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Löbauer Todesfahrerin bleibt frei

Das Görlitzer Landgericht kassiert das Urteil mit einer Gefängnisstrafe gegen Sarah L. - warum es trotz Alkohol und zweier Todesopfer Bewährung gibt.

Sarah L. bei ihrem ersten Prozess im November 2020 vor dem Amtsgericht Zittau. Damals lautete das Urteil noch auf Haft.
Sarah L. bei ihrem ersten Prozess im November 2020 vor dem Amtsgericht Zittau. Damals lautete das Urteil noch auf Haft. © Markus van Appeldorn (Archiv)

Löbau. Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um - etwa nach diesem alten Sprichwort beurteilte das Görlitzer Landgericht nun das Löbauer Todesdrama vom 27. Dezember 2018. In jener Nacht war die Löbauerin Sarah L. (26) auf der Beethovenstraße in Löbau mit beinahe 1,7 Promille und mindestens Tempo 100 mit einem Audi A1 in das Stahltor der Firma Seel geprallt. Zwei ihrer drei Mitfahrer kamen dabei zu Tode, ein dritter wurde schwer verletzt, während Sarah L. selbst mit leichten Blessuren davonkam. Das Amtsgericht Zittau hatte sie dafür im November 2020 unter anderem wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt - ohne Bewährung. Doch das Landgericht Görlitz erkannte nun eine erhebliche Mitverantwortung der Getöteten für ihr Schicksal und milderte das Zittauer Urteil ab.

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An dem damals vom Zittauer festgestellten Geschehensablauf jenes Abends hatte das Landgericht keinen Zweifel. Demnach hatte sich Sarah L. damals zu Fuß in die Döner-Gaststätte "Arena" am Löbauer Neumarkt begeben. Dort traf sie zufällig auf den ihr von einem früheren Arbeitsplatz bekannten Josef S. aus Bernstadt, der dort mit zwei Verwandten feierte. Der junge Mann war in Spendierlaune, gab Runde um Runde Hochprozentiges aus und prahlte wohl auch mit seinem Leihwagen - einem beinahe fabrikneuen Audi A1. Die am Auto interessierte Sarah L. ließ sich den Schlüssel zeigen und steckte ihn ein - "aus Spaß", wie sie sagte.

Gegen 22 Uhr beschloss die Gruppe, gemeinsam zu Josef S. nach Bernstadt zu fahren. "Wir wollten am nächsten Tag ins Trixi-Bad zum Schwimmen", erklärte Sarah L. vor Gericht. Sie habe das Lokal dann verlassen, um den Audi vom Parkplatz vorzufahren, weiter habe sie gar nicht fahren wollen. "Aber ehe ich mich versah, saßen die drei im Auto", erzählte sie. Josef S. habe sie dann aufgefordert, loszufahren. Die Fahrt ging zunächst zu Sarah L.'s Wohnung in Löbau-Süd, wo sie ein paar Badesachen packte. Danach setzte sie sich erneut ans Steuer und fuhr über die Beethovenstraße Richtung B6. An der Bahnunterführung musste sie wegen der roten Ampel noch mal kurz stoppen. Danach gab sie Vollgas und Sekunden später schleuderte sie aus der Kurve.

Josef S. starb auf dem Beifahrersitz des Audi.
Josef S. starb auf dem Beifahrersitz des Audi. © privat
Jan G. war der Onkel von Josef S.
Jan G. war der Onkel von Josef S. © undefined

Flucht nach Mecklenburg-Vorpommern

Das Görlitzer Landgericht musste den Fall neu verhandeln, weil sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Sarah L. Berufung gegen das Zittauer Urteil eingelegt hatten. Sarah L. mit dem Ziel, die Aussetzung der Strafe zur Bewährung zu erreichen, die Staatsanwaltschaft mit dem ursprünglichen Ziel, das einst in Zittau geforderte Strafmaß von zwei Jahren und sechs Monaten Haft durchzusetzen.

Der Unfall ist auch an Sarah L. nicht spurlos vorübergegangen. "Ich finde seitdem keine Ruhe, bin in Depressionen gerutscht", sagte sie vor Gericht. Auch ausweislich der Aussage eines als Zeugen geladenen Psychologen war sie unter anderem wegen ernsthaft geäußerter Selbstmord-Gedanken zweimal zu einer mehrwöchigen stationären Therapie in Großschweidnitz. Und mehr noch: "Meine Familie und ich wurden in sozialen Medien beschimpft und bedroht", erzählte sie. Schließlich habe sie kaum noch das Haus verlassen, aus Angst, dass ihr jemand aus Rache etwas antun könne. Sarah L. floh schließlich aus Löbau. Mit ihrer Mutter und ihrem im Februar 2020 geborenen Sohn zog sie nach Mecklenburg-Vorpommern.

Erhebliche Mitverantwortung der Unfall-Opfer

Ausgerechnet die Vertreterin der Staatsanwaltschaft forderte nun im Berufungsverfahren kein höheres, sondern ein niedrigeres Strafmaß für Sarah L. Die Aussetzung zur Bewährung sei gerade noch vertretbar. Das Zittauer Amtsgericht nämlich habe Strafminderungsgründe nicht ausreichend gewürdigt. "In Kenntnis ihrer Trunkenheit setzten sich die drei Männer ins Auto. Josef S. hat dabei noch den Schnaps selbst für alle bestellt und bezahlt", argumentierte sie. Selbst das "Tatwerkzeug" - nämlich das Auto - habe der zur Verfügung gestellt. Zudem hätten sich die beiden Männer auf dem Rücksitz nicht angeschnallt. Und ein im Gericht verlesenes Obduktions-Gutachten lieferte Anhaltspunkte dafür, dass der getötete Jan G. den Unfall möglicherweise überlebt hätte, wäre er angeschnallt gewesen.

Keiner der drei Männer habe sich an jenem Abend Gedanken darüber gemacht, wie man nach der Zecherei zurück nach Bernstadt kommen wolle - das habe man dann einfach Sarah L. überlassen. "Die Geschädigten, insbesondere Josef S., haben sich sehr bewusst in Gefahr begeben", plädierte die Staatsanwältin. Und auch der Verteidiger argumentierte: "Josef S. war ganz erheblich für den Geschehensablauf verantwortlich." Sarah L. sei in die Situation hineingedrängt und überrumpelt worden. "Das Fahrzeug wurde ihr wie der Alkohol aufgedrängt", sagte er.

Gericht sieht besondere Umstände

Das Gericht bestätigte in seinem Urteil schließlich das Strafmaß von zwei Jahren - setzte die Strafe aber zur Bewährung aus. Der Richter folgte der Argumentation der Staatsanwältin und des Verteidigers und stellte "gefahrerhöhende Umstände in Person der Geschädigten selbst" fest. Die Kenntnis der Geschädigten von der Alkoholisierung der Fahrerin, das zur Verfügung stellen des Fahrzeugs und der Umstand, dass die Männer auf der Rückbank nicht angeschnallt waren, seien ausreichend, um die vom Gesetz geforderten "besonderen Umstände" für eine Bewährung anzunehmen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Korrekturhinweis vom 15. Juni, 21.31 Uhr: In einer ursprünglichen Version des Artikels hatte es geheißen, das Geschehen habe sich am 28. Dezember 2018 abgespielt. Es war aber der 27. Dezember. Wir bitten um Entschuldigung.

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