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Urteil im Baby-Prozess: Mutter muss in Haft

Die 20-jährige Bernstädterin hat ihren Sohn so heftig geschüttelt, dass er daran starb. Davon ist das Gericht überzeugt. Aber einige Unklarheiten bleiben.

Die Angeklagte beim Start der ersten Hauptverhandlung im Landgericht Görlitz im November.
Die Angeklagte beim Start der ersten Hauptverhandlung im Landgericht Görlitz im November. © Nikolai Schmidt (Archiv)

Wie genau sich die letzten Tage des kleinen Jungen abgespielt, was er erlebt und gelitten hat, bevor er starb, wissen nur zwei Personen: Seine Mutter und das Kind selbst. Eines kann aber auch die Jugendkammer des Landgerichtes Görlitz am Ende des Strafprozesses gegen die 20-jährige Bernstädterin sagen: Die Kindsmutter trägt Schuld an den Verletzungen des knapp drei Monate alten Säuglings und damit auch an seinem Tod. Allein durch die Aussagen der Angeklagten waren die vielen Fragen des Gerichtes allerdings nicht zu klären. Wichtige Antworten kamen durch die Untersuchungen des kleinen Körpers.

Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu ist zufrieden mit dem Ausgang des Verfahrens: Drei Jahre und neun Monate wegen Körperverletzung mit Todesfolge lautete das Urteil nach sechs Verhandlungstagen. Denn herauszufinden, wer Schuld an dem Tod des kleinen Jungen trägt, gelang vor allem durch akribische Suche nach Beweismaterial und Gutachten eines Neuropathologen aus Hamburg. Mit dem Urteil blieb das Gericht am Ende auch nur drei Monate unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. "Ich sehe in dem Urteil einen gerechten Schuldausgleich", bilanziert Matthieu. Das Verfahren war nach Jugendstrafrecht erfolgt, weil sich bei der heute 20-Jährigen erhebliche Reifedefizite gezeigt haben. Das war auch ein Grund, warum das Gericht auf Antrag des Verteidigers Matthias Ketzer die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen hatte. Die junge Frau soll eine zweite Chance haben.

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Gutachten bestätigen Zusammenhang

Und doch ist das Urteil eindeutig: Die Kammer sah es als erwiesen an, dass die Angeklagte am Vormittag des 17. Februar 2020 ihr drei Monate altes Kind derart heftig schüttelte, dass dieses an Hirnverletzungen vier Tage später im Krankenhaus verstarb. Zwar habe die Angeklagte den Tod des Kindes nicht gewollt oder billigend in Kauf genommen, aber gewusst, dass sich der Säugling durch das Schütteln schwer verletzen könne, teilt das Gericht in der Urteilsbegründung mit und nennt das vorsätzliche Körperverletzung. Der Tod des Kindes sei dadurch fahrlässig herbeigeführt worden.

Die junge Frau, die zuletzt ihren Wohnsitz in Bernstadt hatte, aber seit Februar 2020 in Untersuchungshaft in der JVA Chemnitz saß, hatte sich im Verfahren zu den Geschehnissen des Unglückstages eingelassen. Dabei, so betont der Staatsanwalt, haben die Ergebnisse von Obduktion und Gutachten des Babys dazu verholfen, der Wahrheit näher zu kommen. Denn die Angeklagte hatte sich zu verschiedenen Zeiten jeweils sehr unterschiedlich zu Hergang und Ursachen für die Verletzungen ihres Kindes eingelassen. Vor Gericht erklärte sie laut Pressesprecher Jörg Küsgen lediglich, dass das Kind geschrien und sie es deshalb geschüttelt habe.

Was aber war der Grund? Die Mediziner der Uniklinik Dresden fanden bei der Obduktion des Kindes zwei gebrochene Rippen vor. "Diese Verletzungen zog sich das Kind wahrscheinlich vor der Tat zu", so das Gericht. Möglicherweise habe es durch die dabei verursachten Schmerzen viel geschrien - sicher festzustellen sei das aber nicht. Ebenso konnte das Gericht nicht belegen, wie es zu den Rippenbrüchen kam. Man kann jedoch annehmen, dass der Säugling aufgrund der Schmerzen geschrien habe und es dadurch zum verhängnisvollen Schütteln gekommen sei, das zunächst zu einem Ausfall des Atemsystems und in der Konsequenz zu Hirnverletzungen führte, an denen der Junge am 21. Februar 2020 starb.

Kein Vorwurf an Jugendamt

Da die junge Mutter samt Kind und ihrem damaliger Partner, der nun als Nebenkläger aufgetreten war, unter Beobachtungen und Betreuung von Jugendamt und Familienhilfe standen, war nach dem Tod des Kindes auch die Frage laut geworden, ob die Behörden hier versagt hätten. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Matthieu sei das im Verfahren nicht explizit thematisiert worden. Es habe sich aber gezeigt, dass durch das Jugendamt durchaus Druck auf die Mutter aufgebaut wurde. Die Angeklagte habe dem zu entgehen versucht, beispielsweise, indem sie Termine platzen ließ.

Wenn das Urteil rechtskräftig ist - eine Woche ist noch Zeit, Revision einzulegen - wird die junge Frau ihre restliche Haftzeit in einer Jugendhaftanstalt absitzen. Dabei steht nicht nur das Bestrafen, sondern auch die Erziehung der Täterin im Vordergrund. Die Zeit in der Untersuchungshaft wird ihr dabei angerechnet. Dass sich die Recherchen und das Verfahren hingezogen haben, lag nicht nur an Corona-Einschränkungen. Die Hauptverhandlung hatte ursprünglich im November begonnen, musste aber abgebrochen und neu aufgerollt werden - seit März stand sie erneut vor Gericht.

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