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Leipzig hat ein neues Hochhaus

Lange wurden Wohnungen im Leipziger Plattenbau-Viertel Grünau nur abgerissen. Nun werden wieder neue gebaut – und zwar in stattliche Höhe.

Das Ehepaar Trenner genießt den Blick von der Terrasse ihrer Neubau-Wohnung im 11. Stock. „Wir haben fünf Jahre gewartet, um hier einzuziehen“, sagt Helmut Trenner.
Das Ehepaar Trenner genießt den Blick von der Terrasse ihrer Neubau-Wohnung im 11. Stock. „Wir haben fünf Jahre gewartet, um hier einzuziehen“, sagt Helmut Trenner. © Fotos: Peter Endig, Montage: SZ

Von Sven Heitkamp

Wenn Christiane und Helmut Trenner aus den Fenstern der offenen Wohnküche schauen, schweift ihr Blick wie im Zeitraffer über die Skyline von Leipzig: Flughafen und DHL, der Diamant von Porsche, das City-Hochhaus, das mal „Uni-Riese“ hieß, das Neue Rathaus und die Kraftwerksschlote von Lippendorf. Die Wohnung im 11. Stock im Plattenbauviertel Grünau bietet eine phänomenale Aussicht. „Wir haben fünf Jahre gewartet, um hier einzuziehen“, sagt Helmut Trenner.

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Beim Blick vom Balkon direkt nach unten sieht man indessen eine schmucklose Wiese mit Trampelpfaden. Hier stand vor einigen Jahren ein altes Hochhaus, Marke DDR-Plattenbau. Es wurde abgerissen, als die Zeichen auf Rückzug standen, auf Bevölkerungsschwund. Allein in Grünau halbierte sich die Bevölkerungszahl von einst 85.000 auf gut 40.000 Einwohner. Es gab Fördermittel für Rückbau, 7700 der 35.000 Grünauer Wohnungen verschwanden. Doch inzwischen geht es wieder aufwärts.

Neue Leipziger Landmarke

Die Leipziger Wohnungsgenossenschaft Lipsia hat nun genau hier den Neuanfang gewagt. In der Miltitzer Allee nicht weit vom Kulkwitzer See hat sie ihren neuen 13-Geschosser errichtet, in dem die Trenners wohnen: 42 Meter hoch, ein imposantes Bauwerk mit vielen Fenstern und weißen Streben, das eine neue Landmarke in Leipzigs westlichstem Stadtteil werden kann.

Das Hochhaus bietet 60 altersgerechte, barrierefreie Wohnungen zwischen 30 und 110 Quadratmetern groß, alle ausgestattet mit Balkon oder Terrasse, Parkett und Fußbodenheizung. Baukosten: Mehr als 13 Millionen Euro. Doch die Lipsia kennt sich aus in Grünau: mehr als 3000 ihrer knapp 8000 Wohnungen liegen im einstigen DDR-Neubaurevier.

Der Conciergebereich im Hochhausneubau.
Der Conciergebereich im Hochhausneubau. © Peter Endig

Die Trenners fühlen sich pudelwohl hier. Sie hatten schon vor Jahren von Bekannten gehört, dass die Lipsia ein barrierefreies Hochhaus mit vielen Dienstleistungen plante. Sie traten in die Genossenschaft ein und warteten fünf Jahre bis zum Einzugstermin. „Wir waren versorgt, wir hatten es nicht eilig“, erzählen sie. Alte Grünauer sind sie nicht. Die ehemaligen Angestellten der Post, die nun oft auf Reisen sind, zogen aus einem Örtchen am nahen Stadtrand dreieinhalb Kilometer her. Helmut Trenner ist 76, seine Frau 71. Sie sind noch fit, gehen zum Sport. Aber sie wissen, dass die Zipperlein kommen werden. Und die vier Kinder leben in ganz Deutschland verteilt.

