merken
PLUS Löbau

Holzkrise: Handwerkern droht Kurzarbeit

Viele Aufträge, kein Material: Weil der Weltmarkt durchdreht, sitzen Handwerker in Löbau-Zittau in der Klemme. Manche raten Kunden vom Bauen ab.

Dachdeckermeister Ronny Seibt mit seinen wertvollen Vorräten an Dachlatten. Wer jetzt noch Material hat, hütet es wie seinen Augapfel.
Dachdeckermeister Ronny Seibt mit seinen wertvollen Vorräten an Dachlatten. Wer jetzt noch Material hat, hütet es wie seinen Augapfel. © Matthias Weber/photoweber.de

Ronny Seibts Schatz ist mehrere Meter lang und duftet würzig. Der Chef der Löbauer Dachdecker & Klempner GmbH hat einen kleinen aber lebenswichtigen Vorrat an Dachlatten auf Lager. Bauholz - egal welcher Sorte - hat derzeit Goldstatus für Handwerker. "Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, aber wir kommen kaum an Material heran", erklärt Dachdeckermeister Seibt und zählt auf: "Dachlatten, Dämmung, Nägel sind kaum oder nur teuer und mit viel Wartezeit zu bekommen, vergangenen Sommer war zudem Aluminium knapp - es macht keinen Spaß mehr."

Fast einerlei welchen Handwerker man derzeit im Süden des Kreises Görlitz fragt, alle sagen das Gleiche: "Es sind Zustände wie vor 30 Jahren, wie zu DDR-Zeiten", vergleicht der Rosenbacher Tischler Robert Henke, der im Vorstand der Tischlerinnung ist. "Der einzige Unterschied ist, dass man früher mit Beziehungen noch was bekommen konnte - jetzt helfen einem nicht einmal mehr Beziehungen", schildert er. Für eine Küche, die er gerade baue, warte er auf Spanplatten und den richtigen Lack. "Es klemmt überall, auch bei Kabeln für Elektriker oder Kunststoffrohren - beim Holz aber besonders."

Anzeige
Pädagogische/r Mitarbeiter/in gesucht
Pädagogische/r Mitarbeiter/in gesucht

Bei der VHS ist schnellstmöglich die Stelle eines/r pädagogische/r Mitarbeiter/in Schwerpunkt Sprachen (40 h/Woche) unbefristet zu besetzen.

Preis für Dachlatten auf 400 Prozent

Wie hier die Preise angezogen sind, wissen Baustoffhändler wie Fred Teitge von der Firma Gallhöfer aus dem Stand: "An den Preisen für die klassischen, zertifizierten Dachlatten kann man das sehr deutlich sehen", sagt der Niederlassungsleiter mit Sitz in Großschweidnitz und zählt auf: "Normalerweise bekommt man den Meter für 70 bis 80 Cent pro Meter, aktuell werden sie für 1,60 bis 1,90 Cent pro Meter verkauft und vorbestellt sind diese S10er-Dachlatten inzwischen für 2,70 Cent der Meter." Und da man bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus locker mit 500 bis 550 Metern rechnen muss, schraubt sich allein der Preis bei diesen Latten etwa um das Vierfache in die Höhe. Ähnlich sieht es bei Bauholz generell, bei Dämm- oder Grobspanplatten aus.

Und so kostet der Hausbau rasch ein Drittel mehr - gerade private Bauherren können das mit ihren Krediten dann nicht mehr abdecken, bestätigen mehrere Baufirmen auf Nachfrage. Auch Dirk Neumann, Chef der Kemnitzer Firma Dach & Holz, hat schon Kunden nahegelegt, jetzt noch nicht zu bauen. "Sie haben diesen Rat auch befolgt, die Preise würden ihnen um die Ohren fliegen", sagt er. Dass ihm das als Handwerker und Firmenchef weh tut, steht außer Frage - schließlich brechen so Aufträge weg. Auch Neumann hat schon mehrfach gehört, dass manche Firmen Kurzarbeit anmelden werden oder dies sogar schon getan haben. "Die Lage ist schwierig, aber wir können es im Moment noch abfedern, weil wir breit aufgestellt sind", sagt Dirk Neumann, der nur zu gut weiß, dass es in ein paar Wochen anders aussehen kann.

