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Feuilleton

Leipziger Buchpreis geht an Anke Stelling

Eine gesellschaftliche Aufsteigerin möchte dazugehören und gehört doch nicht dazu - davon erzählt Anke Stelling in "Schäfchen im Trockenen".

Anke Stelling bei der Verleihung des Buchpreises der Leipziger Buchmesse. © dpa/Sebastian Willnow

Leipzig. Es gibt kein Recht auf Wohnen in der Innenstadt. Resi weiß das, aber sie will es nicht akzeptieren. Sie hadert mit der Kündigung, flucht und wettert, und vor Zorn geht ihr nicht nur das Messer in der Tasche auf, sondern „ein vollständiges Geschütz mit Panzerabwehrraketen“. 

Eine so böse Suada gab es in der deutschen Literatur lange nicht. Die Autorin Anke Stelling erhielt dafür am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse. Sie schildert die Angst vorm sozialen Abstieg. Sie seziert das Milieu des Mittelstands. Sie enttarnt die Lebenslügen der Gesellschaft. Und sie gibt einer Frau eine Stimme, die mit unerhörter Kraft das Nest der Familie verteidigt. Diese Resi ist eine starke Figur, schwankend zwischen Witz und Wehmut. Rauchend sitzt sie hinter der Altbauküche in der Speisekammer. Das ist ihr Arbeitsplatz. Dort schreibt sie als Journalistin und Schriftstellerin ihre Texte in einen maroden Laptop.

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Zur Familie gehört Ehemann Sven, ein Künstler, der das Management des Alltags nur zu gern seiner Frau überlässt. Sie haben vier Kinder, und Kinder sind teuer. Das weiß man doch vorher, sagen die Freunde vorwurfsvoll. Die älteste Tochter Bea ist vierzehn, sie ist die Adressatin dieses furiosen Monologs. Denn sie soll eingeweiht werden in die Geheimnisse des richtigen Küchenfußbodens, in Arbeitsteilung, Lohnkosten, Wohnkosten, Haupt- und Nebenkosten – Resi kennt sich aus mit den wahren Werten des Lebens. Sie gibt ihrer Großen manchen Spruch mit. Wer an seinem Glück schmieden will, braucht einen Hammer. Schlag zu. Alles ist besser, als Opfer zu sein oder sich selbst zum Opfer zu machen. Das ist die wichtigste Lehre, die Resi der Tochter vermittelt als Fazit ihrer eigenen Aufsteiger-Biografie.

Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren und ausgebildet am Leipziger Literaturinstitut, erzählt soziologisch genau wie in ihren früheren Romanen. „Bodentiefe Fenster“ stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Die jüngste Auszeichnung in Leipzig verwundert nicht. Der Roman „Schäfchen im Trockenen“ trifft ins Schwarze des Zeitgeists, trifft mitten hinein in die Debatten um bezahlbaren Wohnraum in den Großstadtzentren. Eine Wohnung als gesellschaftspolitisches Konfliktpotenzial – das wurde so noch nicht beschrieben. Die Autorin lebt in Berlin und wird ihrer zornigen Erzählerin manche eigene Erfahrung geschenkt haben.

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Resi lebt mit ihrer bunten Familie zur Untermiete bei einem Freund, der ihr nun die Freundschaft kündigt. Denn sie hat in einem Magazinartikel ihre alte Clique enttarnt, die als gutbürgerliche Baugruppe das Haus samt Gemeinschaftsgarten aufmöbelte. Resi, großgeworden mit den Idealen ihrer Achtundsechziger-Eltern, hatte an den Traum von Gleichheit geglaubt, an eine gerechte Welt ohne Privilegien und mit Chancen für alle. Vom Scheitern dieses Traums erzählt die Autorin in genau beobachteten Momentaufnahmen. Für die Jury des Leipziger Buchpreises ist es ein „scharfkantiger, harscher Roman, der wehtun will und wehtun muss“.

Der Preis wird seit 2005 in drei Kategorien vergeben. Als bestes Sachbuch wurde „Wolfszeit“ von Harald Jähner ausgezeichnet. Der Kulturjournalist schreibt eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Nachkriegszeit. Er porträtiert Trümmerfrauen und Vertriebene, Schwarzmarktverkäufer und die Tänzer auf den rauchenden Resten einer blutigen Geschichte. Vor allem zeigt er, wie diese Geschichte verdrängt wurde: Ohne diese Verdrängungsleistung wäre der Alltag zwischen 1945 und 1955 nicht zu bewältigen gewesen. Das Buch sei eine „narrative Wundertüte“, so die Jury. Es vereine „Anschaulichkeit, dramaturgisches Gespür und Eloquenz“.

Der dritte Preis wird für eine Übersetzung vergeben, und das ist mehr als gerechtfertigt. Die Leipziger Messehallen wären halb leer ohne jene Sprachkünstler, die fremde Welten ins Land holen und dabei oft selbst zu Dichtern werden. Tschechien kann sich auch deshalb so schön ins Licht setzen als Gastland der Messe, weil dafür siebzig Titel in die deutsche Sprache importiert wurden. Wer sich wünscht, dass dieser Trend über die Messetage hinaus anhält, müsste sich freilich auch die entsprechenden Fördermittel dafür wünschen. 

Am Donnerstag wurde die Übersetzerin Eva Ruth Wemme ausgezeichnet für ihre besondere Einfühlsamkeit. Sie hat den Roman „Verlorener Morgen“ aus dem Rumänischen übertragen. Das Buch zeigt einen einzigen Wintertag im Leben der Hauptfigur Vica Anfang der Achtzigerjahre in Bukarest. In ihrem epischen Bewusstseinsstrom spiegelt sich ein Jahrhundert. Verschiedene Zeitebenen prallen aufeinander mit ihren verschiedenen Sprachen und ausschweifenden Dialogen. Auch für die Tristesse der Ceausescu-Zeit findet die Übersetzerin den richtigen Ton. Das Buch von Gabriela Adamesteanu ist vor 35 Jahren erschienen und nun erstmals auf Deutsch lesbar.

Insgesamt waren 15 Titel für den Preis der Leipziger Messe nominiert. Es wäre vermessen, sie als die besten Titel des Bücherfrühlings zu feiern. Denn dazu gehören auch die fantastischen Kinderbücher aus dem Moritz Verlag. Oder wenigstens zwei von zwei Dutzend druckfrischen Erkundungen auf den Spuren von Theodor Fontane. Oder das Kompendium des Norwegers Lars Mytting über das Holzhacken, das er nur deshalb geschrieben hat, damit es frierende Frauen schön warm haben. Norwegen kommt im Herbst als Gast auf die Frankfurter Buchmesse. Dann sind mindestens 15 weitere Titel als Beste zu feiern von Ole Knausgard, Maja Lunde oder Jo Nesbö. Wenn es gut geht, trifft die Beschreibung von Jurychef Jens Bisky für den aktuellen Jahrgang der Nominierten zu: Es sind Bücher, über die man sich gut streiten kann.