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Kurioser Flüchtling, kuriose Kunst

Esteban Velazquez wurde angeblich wegen seines „Nazi-Magazins“ aus Venezuela vertrieben und lebt jetzt in Dresden.

Von Birgit Grimm
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Esteban Velazquez‘ Figurinen hängen zwischen allen Kunst-Kategorien. Auch seine Lebensgeschichte klingt einigermaßen abenteuerlich.
Esteban Velazquez‘ Figurinen hängen zwischen allen Kunst-Kategorien. Auch seine Lebensgeschichte klingt einigermaßen abenteuerlich. © Thomas Kretschel

Sie hängen an goldenen Ketten: Sachsens Kurfürsten und Könige hat Esteban Velazquez von Wilhelm in Ton gebrannt, ihnen staatstragende Gewänder und Uniformen ihrer Zeit angezogen. Auch Arm- und Beingelenke sind goldene Kettenglieder. Die Figuren sind keine Marionetten. Sie schweben im Raum, den von Wilhelm ihnen gibt. Den er ihnen und sich selbst erschafft. Der Venezolaner lebt seit zwei Jahren in Dresden und hat sich, wartend auf seinen Asylbescheid, mit Sachsens Geschichte befasst. Das Barocke liegt ihm, die Inszenierung auch. 

Von Wilhelm ist eine Erscheinung: groß, kräftig, rotblonder Rauschebart und Augenklappe. Sein Auftritt wirkt aristokratisch, nicht unbedingt von der Kleidung her, sondern in puncto Korrektheit und Höflichkeit. Glanz und Glamour liegen ihm, er stammt nicht aus ärmlichen Verhältnissen. Aber sie passen nicht so recht in das kleine Zimmer in einem Dresdner Plattenbau, wo er sich die Wohnung mit zwei anderen Flüchtlingen aus seiner Heimat teilt.

Überfall in der Redaktion

In Venezuela wurde er vor 39 Jahren geboren – als Nachfahre eines deutschen Konsuls, der im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Venezuela geschickt worden war und dort Wurzeln schlug. Das zumindest behauptet von Wilhelm.

„Es gab in Venezuela einen Georg Ludwig Wilhelms“, sagt Rolf Walter von der Uni Jena. Der Historiker hat über Deutsche in Venezuela geforscht, und dabei ist ihm kein einziger „von Wilhelm“ begegnet. Georg Ludwig Wilhelms war Konsul in La Guaira, aber er war definitiv nicht adlig. Zum Konsul wurde er am 11. November 1871 ernannt, am 22. Januar 1872 berichtete darüber die Zeitung La Opinion Nacional. Wilhelms starb in der Nacht des 6. Dezember 1873.

Das „von“ hat Esteban Velazquez seinem Namen selbst hinzugefügt, warum also nicht auch die deutschen Wurzeln? Fragt man ihn danach, konfrontiert ihn mit den Recherchen, hat er immer eine Erklärung. Es gab einen Adligen schon im 17. Jahrhundert in seiner Familie, und das „s“ im Namen verschwand in irgendeiner Behörde, die nicht korrekt arbeitete. Alles passt, und passt auch wieder nicht. Dabei ist er sehr überzeugend, nie insistierend und schon gar nicht Mitleid heischend. Der Mann weiß, was er will. Und er hat einen Plan, wie er sein Ziel erreichen könnte. Dafür inszeniert er sich.

Doch wer ist dieser Mann, der sich künstlerisch mit einer Welt befasst, die längst verglüht ist? Seine Lebensgeschichte klingt so: Es war schon immer Estebans größter Wunsch, Kunst zu studieren. Aber die Eltern wollten, dass er einen soliden Beruf erlernt. Also studierte er Geschichte und gründete 2003 in Maracaibo ein Lifestyle-Magazin. Seine Tante, ebenfalls Künstlerin, unterstützte ihn. Das Magazin hieß „Wilhelm“, erschien in Venezuela, Kolumbien, Panama und in der Karibik. 