Materialknappheit führt zu Kurzarbeit

Dass an den Gerüchten mit der Kurzarbeit aber durchaus etwas dran ist, bestätigt die Agentur für Arbeit in Bautzen: Im März 2021 haben im Kreis Görlitz demnach insgesamt 90 Firmen Kurzarbeit angezeigt - 30 weniger als noch im Februar, bestätigt Agentur-Sprecherin Corina Franke. Allerdings gilt dieser Trend nicht für das Baugewerbe: Hier meldeten im März zehn Betriebe Kurzarbeit an - so viele wie auch im Monat zuvor. Dabei sind die Gründe besonders interessant: "Betriebe des Baugewerbes gaben in letzter Zeit bei der Anzeige konjunktureller Kurzarbeit beispielsweise Lieferengpässe bei Materialien an, so dass die selbst Aufträge nicht sofort ausführen konnten", sagt Frau Franke. Daraus ergäben sich dann auch für andere Gewerke wiederum Warteschleifen.

Und diese Warteschleifen könnten sich noch weiter verbreiten, denn ein Ende dieser Misere ist nicht in Sicht. Das liegt im Wesentlichen an der Globalisierung. Alles ist zu eng miteinander verwoben und so hat sich inzwischen ein riesiges Bündel an Gründen entwickelt, die zu dieser Ausnahmekrise auf dem Bau führen: Wegen Corona stockt weltweit die Produktion von Baustoffen - vom Bauholz über Farben, Nägel bis zum Rohr. Für wichtige Rohre gibt es weltweit beispielsweise zwei Hauptproduktionsorte - in Holland und in den USA. Wenn es dort hakt, hakt es weltweit. Hinzu kommt eine enorme Verteuerung durch gestiegene Transportkosten, weil Container und Schiffe nicht wie sonst im Takt über die Ozeane verkehren.

Handwerker fordern "Germany first"

Und beim Holz? "Der Borkenkäfer ist nicht das Problem", sagt Tischlermeister Robert Henke. Es ist der weltweite Handel: Die USA und China kaufen derzeit Holz und Holzprodukte in Europa - und damit auch aus Deutschland und der Oberlausitz - in Größenordnungen auf. Sie füttern so ihren Bauhunger, schonen eigene Bestände und treiben die Preise in die Höhe: "Es fehlt die Steuerung", sagt Holger Rudolph, einer der Geschäftsführer der Dachdecker-Firma Rudolph & Hieronymus. Deshalb fordert er wie viele seiner Kollegen unisono, dass Deutschland die Exporte beschränkt, damit der eigene Markt versorgt werden kann. Rudolph befürchtet, dass sich ein Teil der Preisexplosionen auch auf den Klopapier-Effekt zurückführen lassen. "Jeder kauft, was er kriegen kann, weil er ja nicht weiß, ob er es demnächst noch bekommt", sagt er.

Einer Regulierung des Exportes, wie es die Handwerker fordern, redet Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) nach einem Holz-Gipfel diese Woche nicht das Wort: "Der schnelle Ruf nach dem Eingriff in den Markt ist schnell ausgerufen, aber ich bin skeptisch, ob das politisch statthaft ist", sagt er vor Journalisten. Weniger Holz zu exportieren, halte er nicht für die Lösung, denn bei 1,2 bis 1,4 Millionen Kubikmeter Holz, das der Staatsbetrieb Sachsenforst pro Jahr schlage, gehe nur fünf Prozent in den Export. Beim Treffen der Länder-Wirtschaftsminister mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) werde man beraten, wie man das heimische Handwerk schützen könne. Zudem will Dulig dafür sorgen, dass die straffen Verträge, die bei Aufträgen der öffentlichen Hand vor allem bei der Preisbindung die Handwerker derzeit stark drücken, gelockert werden. Man wolle an die Vergabestellen appellieren, eine Preisgleitklausel anzuwenden.

Ob das Erfolg hat, ist noch nicht abzuschätzen. Ebenso wenig, welche Schutzmaßnahmen der Bund für die Handwerker einrichten kann. Da ist es Ronny Seibt und seinen Kollegen dann doch lieber, er hat die Dachlatten, die er braucht, schon auf Lager und kann damit arbeiten.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen die wichtigsten Nachrichten aus Löbau und/oder Zittau direkt aufs Smartphone gesendet bekommen? Dann melden Sie sich für Push-Nachrichten an.

Weiterführende Artikel

Neue Häuser an Freitals Stadtrand

Neue Häuser an Freitals Stadtrand

In Saalhausen entstehen anstelle eines alten Bauernhofes mehrere Doppelhäuser. Die Nachfrage ist groß, doch es gibt ein Problem.

Rödertal: Handwerksbetriebe suchen Fachkräfte

Rödertal: Handwerksbetriebe suchen Fachkräfte

In vielen hiesigen Handwerksbetrieben fehlt Fachpersonal. Wie groß das Problem ist und mit welchen Ideen erfolgreiche Betriebe dem Mangel entgegenwirken.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Sie haben Hinweise, Kritik oder Lob? Dann schreiben Sie uns per E-Mail an [email protected]ächsische.de oder [email protected]ächsische.de

Mehr zum Thema Löbau