In der Wohnung sind alle Türen breit genug für einen Rollator, die Dusche ist ebenerdig, nirgendwo sind Türschwellen. Außerdem haben sie alles Notwendige vor der Haustür: Läden und Apotheken, S-Bahn und Bus. „Für uns ist es der ideale Standort in einer perfekten Wohnung“, sagt Christiane Trenner. „Dass der Stadtteil ein schlechtes Image hat, ist nicht gerechtfertigt. Grünau ist wirklich grün.“

Gemeinschaftsraum in jeder Etage

Die Mieten im Lipsia-Turm betragen knapp über zehn Euro pro Quadratmeter, plus einer Servicepauschale von 2,38 Euro pro Quadratmeter. Denn zu den neuen Wohnungen gehört auch ein hochwertiges Wohnkonzept: Im Erdgeschoss hinter den Eingangstüren steht ein Empfangstresen mit Concierge. Hier bietet die Lipsia gemeinsam mit der Volkssolidarität Hilfen für alle Mieter an: Brief-Paket-Service, Vermittlung von Dienstleistungen, Hilfestellungen bei Erkrankungen, kulturelle Angebote.

Einkäufe und Wohnungsreinigung können extra gebucht werden. Zudem hat jede Etage einen kleinen Gemeinschaftsraum samt Balkon oder Terrasse, als Treffpunkt für die Nachbarn. In einer Cafeteria im Erdgeschoss werden regelmäßig Mittagessen sowie Veranstaltungen angeboten. Dennoch ist das Haus ausdrücklich als klassischer Wohnungsbau und nicht als betreutes Wohnen angelegt. „Menschen in allen Lebensphasen soll es möglich sein, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben“, betont Lipsia-Vorstandsvorsitzende Nelly Keding.

Schöner Ausblick: Christiane und Helmut Trenner in der Küche ihrer Wohnung.
Schöner Ausblick: Christiane und Helmut Trenner in der Küche ihrer Wohnung. © sächsische zeitung

Und das Konzept geht offenbar auf: 59 der 60 Wohnungen sind vermietet, nur eine Ein-Zimmer-Wohnung ist noch frei. „Mit dem hochwertigen und zugleich bezahlbaren Wohnraum samt Servicekonzept wollen wir einen Beitrag zur Aufwertung des Quartiers und für ein genossenschaftliches Miteinander leisten“, begründet Nelly Keding die Entscheidung für das neue Grünauer Hochhaus.

Die Mieteinnahmen im Lipsia-Turm seien geradeso kostendeckend. Dennoch solle der Lipsia-Turm nicht der letzte Neubau der Genossenschaft bleiben: „Wir haben bereits ein weiteres Projekt im Sinn, können aber noch nicht mehr verraten.“ Auch Simone und Peter Kern haben sich sehr bewusst für den Lipsia-Turm entschieden. Die 57-Jährige leidet an einer seltenen Fettverteilungs-Störung, sie ist auf einen Rollator angewiesen. Barrierefreiheit, breite Türen und kurze Wege sind ihr wichtig.

Ruhiges Haus und nette Nachbarn

„Für mich war ausschlaggebend, dass ich mobil bleiben kann“, sagt Simone Kern. Sie leitet eine Selbsthilfegruppe für Lip- und Lymphödem-Betroffene und engagiert sich im Bundesverband. Ihr Mann ist als LKW-Fahrer viel unterwegs. Für die Bewegungsfreiheit in einer bezahlbaren Wohnung nahmen sie den Umzug aus einer ganz anderen Ecke der Stadt nach Grünau in Kauf.

Der Ausblick aus der 10. Etage. Plattenbauten dominieren das Umfeld, doch es gibt auch viel Grün.
Der Ausblick aus der 10. Etage. Plattenbauten dominieren das Umfeld, doch es gibt auch viel Grün. © Peter Endig

Simone Kern ist schon seit vielen Jahren Mieterin der Lipsia, voriges Jahr erfuhr sie in der Mieterzeitung vom Bau des Hochhauses. Im Juli zogen sie ein. Dass viele ältere Menschen in der Nachbarschaft wohnen, störe sie nicht. „Dafür ist es ruhig und es gibt viele nette Kontakte im Haus“, sagt sie. Und auch die Kerns genießen die weite Aussicht vom Südbalkon im zehnten Stock. „Bei guter Sicht“, sagt Peter Kern, „können wir den Fichtelberg sehen und die Flamme von Leuna.“

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