken ist „Alles fließt“, das 20 Studioalbum seiner Band BAP.

Herr Niedecken, machen Sie mit Ihren Liebsten Urlaub in Berlin?

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Wir helfen der Isis, unserer Ältesten, beim Umziehen. Tina und ich sind mit dem Auto hergefahren, zum ersten Mal seit Corona sind wir wieder raus aus Köln. Monatelang habe ich das Haus nur verlassen, um einmal am Tag mit dem Hund im Stadtwald zu laufen. Auch Joana-Josephine lebt in Berlin. Beide wohnen fußläufig entfernt, und deshalb gehen wir hier schon mal öfter hin.

Sie verbindet aber auch eine besondere Geschichte mit diesem Ort, oder?

Und ob! 1995 drehten wir hier, damals hieß es noch Café Eckstein, zusammen mit Bruce Springsteen das Video zu seiner Neuveröffentlichung von „Hungry Heart“. Isis war im Kinderwagen und die Kleine noch im Bauch.

Wie kam es dazu?

Ich hatte Bruce kurz vorher in New York kennengelernt, als ich ihn für die ARD interviewen durfte. Wir haben uns richtig gut verstanden, und wenig später kam die Anfrage, ob wir, also meine damalige Leopardefell-Band, in seinem Clip nicht die Band darstellen wollten. Wir sind danach in Kontakt geblieben und sehen uns immer, wenn Bruce in Deutschland spielt.

Ist es akzeptabel für den Ur-Kölner Wolfgang Niedecken, dass beide Töchter in Berlin leben?

Ja, das ist okay. Wir haben eine Standleitung von Köln nach Berlin. Manchmal bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen und denke „Mensch, die müssen sich doch auch mal befreien vom Elternhaus“, aber wir sind wirklich sehr, sehr eng mit den beiden verbunden. Und der Kleine ist ja ohnehin in Köln zur Welt gekommen, im Krankenhaus Severinsklösterchen – so wie Isis und so wie ich. Wir haben das Frühjahr mit dem Baby im Garten verbringen dürften, das war schon fast unverschämt idyllisch. Die Lockdown-Phase habe ich deshalb ganz persönlich in gar keiner so schlechten Erinnerung.

Was sind Sie für ein Corona-Typ?

Abstand und Masken sind schon sehr bedrückend, gerade für einen Rheinländer. Trotzdem: Ich bin vorsichtig, Ich will nicht, dass die Leute nachlässig werden und das Virus nicht mehr für voll nehmen. Eigentlich müsste ja jeder einsehen können, dass wir in Deutschland bisher sehr gut damit klargekommen sind.

Was sagt Ihre Jüngste zu dem richtig schönen Lied „Mittlerweile Josphine“?

So ein Song für die Kleine war einfach mal an der Zeit. Es wurde in der Familie geweint und gelacht. Wir waren alle zu Tränen gerührt. Bei diesem Lied freue ich mich ganz besonders darauf, wenn ich es endlich live spielen kann.

Wie schwierig ist es, so ein inniges Verhältnis zur Familie zu pflegen, wenn man sehr oft nicht zu Hause ist?

Ich war häufig nicht da, aber Tina ist es gelungen, dass es nicht ins Gewicht fiel, wenn der Papa auf Montage ging. So ein Glück hat man nicht immer. Meine erste Ehe ist deswegen gescheitert. Da gab es nur noch Vorwürfe. Selbst wenn ich nach Hause kam, hieß es immer: Du bist nie da. Und irgendwann kam ich dann auch nicht mehr gern nach Hause.

Mit Ihrer jetzigen Frau ist das anders?

Ich habe Tina 1987 kennengelernt. Sie wusste, auf wen sie sich einlässt. Wenn sie dieses Leben nicht gewollt hätte, dann wären wir nicht zusammengekommen. Aber ich muss meine erste Frau auch in Schutz nehmen. Wir hatten ursprünglich einen ganz anderen Lebensplan. Ich habe vielleicht ab und zu mal in einer Kneipe gespielt, aber damals war ich noch hauptsächlich Maler. Was wir vom Leben wollten, hat sich irgendwann einfach nicht mehr miteinander vertragen.

Sie werden am 30. März 70 Jahre alt. Würden Sie sagen, dass Ihr Lebensplan aufgegangen ist?

