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Zauberhaftes Folk-Pop-Album aus Quohren

Das Trio Tworna interpretiert alte und bekannte Lieder eigenwillig und aufregend.

Tworna sind Caterina Other (l.), Jessica Jäckel und Frieder Zimmermann.
Tworna sind Caterina Other (l.), Jessica Jäckel und Frieder Zimmermann. © PR

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Als noch ausschließlich Slawen im malerischen Hügelland südlich der Elbe siedelten, hieß Quohren, das heute 400 Seelen zählt und zu Kreischa gehört, wohl Tworna. 1350 wurde das Dorf als „Tworne“ urkundlich erwähnt. In diversen slawischen Sprachen steht „dwor/tvor“ für „Hof“ in der Vielfalt der Bedeutungen: Bauernhof, Fürstenhof, Hinterhof. Caterina Other und Frieder Zimmermann wohnen seit Jahren mit ihren Familien in Quohren und machen buchstäblich „bei Hofe“ Musik. Ihr Trio Tworna, das von der Sängerin Jessica Jäckel komplettiert wird, hat jetzt eine CD aufgenommen, die eine hochinteressante Melange von Volkslied und Pop, Folk und Weltmusik birgt. Das Resultat, von Markus Reuter in den Castle Studios auf Schloss Röhrsdorf professionell produziert, ist ein Fest, das einige Genregrenzen sprengt.

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Es erklingt auch eine Nyckelharpa

Die Instrumentierung der zum Teil recht geläufigen Lieder ist so eigenwillig wie aufregend. Die Stücke aus acht Jahrhunderten wurden eigens für dieses Programm arrangiert, wobei auch Katharina Johansson mitwirkte, die zum musikalischen Freundeskreis des Trios gehört.

Catherina Other, die ursprünglich Geige gelernt hat, spielt eine Nyckelharpa. Dieses auch Schlüsselfidel genannte Streichinstrument war im 17. Jahrhundert vor allem in Schweden weit verbreitet. Alte Gemälde belegen, dass Vorläufer bereits in der Frührenaissance, vielleicht gar schon im Mittelalter in Gebrauch waren.

Jessica Jäckel agierte bis 2012 zehn Jahre lang als Jessica Jekyll in der Berliner Rockband Skin Diary, die nicht nur dank der Coverversion des legendären Blondie-Hits „Heart of Glass“ mehr als nur ein Geheimtipp war. Auch bei Tworna ist sie Gesangssolistin mit Leib und Seele, und sie zupft die Waldzither. Das ist keine herkömmliche Zither, sondern eine neunsaitige Cister, eine Kastenhalslaute, die vor hundert Jahren ziemlich populär war. Auch in der modernen Popmusik ist ihr perlender Klang hin und wieder zu hören.

Frieder Zimmermann ist ein Allrounder, der an unzähligen Musik-, Film- und Theaterprojekten mitgewirkt und auch schon mit Progressive-Rocker Robert Fripp von King Crimson musiziert hat. Hier spielt er vor allem Gitarre und Bass. Als Gast wirkt außerdem Perkussionist Stephan Salewski mit.

Dreizehn Stücke vereint die CD. Die Weise „Erkenne mich, mein Hüter“, mit der die Zeitreise beginnt, ist als Bach-Choral bekannt, aber im Grunde viel älter. Der Text geht auf den Zisterzienser-Abt Arnulf von Löwen zurück, dessen lateinischen Hymnus Paul Gerhardt um 1650 ins Deutsche übertrug. Die Melodie, auf die Bach zurückgriff, stammt wohl von Hans Leo Hassler, der schon um 1600 sein Liederbuch „Lustgarten teutscher Gesänge“ herausbrachte. Tworna haben das Stück „entbacht“ und entfalten es als zeitlosen Folksong, der den liturgischen Kontext weit hinter sich lässt. Jessicas hier besonders sanfte Stimme lässt den Zauber dieser alten Weise leuchten wie Eulenaugen im Mondlicht. Ähnlich ist es mit August Zarnacks „Ich hab die Nacht geträumet wohl einen schweren Traum“ nach einer Melodie aus dem 18. Jahrhundert. Das zarte Flair des traurigen Liebeslieds fluoresziert über dunklem Bassgrund.

Bei Goethes „Heidenröslein“ und „La Marmotte“, zu Deutsch „Das Murmeltier“, erzeugen die drei eine enorm suggestive Spannung. So bekannt diese Lieder sein mögen – so hat die noch niemand gehört! Weiter geht es vom dramatischen Schnitterlied aus dem Dreißigjährigen Krieg übers kernig arrangierte „Kathreinerle“, „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ und „Wenn ich ein Vöglein wär“ bis zur „Nachtigall“, einem Lied, das die Liedermacherin Martina Rosenberger 2007 in Verbeugung vor der Romantik geschrieben hat.

Die Stimmung changiert zwischen Schmackes und Schmelz, skandinavischer Kargheit und deutscher Sehnsucht. Der Sound ist hier erdig schwer, dort lichterfüllt und spinnwebenfein. Jessicas Stimme erinnert im Timbre bisweilen an Kari Bremnes und andere nordische Troubadourinnen, ist aber im reichen Spektrum zwischen Klarheit und feuriger Kraft überaus eigenständig. Besonders intensiv ist dieses starke Charisma in dem Lied „Kume, kum geselle min“ zu spüren, das Adam de la Halle um 1260 geschrieben hat. Und wenn Frieders Gitarre, Caterinas Nyckelharpa und Jessicas Stimme im zutiefst berührenden Abschiedslied „Innsbruck, ich muss dich lassen“ umeinander kreisen, grassiert abermals die Gänsehaut.

Konzert-Stream zur CD-Premiere

Mit dieser CD, die mithilfe vieler Freunde und einer Crowdfunding-Kampagne produziert wurde und nun beim Leipziger Label Löwenzahn erscheint, ist Tworna ein wahrlich großer Wurf gelungen: ein zauberhaftes deutsches Folk-Pop-Album, das tief in der Tradition gräbt und doch ganz ins vitale Hier und Jetzt eingebunden ist.Zur Premiere am kommenden Freitag gibt es bei YouTube ab 21 Uhr einen Konzert-Stream von Tworna live aus Schloss Röhrsdorf, von dort also, wo diese wundervolle CD eingespielt wurde.

Infos, Bilder, Hörbeispiele zur CD gibt es unter tworna.jimdofree.com

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