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Meißen

Markenloser Brief zum Kaisermanöver 1889

Ein Soldatenbrief hat weder Adresse noch Briefmarke. Dennoch wurde die Post schnell zugestellt.

Nur mit einer Regiments- und Ortsangabe erreichte der in Tharandt am 7. September 1889 aufgegebene Soldatenbrief nach Bornitz bei Oschatz trotz Kaisermanöver und Nachsendung noch am gleichen Tag seinen Empfänger.
Nur mit einer Regiments- und Ortsangabe erreichte der in Tharandt am 7. September 1889 aufgegebene Soldatenbrief nach Bornitz bei Oschatz trotz Kaisermanöver und Nachsendung noch am gleichen Tag seinen Empfänger. © Matthias Fiebiger

Von Matthias Fiebiger

Stauchitz. Ein verhältnismäßig seltener Brief ohne jegliche Briefmarke, zumal nachgesandt, macht neugierig. Neben der Anschrift an einen Soldaten im Infanterie-Regiment Nr. 102 in Bornitz bei Oschatz steht geschrieben: „Soldatenbrief – Eigene Angelegenheit des Empfängers“. Eigentlich war zu dieser Zeit das Regiment in Zittau stationiert.

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Der Brief wurde noch am gleichen Tag nach Stauchitz, keine zehn Kilometer von Bornitz entfernt, weiterbefördert. In beiden Dörfern standen aber keine Kasernen oder anderweitige militärischen Anlagen. Es gab in jenem Jahr 1889 auch keinen Krieg. Denn dann hätte der allgemein bekannte Vermerk „Feldpost“ auf der Anschriftenseite gestanden.

Der Brief wurde am 7. September 1889 in der Zeit von 9 bis 10 Uhr vormittags in Tharandt aufgegeben. Gerichtet war er an den Soldaten Ernst Berndt in der 10. Kompanie des 3. Infanterie-Regimentes No. 102 in Bornitz bei Oschatz. Dort traf er bereits nach etwa fünf Stunden ein. Jedoch war der Empfänger nicht mehr erreichbar. So strich man in Bornitz mit blauem Stift den Empfängerort durch und ersetzte handschriftlich mit gleicher Farbe daneben den Ort Stauchitz. Laut Ankunftsstempel traf der Brief in Stauchitz am gleichen Tag zwischen nachmittags ein.

Weitere Aufschlüsse zur damaligen Situation gibt ein Beitrag in der Riesaer Zeitschrift „Unsere Heimat“ des Jahrganges 1939. In jenem September fand vom 6. bis 10. ein Manöver der Sächsischen Armee statt, an dem das Infanterieregiment 102 aus Zittau beteiligt war. Das auch Kaisermanöver genannte erstreckte sich südlich von Oschatz mit seinem Mittelpunkt Ostrau bis nach Lommatzsch.

 In Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II begann es am 6. September nahe Naundorf mit der Parade des Großverbandes der Sächsischen Armee. Tags darauf folgte ein Manöver der Armee gegen einen angenommenen Feind, weiter mit Brigade- und Divisionsmanövern und endete am 9. und 10. September mit einem Manöver in zwei Teilen gegeneinander. 

Bei den täglichen Truppenbewegungen während der Manöverzeit erklärt sich der unterschiedliche Empfängerort des Briefes. Bemerkenswert, dass der Adressat seinen Brief ohne konkrete Anschrift noch am gleichen Tag zugestellt in Empfang nehmen konnte. Waren doch die fremden Soldaten in einzelnen Bauernhöfen privat untergebracht.

Postsendungen an Soldaten mit Dienstgraden unterhalb eines Offiziers gestatteten Portovergünstigungen. Briefe und Postkarten waren gemäß Gesetz portofrei. Allerdings mussten diese Sendungen mit dem Vermerk „Soldatenbrief - Eigene Angelegenheit des Empfängers“ gekennzeichnet werden. Ein handschriftlicher Vermerk genügte in Ergänzung der Empfängeradresse vollkommen aus. Diesbezügliche Portofreiheit ist auch noch nach dem Ersten Weltkrieg bekannt.