Es hatte kein langes Leben, auch das des Chefredakteurs und Herausgebers stand 2009 auf der Kippe: „Eines Abends war ich allein in der Redaktion. Ich wurde überfallen und brutal zusammengeschlagen“, erzählt er. Die Redaktionsräume seien verwüstet, die Computer und alles Wertvolle gestohlen worden. Wer hatte es auf sein Leben und seine Arbeit abgesehen? Die katholisch-kommunistische Regierung, der das Magazin zu bourgeois und elitär gewesen sein könnte? Kriminelle, die die Einrichtung zu Geld machen wollten? Schwulenhasser?

Esteban Velazquez behauptet: „Es waren Schläger, die für die Regierung arbeiten. Mein Magazin hat einen deutschen Titel, meine Familie deutsche Wurzeln. Schon Hugo Chàvez hatte in seiner Amtszeit gesagt, dass Nazimedien aus unserem Land entfernt werden müssen. Aber in meiner Familie gibt es keinen Nazi.“

Er erzählt, dass er bei dem Überfall schwer verletzt wurde und ein Jahr im Krankenhaus bleiben musste. Er verlor sein rechtes Auge. „Es ist ein Wunder, dass ich wieder gesund bin“, sagt er. Seine Augenklappe trägt er, als wäre sie ein modisches Accessoire. Das hat Schmiss, das hat Charme. Doch warum sieht man ihn in Videos, die lange vor dem Überfall entstanden sind, sogar in geschlossenen Räumen nie ohne dunkle Sonnenbrille?

Er versuchte, das Magazin in den USA zu etablieren. „Vier Ausgaben sind in Miami erschienen, eine in New York. Auch in München habe ich versucht, Wilhelm auf den Markt zu bringen. Aber ich bin gescheitert“, erzählt er. Als seine Tante Angelina starb, hielt ihn nichts mehr in Venezuela. Mit ihr verlor er auch sein Zuhause, das er sein „Klein-Versailles“ nennt.

Deutschland wurde zu seinem Sehnsuchtsziel und er zum vermutlich ersten Flüchtling aus Venezoela, der hier um Asyl bat. Von München wurde er nach Dresden geschickt. Kein Klein-Versailles als Unterkunft. Barocke Pracht gibt es nur im Museum. Sein Zimmer hat sechzehn Quadratmeter, Bett, Tisch, große Spiegel und jede Menge Kunst an den Wänden. Sein Deutsch ist gut, er lernt konsequent. Beworben hat er sich um eine Ausbildung an der Meissener Porzellanmanufaktur, er wurde abgelehnt. Am liebsten würde er Kunst studieren, aber um als Direktstudent immatrikuliert zu werden, ist er zu alt.

Ein Schöpfer mit Marketingtalent

Also macht er nun das, was er immer gern gemacht hat: Kunst. Er malt Bilder und formt Tonfiguren. Sachsens Kurfürsten und Preußens Könige sind seine Welt: August und Christian, August der Starke und Friedrich der Große. Von Wilhelm hat genau hingeschaut: auf die edlen Roben im Dresdner Schloss und auf die Fürstenporträts in der Gemäldegalerie.

Doch bei allem Talent: „Seine Kunst entzieht sich dem Zugriff“, sagt Karsten Jahnke vom Dresdner Volkskunstmuseum. Er hat sich die Figuren angeschaut, ist überrascht und ein wenig ratlos, „weil dieses Werk nirgendwo seinen Platz findet. Das sind keine Marionetten, und Volkskunst ist es auch nicht.“ Die Kunst des Venezolaners passt in keine Schublade, und seine Geschichte entzieht sich dem Zugriff. Selbst beschreibt er sich als leidenschaftlichen Künstler: „Wie die Künstler der Romantik. Glücklicherweise bin ich ein Schöpfer, aber ich kenne mich auch mit künstlerischem Marketing aus. Ich weiß also, was ich will und welchen Weg ich gehen muss.“ In Venezuela gebe es keine Meinungsfreiheit, Kunst zu machen, sei ihm nicht möglich gewesen. „Nicht einmal meine Mutter erlaubte mir, meine künstlerischen Ideen auszudrücken. Es war eine dunkle Phase, aber sie verlieh mir einen starken, kämpfenden Charakter.“ Ob das genügt, um in Deutschland Asyl zu bekommen?