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Ausbildung in der Oberlausitz immer attraktiver

Die Abwanderung junger Menschen ist gestoppt. Die Corona-Krise hat den Ausbildungsmarkt gehemmt, wie die Arbeitsagentur bei ULT in Kittlitz erklärt.

Von Markus van Appeldorn
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ULT-Vorstand Alexander Jakschik, Azubi Gedeon Bode und ULT-Personalreferentin Jana Wild.
ULT-Vorstand Alexander Jakschik, Azubi Gedeon Bode und ULT-Personalreferentin Jana Wild. © Markus van Appeldorn

Gedeon Bode (17) ist kein Oberlausitzer Gewächs. Vor ein paar Jahren kam er mit seiner Familie aus Hessen nach Görlitz. Aber die Oberlausitz betrachtet Gedeon als seine Heimat und den Ort, an dem er leben möchte. Nach seinem Schulabschluss am Görlitzer Curie-Gymnasium war für ihn klar: "Ich wollte unbedingt im Landkreis Görlitz bleiben. Ich hatte die Möglichkeit, eine Ausbildung in Hessen zu beginnen, aber das war keine Option für mich", sagt er. Seit August lernt er Industrie-Kaufmann beim Kittlitzer Luftfilter-Spezialisten ULT. Mit seiner noch jungen Berufsbiografie steht Gedeon Bode geradezu prototypisch für den Wandel des Ausbildungsmarktes der Region - und dessen hohen Akzeptanz bei jungen Menschen.

Das sieht auch Torsten Köhler so, Geschäftsführer Bildung bei der auch für die Oberlausitz zuständigen Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden. "Die Zeiten, dass junge Menschen wegen fehlender Ausbildungsmöglichkeiten abwandern, sind vorbei. In der Region wird Ausbildung wieder attraktiv", sagt er. Und das kann er auch mit Zahlen untermauern. "Zum 30. September hatten im IHK-Bezirk Dresden etwa 4.500 Menschen eine Ausbildung in einem Beruf begonnen, für den die IHK zuständig ist", sagt Köhler - das seien 180 von insgesamt 330 Ausbildungsberufen. Diese Ausbildungszahl entspreche einem Plus von 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und dabei ist die Oberlausitz sogar Wachstums-Spitzenreiter. "Im Landkreis Görlitz beträgt das Plus neun Prozent, in Bautzen sieben Prozent", sagt Köhler.

Die Arbeitsagentur Bautzen und die IHK Dresden hatten jetzt gemeinsam zur Firma ULT nach Kittlitz eingeladen, um die Ausbildungsmarktbilanz von Oktober 2020 bis September 2021 vorzustellen. Das besondere Problem im abgelaufenen Jahr: Corona. "Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie standen die Akteure auf dem Ausbildungsmarkt vor besonderen Herausforderungen", erklärt Arbeitsagentur-Geschäftsführerin Ilona Winge-Paul und: "Berufsorientierung, persönliche Beratung und Praktika in Unternehmen konnten nur eingeschränkt durchgeführt werden." Dennoch hätten mit Unterstützung der Kammern 98 Prozent der bei der Berufsberatung gemeldeten Jugendlichen eine Ausbildung oder Alternative gefunden - zwei Prozent mehr als im Vorjahr.

Schwierigkeiten in der Corona-Pandemie

Bis zum Sommer 2021 hätte es kaum eine Möglichkeit gegeben, Ausbildungsinteressenten an den Schulen abzuholen - schlicht, weil diese geschlossen waren. Die Arbeitsagentur hatte Alternativen entwickelt. "Etwa per Skype, das wurde auch angenommen und die Jugendlichen sind sehr fit", sagt Winge-Paul. Das aber hätte persönliche und wesentlich detailliertere Gespräche nicht ersetzen können. Torsten Köhler nennt als Beispiel auch ausgefallene Ausbildungsmessen, wo sich Betriebe den jungen Menschen präsentieren - etwa die Löbauer Messe "Insidertreff". Die habe zuletzt nur virtuell stattgefunden und das wirke sich aus. "Bei einer Befragung, ob die Messe eine Hilfe bei der Berufswahl war, haben das bei der virtuellen Messe nur zwei Prozent mit Ja beantwortet, die Präsenzmesse dagegen betrachteten 30 Prozent der Befragten als Hilfe", sagt Köhler.

Zudem stellt Köhler in der Corona-Krise einen signifikanten Zuwachs von "Freiwilligen Jahren" bei jungen Menschen fest - etwa "Freiwilliges Soziales Jahr", "Freiwilliges Ökologisches Jahr" oder "Bundesfreiwilligendienst". "Auch viele dieser Menschen wurden offensichtlich an den Schulen nicht abgeholt und parken sich gewissermaßen selbst in so einem Freiwilligen Jahr", sagt Köhler. Für einige Branchen sei der Ausbildungsmarkt in der Corona-Krise nahezu komplett eingebrochen, das beträfe etwa den Einzelhandel, die Gastronomie und Hotellerie, die Event- und Veranstaltungsbranche sowie den Tourismus - alles Betriebe, die während der Pandemie schließen mussten und deswegen keine Azubis einstellten. 80 Prozent der Azubi-Verhältnisse dagegen seien trotz Pandemie störungsfrei verlaufen. "Das merkt man auch an den Abschlüssen. Die sind nicht schlechter geworden - und die Ansprüche wurden wegen der Pandemie keinesfalls gesenkt", sagt Köhler.

Weniger Bewerber als im Vorjahr

Matthias Schwarzbach, Geschäftsstellenleiter der IHK Dresden in Zittau, begrüßt, dass die Betriebe in der Region das Thema Ausbildung sehr ernst nehmen. "Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen und die wichtigste Investition in die Zukunft", sagt er. Der Fachkräftemangel sei längst in der Region angekommen und die demografische Entwicklung verschärfe das Problem. Der Fachkräftemangel könnte in Zukunft zu einem bedrohlichen Wettbewerbshemmnis werden. Deshalb, so Schwarzbach, sei es so wichtig, die jungen Menschen aus der Region für eine Ausbildung in der Region zu gewinnen.

Insgesamt waren der Arbeitsagentur in den Kreisen Görlitz und Bautzen im vergangenen Ausbildungsjahr 2.723 Bewerber auf Ausbildungsstellen gemeldet. Das entspricht einem Minus von 13,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eben das führt die Arbeitsagentur nicht auf mangelndes Interesse oder die demografische Entwicklung zurück, sondern eben darauf, dass viele Jugendliche auf Freiwilligendienste oder weiteren Schulbesuch ausgewichen sind. Dem standen von den Betrieben 2.628 gemeldete Ausbildungsplätze gegenüber - ein Minus von 10,8 Prozent. 522 dieser Lehrstellen blieben unbesetzt. Dieses Phänomen frei bleibender Stellen beschreibt der Markt als "Matching-Problem" - die angebotenen Stellen entsprechen nicht dem Interesse der Bewerber.