Was ich für ein Schwein gehabt habe, das ist unfassbar. So ein Leben hätte ich mir nicht einmal zu erträumen gewagt. Meine wichtigste Entscheidung war damals, dass ich Kunst studiere, anstatt mich für eine vermeintlich sichere Ausbildung zu entscheiden. Mein Vater wollte etwas ganz anderes, etwas Solideres, aber ich habe mich, auch mit Unterstützung meiner Mutter, durchgesetzt. Ich habe dann tatsächlich von der Malerei leben können, von der Hand in den Mund, aber immerhin. Ich weiß noch, wie ich meine erste Ausstellung in Hamburg hatte, dann in Berlin. BAP war damals eher ein Hobby. Der Galerist meiner Berliner Ausstellung besorgte uns den ersten Gig in Berlin. Ich dachte, ich mache das ein Jahr oder zwei. Daraus sind jetzt doch ein paar mehr Jahre geworden. Ich kann mir heute gar kein anderes Leben mehr vorstellen. Und ich bin wirklich unendlich dankbar und voller Demut.

„Man muss keinem was beweisen, noch nicht mal Florian Silbereisen“ singen Sie im ersten Stück „Hauptjewinn“. Was will uns der Künstler damit sagen?

Das reimt sich so schön. Man horcht auf beim Hören. Die tiefere Bedeutung ist: Du musst dich nicht um jeden Preis anpassen.

Hat Florian Silbereisen schon auf das Lied reagiert?

Nein, nein. Ich kenne den Mann ja gar nicht, und ich will ihm auch nichts. Ich habe gehört, er sei sehr sympathisch. Hoffentlich findet er den Song lustig.

Lust, in seine Show zu gehen?

Nee, lass mal. Klar, die Möglichkeiten für Rockbands, im Fernsehen aufzutreten, sind mittlerweile rar gesät, da macht man schon mal Kompromisse. Aber in eine Schlagersendung will ich nicht. Das ist eine rote Linie.

Ist „Alles fließt“ auch Ihr Lebensmotto?

Ja, das ist es. Ich verlasse mich darauf, dass sich die Dinge schon fügen werden. Corona ist natürlich das Paradebeispiel. Noch habe ich es mir nicht ganz abgeschminkt, meinen 70. Geburtstag wie geplant groß in der Kölnarena zu feiern, der Termin ist reserviert. Doch es muss sich noch zeigen, ob man in einem halben Jahr unter vernünftigen Voraussetzungen ein Konzert wird spielen können oder nicht.

Auf den etwas nostalgischen Stücken „Volle Kraft voraus“ und „Wenn ahm Ende des Tages“ klingen Sie eher melancholisch. Machen Sie sich Gedanken über das Alter und die Vergänglichkeit?

Natürlich. Alt werden ist ja nichts für Feiglinge. Die Zipperlein nehmen zu, und wenn Freunde wegsterben und du läufst hinter dem Sarg her, dann wirst du richtig nachdenklich. Auch das, was in der Welt abgeht, stimmt mich nicht immer fröhlich. In diesen Liedern ziehe ich mich singend an den Haaren aus den schlechten Gedanken, ganz nach dem Motto „Lass dich nicht hängen, alter Mann“.

„Ruhe vor’m Sturm“ hat wiederum etwas von Led Zeppelin.

Das war der erste Song, den ich für das Album betextet habe. Es ist kein kommerzieller, aber ein wichtiger Song. Und einer, wie ihn wohl nur BAP machen kann. In der Tradition von „Kristallnaach“, „Arsch huh, Zäng ussenander“ und „Widderlich“. Ich habe zu dieser unglaublich eindringlichen und schweren Musik wirklich meine textlichen Schleusen geöffnet. In „Ruhe vor’m Sturm“ ist alles reingeflossen, was mich seit Jahren beschäftigt, allen voran der Erfolg der Populisten weltweit, sei es in Ungarn, Polen, Italien, den USA oder Brasilien. Diese ganzen Zyniker wie Trump und Bolsonaro dividieren die Leute auseinander, um ihre Macht zu festigen. Das ist einfach ekelhaft.

Deutschland wählt in einem Jahr. Haben Sie einen Wunschkanzler oder eine Wunschkanzlerin?

Ja, aber ich möchte öffentlich keinen Namen nennen. Für mich ist es dringender denn je, die Grünen zu wählen. Die Partei hat längst ein realpolitisches Bewusstsein, und wir haben einfach nicht mehr viel Zeit, die Erde zu retten. Das Artensterben macht mir Angst, und man sieht ja bei Corona, was das für Folgen hat. Das Virus ist schlau. Wenn die Wesen, auf die es eigentlich springen will, nicht da sind, dann sucht es sich eben einen anderen Wirt.

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Album: BAP, Alles fließt. Universal

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