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Corona-Konsequenz: Verzicht auf Pendler

Die nun verlängerte Grenzschließung nach Tschechien empfinden laut IHK viele Unternehmer als unverhältnismäßig hart. Sie fordern eine Perspektive.

Plastic-Concept-Geschäftsführer Bernd Nebel (rechts) - hier im vergangenen Frühjahr - muss derzeit auf seine tschechischen Mitarbeiter verzichten.
Plastic-Concept-Geschäftsführer Bernd Nebel (rechts) - hier im vergangenen Frühjahr - muss derzeit auf seine tschechischen Mitarbeiter verzichten. © Matthias Weber (Archiv)

Bernd Nebel muss nun wohl noch mindestens bis Mitte März auf seine 30 tschechischen Mitarbeiter verzichten. "Das ist ja jetzt immerhin planbar", sagt der Geschäftsführer der Plastic Concept GmbH aus Neusalza-Spremberg. Die Hiobs-Botschaft im Januar, dass er auf die tschechischen Kollegen verzichten muss, kam fast über Nacht: "Natürlich ist das ein Problem, wenn plötzlich am Freitagabend um 22 Uhr klar wird, dass die Mitarbeiter nicht mehr über die Grenze zum Dienst kommen können", erinnert er sich an die Tage, wo wegen der sich rasch ausbreitenden Virus-Mutation die Grenzen zu Tschechien plötzlich verschlossen blieben.

Plastic Concept behilft sich derweil mit Zeitarbeitern, damit es weitergehen kann, denn zehn Prozent der Belegschaft muss er nun weiterhin so ersetzen. "Die Mitarbeiter haben in Tschechien alle Familien, da will keiner hier auf nicht absehbare Zeit in einer Art Wohnheim untergebracht werden", schildert er die Lage. So wie diese Grenzschließung gelaufen ist, bezeichnet er jedenfalls als Katastrophe: "Ich bin sehr unzufrieden mit der Politik, vor allem mit der Kommunikation", sagt der Unternehmer, der in der Corona-Krise schon manche Nuss zu knacken hatte.

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Umfrage der IHK zeigt große Verärgerung

Bernd Nebel ist da bei weitem nicht der einzige, der unzufrieden und betroffen vom Pendler-Stopp ist. Abgesehen von medizinischem und Pflege-Personal, von Mitarbeitern in der Landwirtschaft, Polizisten und einer Handvoll weiteren Berufen in der kritischen Infrastruktur haben Pendler aus Tschechien keine Chance, die Grenze passieren zu dürfen. Was das in den Firmen bedeutet, zeigt eine aktuelle Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK). Im gesamten Kammerbezirk Dresden hat die IHK vor allem Unternehmen angeschrieben, bei denen eine Betroffenheit nahe lag. Mit 113 Rückmeldungen ist diese Umfrage zwar nicht repräsentativ, die Beteiligung aber enorm. Kein Wunder, denn drei Viertel dieser Unternehmen sind stark von der Grenzschließung betroffen und leiden vor allem unter dem Wegfall der Mitarbeiter (72 Prozent).

Die Möglichkeit, ihre Arbeitskräfte in Deutschland unterzubringen, sehen die Unternehmen generell als schwierig an - wie bei Plastic Concept: Nur 28 Prozent der Firmen konnten ihre tschechischen Kollegen auf deutscher Seite unterbringen. Vielfach waren familiäre Gründe für eine Ablehnung ausschlaggebend. Damit fühlen sie sich zu 54 Prozent unverhältnismäßig durch die Grenzschließung beeinträchtigt - bei drei Viertel der Befragten sind die Abläufe in den Betrieben gestört. Es kommt zu Produktionsunterbrechungen, manche Unternehmen mussten ihr Angebot einschränken.

Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer kündigt deshalb Konsequenzen an: 15 Prozent der Unternehmen wollen weniger, elf Prozent gar keine Pendler mehr beschäftigen. Andere Betriebe, so teilt die IHK mit, forcieren nun Pläne, Standorte im Ausland zu stärken oder Geschäfte ins Ausland zu verlagern.

Furcht vor irreparablen Schäden

Die Schlussfolgerung des Hauptgeschäftsführers der IHK in Dresden, Detlef Hamann, lautet daher: "Bundes- und Landesregierung müssen das derzeitige Grenzregime zu Tschechien unbedingt überprüfen." Man brauche vor allem verbindliche Aussagen und Planungssicherheit, weil es sonst irreparable Schäden geben könnte, betont er.

Auch bei der Handwerkskammer klingeln wegen Tschechien derzeit die Telefone heiß: "Ja, das ist jetzt ein großes Thema, vor allem Fragen nach Zuschüssen für Unterkünfte oder der Frage, ob man doch als systemrelevant gilt", schildert Kammer-Sprecherin Carolin Schneider. Hinzu kommen Probleme mit stockenden Lieferketten über Tschechien oder weil man direkt von Speditionen aus dem Nachbarland abhängig ist. Betroffen seien eigentlich alle Gewerke - vom Bau über Bäcker, Fleischer, Friseure und Gebäudereiniger.

Gebäudereiniger: Wer in Kliniken putzt, darf kommen

Bei der Engel Gebäudedienste GmbH in Großschönau verzichtet man derzeit auch auf einige Mitarbeiter. Das Unternehmen mit 500 Arbeitnehmern in ganz Sachsen beschäftigt drei Fünftel davon in der Oberlausitz und vor allem hier sind auch Kollegen aus dem Nachbarland dabei. "Die Mitarbeiter, die im Krankenhaus oder in Pflegeheimen reinigen, dürfen über die Grenze, wer in Kitas, Schulen oder der Industrie eingesetzt wird, aber nicht", erklärt Geschäftsführer Moritz Engel die Situation. Sie sei generell schwierig, auch wenn sein Unternehmen von der Grenzschließung nicht so stark wie andere gebeutelt ist.

Bei aller Kritik an der Entscheidung, die Grenze im Grunde fast undurchlässig zu machen, gibt es auch im Handwerk Stimmen, die schon viel früher eine Grenzschließung befürwortet haben - wenn auch auf andere Weise. Dachdecker Dirk Neumann aus Kemnitz wäre es schon um den Jahreswechsel lieb gewesen, mit Blick auf die Infektionen den ungehemmten Grenzverkehr zu unterbinden. Zu oft bekam er auf Baustellen zu hören, wie lang die Schlangen in Polen oder Tschechien beim Tanken oder Zigaretten holen gewesen waren. "Das sagt doch die Logik, dass man da handeln muss", sagt er. Allerdings hätte er sich von der Politik für die Pendler eine Ausnahme mit täglichen Tests an den Grenzen gewünscht. "So wie man das mit den Urlaubsrückkehrern im vergangenen Sommer gemacht hat", sagt er. Den Schaden für die Unternehmen, so schätzt er ein, hätte man dann vielleicht verhindern, trotzdem aber Sicherheit bieten können.

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