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Wie die Leipziger "LinX"-Demo eskalierte

Nach einem friedlichen Start löschten Wasserwerfer am Ende des Tages brennende Barrikaden. Ein Transparent sorgt für hitzige Diskussionen.

Maskierte Teilnehmer stehen hinter einer Barrikade. Nach dem offiziellen Ende der «Wir sind alle LinX»-Demonstration sind im Leipziger Stadtteil Connewitz Barrikaden errichtet und angezündet worden.
Maskierte Teilnehmer stehen hinter einer Barrikade. Nach dem offiziellen Ende der «Wir sind alle LinX»-Demonstration sind im Leipziger Stadtteil Connewitz Barrikaden errichtet und angezündet worden. © Willnow/dpa

Am frühen Samstagabend läuft die Leipziger „Wir sind alle LinX“-Großdemo mit mehreren Tausend Menschen dann doch genauso aus dem Ruder, wie es viele befürchtet hatten. Während gegen 17:30 Uhr am Connewitzer Kreuz die Abschlusskundgebung gegen Faschismus und Rassismus läuft und Todesopfern rechter Gewalt gedacht wird, rücken kaum Hundert Meter weiter einige schwarz gekleidete Antifa-Kämpfer Mülltonnen, Baustellenabsperrungen, Europaletten und Grünzeug auf die Wolfgang-Heinze-Straße und zünden sie an. Andere munitionieren sich mit Pflastersteinen aus dem Gehweg auf.

Die Polizei, die sich den ganzen Nachmittag in Seitenstraßen zurückgehalten hatte, schaut sich das Treiben nicht lange an. Mit Wasserwerfern und Räumpanzer rücken sie die Wolfgang-Heinze-Straße hoch, löschen die lodernden Barrikaden und schieben die dampfenden Haufen beiseite. Zugleich sprühen sie nach kurzer Vorwarnung die Menschen von der Straße, egal, ob sie Steine auf die Einsatzfahrzeuge werfen oder – deutlich erkennbar – für die Presse Fotos machen. Später wird auch noch Reizgas eingesetzt, das auch harmlose Passanten trifft.

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Die Reaktionen auf den Demotag folgen auf dem Fuß. SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung fordert: „Von dieser Demonstration müssen sich Demokraten distanzieren.“ Besonders erschreckend sei, dass auf einem Transparent an die Morde der linksterroristischen RAF angespielt wurde. Namentlich gegen Dirk Münster, den Leiter des Polizeilichen Staatsschutzes im Landeskriminalamt, hieß es. „Bald ist er aus dein Traum, dann liegst du im Kofferraum.“ Münster hatte erst kürzlich Leipzig als Hochburg linksextremer Gewalt kritisiert.

Auch Grünen-Chef Robert Habeck verurteilt die Drohgebärden: „Morddrohungen sind widerwärtig.“ Selbst die Demo-Organisatoren distanzieren sich Sonntagmittag per Twitter von der Drohung: „Das Transparent war nicht vom Demokonsens gedeckt und hätte entfernt werden müssen!“ Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar betont, die Polizei habe das Transparent gefilmt. „Wir werden alles dafür tun, durch Auswertung der Videos die Straftäter zu überführen.“

Kritik gibt es auch an der Anmelderin, der Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Linke). Innenminister Roland Wöller (CDU) erklärte am Samstag, es sei eine Grenze überschritten, wenn auf einer Demo, die Nagel angemeldet und angeführt habe, Gewalt ausgeübt und offen Morddrohungen gegen Ermittler gezeigt würden. Die Partei solle sich umgehend von ihrer Landtagsabgeordneten distanzieren.

Die Demo, die um 15 Uhr am Rande der Innenstadt friedlich begonnen hatte, war in ihrem Verlauf immer aggressiver geworden. Erst wurden Bengalos entzündet, dann wurden aus dem schwarzen Block im hinteren Teil des Zuges auf die Polizeidirektion und einzelne Polizeieinheiten immer mehr Flaschen mit Farbe, Böller und Pyrotechnik geworfen.

Eine unbeteiligte Mutter, die vor der Tür der Polizeidirektion stand, musste mit ihrem Kinderwagen fluchtartig davonrennen. Scheiben von mehreren Bankfilialen und der Deutschen Bundesbank an der Karl-Liebknecht-Straße wurden mit Pflastersteinen zersplittert, auch ein Haus mit hochpreisigen Studenten-Appartements und ein Elektroauto wurden attackiert.

Die Polizei hielt sich dennoch lange Zeit bedeckt und war auf der Demostrecke nur mit Kommunikationsteams zu sehen. Sie begleitete den Demonstrationszug aber mit rund 1.000 Kräften und Verstärkung aus Berlin, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen entlang der Parallelstraßen. Auch ein Hubschrauber kreiste immer wieder über dem Aufzug.

Die Polizei fuhr Wasserwerfer und einen Räumpanzer am Connewitzer Kreuz auf. Vereinzelt flogen Steine auf die Polizeiwagen.
Die Polizei fuhr Wasserwerfer und einen Räumpanzer am Connewitzer Kreuz auf. Vereinzelt flogen Steine auf die Polizeiwagen. © Sven Heitkamp

Die Veranstalter sprachen am Abend von 6.000 Teilnehmern, die Polizei von bis zu 3500. Für die Demonstration war in der linken Szene bundesweit mobilisiert worden, so waren unter anderem Teilnehmer aus Dresden, Chemnitz, Berlin, Hamburg und Stuttgart dabei. „Wir sind alle Linx“ versteht sich als „Kampagne gegen die Kriminalisierung von Antifaschismus“, und sie fordert die Freilassung der Connewitzer Studentin Lina E.

Die 26-Jährige steht seit voriger Woche mit drei weiteren Angeklagten wegen des Vorwurfs der Bildung einer kriminellen Vereinigung und brutaler Übergriffe auf Rechtsextremisten vor dem Oberlandesgericht in Dresden und sitzt in Untersuchungshaft. „Solidarität ist der Hammer – Free Lina“ stand auf einem Transparent. Auch eine Botschaft der Mutter von Lina E. wurde verlesen. Sie wirft den Ermittlungsbehörden vor, an ihrer Tochter solle ein Exempel statuiert werden.

Die linke Szene sei wegen des Verfahrens gegen Lina E. „hoch emotionalisiert“, heißt es in Sicherheitskreisen. Laut Polizei wurden sieben Beamte leicht verletzt und diverse Ermittlungsverfahren unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlichen Körperverletzungen und Sachbeschädigungen eingeleitet. Zwei Verdächtige wurde laut einer Polizeisprecherin festgenommen, aber noch am Abend wieder freigelassen.

Jahr für Jahr Krawalle und Brandanschläge

Leipzig ist eine Hochburg der Autonomen, Jahr für Jahr gibt es Krawalle bei Demonstrationen und Brandanschläge auf Fahrzeuge. In einem Bekennerschreiben zur Zündelei an sieben Geländewagen der Bundeswehr in der Silvesternacht 2020 wurde "Freiheit für Lina" gefordert. Die Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Die Polizei registrierte allein 2020 in Leipzig insgesamt 28 linksextreme Brandstiftungen. Nur ein Fall wurde aufgeklärt.

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Aber auch Rechtsextremisten sind eine Gefahr für Leipzig. Im Januar 2016 überfielen bis zu 300 Neonazis den linken Szenestadtteil Connewitz. Die Angreifer griffen Passanten an, demolierten Autos sowie Geschäfte und zündeten einen Sprengsatz in einem Dönerimbiss. (mit dpa)

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